Tagungsbericht

Von Merle Ranft

Was bedeutet Anthroposophie? Was versteht man unter modernen anerkannten wissenschaftlichen Standards? Und was genau passiert, wenn man die Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie im akademischen Kontext begründen möchte? – Eine Fachtagung in Ottersberg fragt nach der Anthroposophie im Hochschulkontext

Konnte man bisher die Hoffnung haben, zumindest in den Grundfesten auf ein homogenes Konzept innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu stoßen, dann wurde diese Vorstellung spätestens auf der Fachtagung „Anthroposophie im Hochschulkontext“ in wirkliche Bedrängnis gebracht. Die Tagung fand am 22. und 23. September in Ottersberg statt und entsprang einem Konzept von Peer de Smit und Ralf Rummel-Suhrcke von der Fachhochschule Ottersberg, die in Kooperation mit der Alanus Hochschule in Alfter das Tagungsprogramm konzipierten und dabei finanziell von der Software AG-Stiftung unterstützt wurden.

Die Idee zu der Fachtagung ging auf die Feierlichkeiten zum 40jährigen Jubiläum der Fachhochschule Ottersberg zurück, bei denen der Wunsch entstanden war, anthroposophische Bildungsimpulse im akademischen Kontext darzustellen, zu entwickeln und zu reflektieren. Darüber hinaus schien das Ziel verfolgt zu werden im Rahmen öffentlicher Fachgespräche das gemeinsame Netzwerk anthroposophisch inspirierter Hochschulen in Deutschland zu vertiefen und auszubauen.

Die Beiträge der rund zwanzig Vortragenden boten einen bunten Strauß von Positionen bezüglich der anthroposophischen Zugänge zu Wissenschaft, Kunst und Leben in der Gegenwart. Diese reiche Variation führte auf Seiten der Veranstalter zu der Bemerkung, dass zwar in den Präsentationen zusammenhängende Bilder entworfen wurden, diese aber in der Diskussion und Konfrontation teils dazu tendierten ihre Nuancen zu verschieben. Was verstanden die Tagungsteilnehmer beispielsweise konkret unter dem Begriff der Anthroposophie? Der Biologe Wolfgang Schad meinte, sie sei das Werdende, das in der Wissenschaft beginne und in der religiösen Vertiefung ende. Auch der Regisseur Christopher Marcus betonte, dass Anthroposophie kein Dogma sei, sondern lebendig aus sich heraus entwickelt und weitergeführt werden müsse. Diese schemenhaften, stark innerlichen Ansätze erweiterte Peter Sinapius aus Ottersberg mit der Betonung eines ästhetischen Ansatzes, durch den die Dinge in ihrer phänomenologischen Form zur Erscheinung kommen können. Eine Wissenschaft „in actu“ also, die die Dinge schauen und nicht fixieren, spüren und nicht begreifen will. Michaela Glöckler schließlich setzte das Verständnis der Anthroposophie in einen engen Zusammenhang mit dem Begriff der Selbstschulung und der Bewusstseinserweiterung. An diesem Punkt erweiterte sich die Debatte um eine begrifflich-methodische Dimension, die es verlangen würde genauer beleuchtet zu werden, wenn man in Dialog mit modernen, anerkannten wissenschaftlichen Standards treten will.

Dass jene Standards nicht ungeprüft als Maßstab umfassender Geistesforschung gelten dürften, war wahrscheinlich die einheitlichste Überzeugung der Tagungsteilnehmer. Hier machte besonders Karl-Martin Dietz deutlich, dass in der philosophischen Reflexion der Wissenschaftsbegriff prinzipiell noch unklar und bis heute ungelöst sei. Er betonte weiter, dass Rationalität und Empirie als Grundfesten heute in Frage stünden und ein darauf reagierender Paradigmenwechsel in der Wissenschaftslandschaft seit rund fünfzig Jahren absehbar sei. Wenn jener Wissenschaftsbegriff nun aber als überarbeitungswürdig eingestuft werden kann, so schließt sich die Gegenfrage an, wie die Anthroposophie zur Weiterentwicklung desselben beitragen kann, ohne sich dabei zugleich als eine gleichsam erhabene Instanz profilieren zu wollen.

Für Marcelo da Veiga und Jost Schieren von der Alanus Hochschule war es unstrittig, dass die Anthroposophie dafür als Wissenschaft des Geistes ihren Weg an die Hochschulen finden müsse, um somit überhaupt an aktuellen Debatten und Sinnfragen Teil haben zu können. In ihren Beiträgen entwickelten sie ein philosophisch-stringentes Bild der Anthroposophie, die nicht als abgeschlossenes Lebenswerk Rudolf Steiners begriffen werden dürfe, rational begründbar sei und damit an die Hochschulen gehöre. Ob das Modell der Hochschulen aber überhaupt als Königsweg auf dem Weg zur aktiven Teilhabe anthroposophischer Geisteswissenschaft und der davon inspirierten Praxisfelder zu sehen ist wurde unter den Vortragenden nicht recht deutlich. So bemerkte unter anderem Wolfgang Schad, dass der Wille zur Akkreditierung zwar verständlich sei, aber nicht, wenn man sich dabei verbiegen müsse. Auch Rainer Jesenberger gab zu bedenken, dass mitunter drei Hochschul-Leuchttürme weniger attraktiv seien als freie Initiativen, die an staatlichen Hochschulen verortet würden.

In welcher Form auch immer die Anthroposophie sich Gehör verschaffen mag, wichtig ist es dabei zu klären mit welchen Inhalten sie sich dabei verbindet. Dafür ist zum einen ein wissenschaftlicher Umgang mit der Anthroposophie unumgänglich, der wegführt von einer bloßen Steiner-Exegese. Zum anderen wäre es wünschenswert, eine tiefere methodische Auseinandersetzung mit Kritikern und Befürwortern der Anthroposophie zu suchen, um eine substantielle Weiterentwicklung und Vertiefung der wissenschaftlichen Erforschung des Geistes zu erreichen, in der klar zwischen Behauptung, Weltanschauung und Erkenntnistheorie unterschieden werden kann.

Die Fachtagung in Ottersberg wurde in konstruktiver und offener Stimmung geschlossen. Die vielen ungeklärten und wichtigen Fragen nahmen die Veranstalter engagiert auf und betonten den gegenseitigen Wunsch, die Gespräche kontinuierlich weiterzuführen. Damit wolle man an die bisher geleistete Bestandsaufnahme anknüpfen und den ersten Anstoß in Ottersberg zu einer inhaltlichen Vertiefung in das Thema weiterentwickeln. Man darf also gespannt sein, welche Formen das Tagungskonzept in der kommenden Zeit annehmen wird.