Wie sieht das Alter aus? Einheitliches Bild nicht mehr in Sicht. Foto: rosmary. / Creative commons

Wie sieht das Alter aus? Ein einheitliches Bild ist nicht mehr in Sicht.
Foto: rosmary. / Creative commons

Ich bin unter 30 und lebe in Deutschland – damit gehöre ich schon fast zu einer Minderheit. Mehr als ein Drittel aller Deutschen sind über sechzig, in zwanzig Jahren wird die Zahl noch einmal drastisch steigen. Der demographische Wandel wirft Fragen auf, die in der Politik zur Zeit überwiegend auf das Rentenproblem reduziert werden. Dabei geht es um Fragen, die viel tiefgreifender sind. Sie berühren auch mich, Vertreterin einer Generation, der die Welt weit offen steht: Was bin ich den Menschen schuldig, die vor mir geboren wurden und heute auf Fürsorge angewiesen sind? Wie möchte ich selbst einmal alt werden?

Gerechtigkeit zwischen den Generationen – ein Thema, das auf dem Kongress der Heinrich Böll Stiftung in Berlin unter dem Motto „Baustelle Neuer Generationenvertrag“ diskutiert wurde. Beiträge aus Politik, Philosophie und intellektueller Szene machten deutlich: Es braucht Visionen für ein ganz neues Verhältnis zwischen Jung und Alt.

Ein Miteinander durch Freiwilligkeit

Mit seiner Formel „der demografische Wandel bringt Veränderungen mit sich, die so radikal sind, wie ansonsten nur der Klimawandel“ verdeutlicht Ralf Füchs, Leiter der Böll Stiftung, die Brisanz eines Themas, das ich im Alltag häufig verdränge. Weil es mir selten begegnet. Altern ist ein Phänomen, mit dem ich höchstens bei Familienfeiern konfrontiert werde. Meine Großmutter wohnt selbstverständlich nicht mehr mit mir unter einem Dach – individuelle Lebensgestaltung und Patchwork-Verhältnisse ersetzen zunehmend traditionelle Familienstrukturen. „Selbstverständliche Bindungen lösen immer weiter auf“, konstatiert Gesine Schwan. „Deshalb brauchten wir ein neues Miteinander zwischen den Generationen, eines, das auf Freiwilligkeit beruht“ Ist die SPD-Politikerin und Wissenschaftlerin überzeugt. Wie kann ein solches Miteinander aussehen? Welche neuen Formen von Beziehungen zwischen Alt und Jung sind möglich? Konkrete Antworten gibt der Kongress noch nicht. Offenbar müssen ganz neue Konzepte her.

Gesellschaftliche Mitgestaltung statt Urlaub und Autos

Denn nicht nur die Waagschale zwischen Jüngeren und Älteren verschiebt sich, auch das Älterwerden selbst ist im Wandel. Wenn ich heute an mein Leben mit Ende sechzig denke, kann ich mir nicht vorstellen, mit einem geruhsamen Leben auf dem Sofa zufrieden zu sein. Jetzt schon sind Menschen zwischen sechzig und achtzig gesundheitlich oft noch gut in Form, können und möchten gesellschaftlich etwas leisten. „Wir brauchen ganz neue Ideen für die ältere Generation“, sagt Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Ehrenamtliches Engagement, Beschäftigung im Alter – das Verhältnis zwischen Arbeit, Engagement und Freizeit muss neu verhandelt werden. Neue Formen der Zeitpolitik also, auch für die junge Generation. Meine Arbeit soll erfüllend sein, Spaß machen und Sinn stiften – das ist mir wichtiger als Urlaub und Autos. Werte verändern sich, gesellschaftliche Mitgestaltung soll nicht mit der Rente enden. Was kann, was muss Politik tun, um Rahmenbedingungen zu schaffen, die modernen Lebensentwürfen gerecht werden? Das Gespräch mit PolitikerInnen von SPD, Grünen und Linken verliert sich in Details über Rentenfinanzierung und Investitionsschancen – zu ungreifbar, zu vage schwimmen wirkliche Innovationen im Raum.

Jugend wird käuflich

Was es dringend baucht: „Eine große Erzählung, wie Gesellschaft generationsgerecht gestaltet werden kann“, sagt Ralf Füchs. In der Politik scheinen noch die alten Geschichten erzählt zu werden, zumindest in Deutschland. Anders sieht das in den USA aus, wo das Arbeiten mit sechzig-plus schon zur Normalität gehört, wie Elisabeth Niejahr, Journalistin bei der Zeit, berichtet. Altern werde immer individualisierter, hänge stärker von Entscheidungen über Ernährung, medizinische Versorgung und kosmetischer Pflege ab. „Jugend wird ein Stück weit auch käuflich“, meint Niejahr. Die zukünftigen Älteren werden viel heterogener sein – damit braucht es auch einen radikal anderen Blick auf das Thema Altern.

Was bleibt

Der Kongress endet mit einer Theaterperformance: Großvater, Vater und Tochter zusammen an einem Küchentisch, die darüber sprechen, wie eine Generation die andere prägt. Das Portrait einer modernen Familienbeziehung, eine Erzählung aus dem Jetzt in Berlin.  Welche Geschichten werde ich selbst irgendwann am Küchentisch erzählen, meinen Enkeln, meinen Wahlverwandten oder MitbewohnerInnen? Fragen, die nach dem Kongress offen bleiben. Aber vielleicht bieten die Fragen Vorlagen für große Erzählungen, die erst noch geschrieben werden müssen. Über ein neues Miteinander zwischen den Generationen.

 Website der Henrich Böll-Stiftung mit ausgewählten weiterführenden Texten.