325 Seiten Euro 26,- / auch als e-Book erhältlich

325 Seiten Euro 26,-  auch als e-Book

 

Jens Heisterkamp: Wir kennen im Abendland die Logos-Lehre, die auf das Griechentum zurückgeht, wir kennen die hohe Schätzung des Wortes im mystischen Judentum und im Christentum. – Sie haben nun herausgearbeitet, wie uns dieses „Worthafte“ auch im alten Indien entgegentritt. In welcher Form genau?

Klaus J. Bracker: Es gibt in den indischen Veden die Gottheit Vak, die eine Erscheinung der noch umfassenderen Göttin Aditi darstellt, der Gottheit der unendlichen Weite und des unendlichen Raumes und des unendlichen Bewusstseins. Sie erscheint, indem sie in unsere Welt einwirkt, als die Göttin Vak, die Göttin des Wortes.

Die vedischen Hymnen werden in ihrem Ursprung auf die Rishis zurückgeführt, von denen ja auch Rudolf Steiner spricht. Im Rig Veda ist in einem Hymnus (I 164.45) von vier Ebenen des Wortes die Rede, von denen später ähnlich auch der tantrische Weg des Yoga spricht: Da gibt es Para-Vak, das höchste, transzendente Wort, das noch keine Form angenommen hat, wo es aus dem Non-Dualen ansetzt; Steiner würde hier vom Oberen Devachan sprechen. Dann kommt Pashyanti-Vak, das erleuchtete Wort, das wir der Inspiration zuordnen können, dann folgt Madhyama-Vak, das mittlere oder vermittelnde Wort – hier denke ich daran, wie etwa in der Eurythmie die Logos-Kräfte mit und durch den Menschen als Wort-begabtes Wesen wirken; dann kommt schließlich als viertes die Stufe Vaikhari-Vak, das materielle oder gesprochene Wort. Wir sehen also: Im Sinne der Veden gehen von Vak die Ströme aus, die die ganze Welt in die Manifestation bringen. Das Universum ist aus dem Wort geworden.

Steiner hat sich ja in seinem Werk mit der indischen Weisheit erst nach seinem Zusammenkommen mit der theosophischen Bewegung auseinandergesetzt. Manche Beobachter meinen, dies sei ein Bruch mit seiner bis dahin eher philosophischen Orientierung gewesen. Was Sie in Bezug auf die vedische Philosophie erläutern, wirkt aber doch der Philosophie des deutschen Idealismus gar nicht so fremd?

Ganz richtig. Doch Rudolf Steiner kannte diesen Kontext schon vor 1900. Bereits 1892 schrieb er an seinen Wiener Bekannten Richard Specht, dass er angefangen habe, sich mit der Bhagavad Gita zu beschäftigen. Und er hat später dargestellt, dass in der Zeit um 1800 das Licht dieser Bhagavad Gita über Mitteleuropa zu leuchten begonnen habe – bei Novalis etwa finden sich  starke Bezugnahmen auf Indien, auch im Werk des Malers Runge finden sich Spuren davon. – Noch in Wien hatte Steiner übrigens den Theosophen Friedrich Eckstein kennen gelernt und war vermutlich durch ihn in die östliche Weisheit eingeführt worden.

Explizit auf die Spiritualität des Ostens bezieht sich Steiner dann ab 1902. Seine später in Buchform erschienene Aufsatzreihe über Erkenntnisse der höheren Welten etwa nimmt ja nicht nur auf den Buddhismus Bezug – sind dort nicht auch Bezüge zum hinduistischen Yoga zu finden?

Was Rudolf Steiner als Vorstufen in Bezug auf die moralische und charakterliche Entwicklung, auch z.B. zum Übergang von Konzentration zur eigentlichen Meditation schildert, findet man im klassischen Yoga ganz sicher wieder, da gibt es augenfällige Übereinstimmungen und Steiner hat das auch gar nicht verschwiegen. Interessant ist hier, dass er Ende 1912 in Köln anlässlich der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft dann fünf Vorträge ausgerechnet über die Bhagavad Gita im Vergleich zu den Paulusbriefen hält. Das ist hoch spannend: Da, wo sich Steiner abgrenzt von der theosophischen Bewegung – was holt er trotzdem ganz mit herein? Die Bhagavad Gita. Und er entwickelt ein großartiges Bild von Krishna, dem Avatar. Steiner unterscheidet dann in der Bhagavad Gita drei Ströme: ein Element, das von den Veden herkommt, was er bezeichnet als den spirituellsten Monismus, der gedacht werden kann, dann die Sankhya-Strömung, die das Wissen über die Ordnung der verschiedenen Ebenen der Welt und des Menschen enthält, und schließlich die Yogaströmung mit ihrem Schulungsweg – und weist selbst darauf hin, dass dem Yoga das Schulungskapitel seines Buches Geheimwissenschaft im Umriss entspricht und dass es darauf ankomme, alle drei Strömungen zu verbinden.

Trotzdem scheint bei vielen Anthroposophen eine tiefe Abneigung gegen alles „Östliche“ eingewurzelt zu sein. Hat das vielleicht mit einer Art Trennungs-Trauma zu tun – Steiner wollte sich damals ja gegen die Inszenierung des jungen Krishnamurti als angeblich wiedergekommenem Erlöser abgrenzen. Ist diese Geste möglicherweise fundamental missverstanden worden, als Geste gegen den Osten schlechthin? Bis heute ist ja für viele Anthroposophen Yoga ein rotes Tuch.

Es gibt in der Tat Äußerungen Steiners, in denen er den klassischen Yoga für den westlichen Menschen zurückweist. Wenn man sich das im Zusammenhang anschaut, sieht man allerdings, dass er sich dabei auf einen ganz bestimmten Aspekt kapriziert – auf Pranayama, die Atemübungen. Daran macht er fast alles an seiner Kritik fest – der Weg über den Atem sei für die heutigen Europäer ein Umweg, es seien sogar mit einigen Aspekten widersacherische Wirkungen verbunden. Trotzdem blieb er nicht dabei, diese Aspekte zu kritisieren, er wollte dem auch etwas Positives an die Seite stellen. Und da sind die Jahre 1919 und 1920 sehr wichtig, wo Rudolf Steiner Ansätze einer Alternative aufgezeigt hat. Als rechtschaffener Anthroposoph muss man sich daher gut überlegen, ob die allergische Reaktion auf das Wort „Yoga“ angemessen ist, wenn Steiner beispielsweise im November 1919 fordert, es müsse ein „neuer Yoga-Wille“ ausgebildet werden, sogar in Verbindung mit dem Zeitgeist Michael. Ich kann das hier nur andeuten, aber der Weg, den Steiner da meint, geht eben nicht über den Atem, sondern über das Licht! Da bekommen gerade die michaelisch gestimmten Anthroposophen einen Arbeitsauftrag, der mit „Yoga“ innig zu tun hat. Etwas Ähnliches gibt es bei Steiners Ergänzungsvorträgen zu dem Hochschulkurs am Goetheanum im Jahr 1920, die von einer zeitgemäßen Metamorphose des Yoga handeln – da geht es um das richtige Atmungsverhältnis zwischen dem Leben in den Sinneseindrücken und dem reinen, sinnlichkeitsfreien Denken. Es wäre also – gerade im Blick auf Sri Aurobindo und seinen Integralen Yoga – mehr als schade, wenn man auf diese Beschäftigung wegen des Schreckwortes „Yoga“ verzichten würde. Das hielte ich für einen Verlust.

Wir haben jetzt etwas über Steiners Sicht des Yoga erfahren – umgekehrt zeigt Ihr Buch auch überraschende Sichtweisen von Sri Aurobindos Integralem Yoga mit Blick auf die Gestalt des Christus.

Dem möchte ich eins voranstellen: Ich bin überzeugt, dass wir in der Anthroposophie ein Verhältnis zum Christus nicht ausbilden können ohne ein achtsames Gewahrsein dessen, wer seine Trägerwesenheit ist. Steiner nennt hier die nathanische Jesus-Wesenheit, die im Lukas-Evangelium beschrieben wird; es handelt sich dabei Rudolf Steiner zufolge um dieselbe Wesenheit, die in Indien als Krishna bezeichnet wird. Nun ist aber in Indien Krishna nicht einfach nur ein großer menschlicher Held, sondern er ist ein Avatar, eine Manifestation des höchsten göttlichen Wesens in Menschengestalt. Dem spürt Sri Aurobindo nach, er nennt es das „Supreme Divine“, das noch vor der Differenzierung in Nondual und Dual steht, das in ihm lebt. Hier wird es echt philosophisch! Und Sri Aurobindo hat 1909 diese intensive Krishna-Berührung, empfängt während einer Gefängnishaft seinen spirituellen Auftrag und spricht ab 1912 von einem Yoga, der ausdrücklich das Ziel hat, das Göttliche in der Erdenwelt zu manifestieren und sich nicht von der Erde zurückzuziehen. Also keine Spur von Erdenflucht, wie man oft unterstellt. Und er selbst verwendet den Vergleich: Das sei das, was im Christentum die Verwirklichung des Reichs Christi auf Erden genannt werde. Zwischen 1914 und 1920 kommt dann die Zeit seiner Hauptwerke, wo von Christus kaum die Rede ist, aber in seinem Spätwerk Savitri, einem großen Mysteriendrama, hält er dann Ausschau nach einem spirituellen Geschehen, das an das frühere Wirken von Krishna anschließen wird – so wie es ja auch im Christentum die Erwartung der Wiederkunft gibt. Das ist im Hinduismus der sogenannte zehnte Avatar: Kalki. Und die Freunde des Integralen Yoga verstehen diesen auch als Yoga der unmittelbaren Vorbereitung auf das Kommen Kalkis. In diesem Zusammenhang kommt Aurobindo selbst deutlich auf Christus zu sprechen und er sagt, die Wirksamkeit des zehnten Avatars sei nicht vorstellbar, ohne dass dieselbe Wesenheit auf Erden zuvor Kreuzigung, Tod und Auferstehung durchmachen musste. – Als ich das entdeckte, stockte mir fast der Atem – sicher sagt Steiner, dass der Christus einmalig auf Erden verkörpert gewirkt hat, er sieht das Ereignis von Golgatha ja als Mittelpunktsgeschehen, und doch beschreibt auch Steiner Stadien und Vor-Stufen und eben auch weitere noch folgende Manifestationen Christi im Ätherischen, Astralischen und Devachanischen. Obwohl Aurobindo und Steiner in der Terminologie zwar grundverschieden klingen, sind sie meiner Überzeugung nach demselben Mysterium sehr nahe gekommen.

Das spricht für die Notwendigkeit eines spirituellen Dialogs! Welche Aufgaben und Chancen sehen Sie da?

Ich glaube nicht, dass Rudolf Steiner der Meinung war, er hätte schon alles gesagt und alle Nachfolgenden müssten mit dem bloßen Verinnerlichen seiner Wortlaute glücklich und zufrieden sein. Er wusste, dass die anthroposophische Spiritualität binnen hundert Jahren eine andere Ausdrucksweise annehmen würde. Steiner hatte eine evolutive, planetarische Spiritualität vor Augen, da bin ich ganz sicher, sonst hätte er ja auch nicht von einer „Kulmination“ zum Jahrhundertende gesprochen, denn eine Kulmination ist ein „Mehr“ gegenüber dem, was schon ist. Und Steiner selbst hat die Frage aufgeworfen, ob es sein kann, dass der Christus einmal zu uns in einer uns nicht gewohnten Sprache sprechen wird? Und dass dieses Sprechen sogar aus dem Osten kommt? Ich halte den Dialog auch für Anthroposophen deswegen für äußerst wichtig, weil erst in solchen dialogischen Prozessen, im Erwachen am Anderen, eine neue Inspiration greifen kann – nicht nur in der Arbeit im stillen Kämmerlein.

Hören Sie dazu auch den Podcast mit Ronald Richter bei Kultradio

Zum Autor:
Klaus J. Bracker, geboren 1956, hörte mit 15 Jahren erstmals von Auroville, der von Sri Aurobindo inspirierten Modellstadt in Süd-Indien, und hatte 1975 erste praktische Berührungen mit dem Integralen Yoga. Auf einer Orientreise nach Auroville mit Steiners Philosophie der Freiheit im Gepäck kehrt er in Afghanistan, bedingt durch eine schwere Erkrankung, zurück nach Europa und wird Eurythmist, Heileurythmist und Waldorflehrer. 25 Jahre später tauchen in seinem Leben, nach langer Erfahrung auch in buddhistischer Meditation, vor dem Hintergrund der Frage nach dem wahren Ich die Schriften Aurobindos wieder auf – und wecken den Drang, diese Darstellungen anthroposophisch zu verstehen. Der Eindruck, dass sich Aussagen von Steiner und Aurobindo gegenseitig potenzieren, verbunden mit einem lebensgefährlichen Autounfall, forcieren den Impuls, dieses Thema auszuarbeiten. 2009 erscheint sein Buch Grals-Initiation, im gleichen Jahr besucht er erstmals Pondicherry und Auroville. In seinem soeben erschienenen Buch Veda und lebendiger Logos untersucht er die Berührungen zwischen Rudolf Steiner als Begründer der Anthroposophie und Sri Aurobindo als Begründer des Integralen Yoga.