Ruft zur Besonnenheit auf: Johannes Kiersch

Ruft zur Besonnenheit auf: Johannes Kiersch

Von Johannes Kiersch

Die Anthroposophie Rudolf Steiners ist nach dessen Tod immer wieder von Richtungskämpfen in ihrer weiteren Entfaltung behindert worden. Zwei davon, die Ächtung Ita Wegmans und ihrer Freunde im Jahre 1935 und bald danach der Nachlass-Streit, haben anthroposophische Aktivitäten auf allen Lebensfeldern Jahrzehnte lang lahmgelegt. Da mag es beunruhigend wirken, dass sich mit dem Erscheinen des ersten Bandes einer kritischen Ausgabe von Schriften Steiners in einem nicht-anthroposophischen Verlag, dem philosophischen Fachverlag frommann-holzboog, jetzt eine neue Spaltung abzuzeichnen scheint: tiefe Empörung über die Diffamierung des Geisteslehrers und die Herabwürdigung aller traditionellen Werte auf der einen Seite, Jubel über einen Durchbruch zur Freiheit des unbefangenen Gesprächs, verbunden mit Hohn und Spott gegen finsteren Obskurantismus, auf der anderen; dort Thomas Meyer und seine Mitkämpfer in der Basler Zeitschrift Der Europäer, hier die Avantgarde um Ramon Brüll und Jens Heisterkamp in Info3. Was mir dabei besonders auffällt, ist die sonderbare Emotionalität der Debatte, die tiefe Erregung, mit der da von beiden Seiten argumentiert wird. Was liegt da zugrunde? Meine Vermutung: Es geht gar nicht so sehr um wahr oder falsch, um die Klärung objektiv gegebener Tatbestände, sondern um einen Konflikt unterschiedlicher anthroposophischer Daseinsempfindungen und Lebensformen.

Verstehen und verehren

Rudolf Steiner hat gesagt: „Ich will nicht verehrt werden! Ich will verstanden werden.“ Christoph Lindenberg setzt diesen Ausspruch als Motto vor seine große Biographie von 1997. Das bittere Wort wirft ein helles Licht auf Steiners bedrängte innere Lage. Wo er auf Verständnis gehofft hat, musste er sich nur allzu oft mit Verehrung begnügen. Mich hält das nicht davon ab, den Begründer der Anthroposophie zu verehren. Aber nach jahrzehntelanger Bemühung wird mir immer klarer, dass ich weit davon entfernt bin, ihn verstanden zu haben. In diesem Punkt unterscheide ich mich von vielen tätigen Anthroposophen, die jeden Tag erleben, dass Steiners Ideen plausibel und fruchtbar sind. Solche neigen dazu, Anthroposophie als Offenbarungsreligion aufzufassen: mit absolutem Wahrheitsanspruch und unbedingter Gültigkeit. In den verworrenen Lebensverhältnissen der Gegenwart ist das eine Daseinsgrundlage von wohltuender Sicherheit. Zumal sie auch noch, mit Berufung auf Steiners Philosophie der Freiheit, als frei erworbenes Ergebnis eigener Einsicht ausgegeben werden kann. Dass dabei Doppelbödigkeiten entstehen, Fassadenbildungen, Tabuzonen, problematische Abhängigkeitsverhältnisse, Ansprüche auf Heiligkeit und Würde, wie bei jeder Religion, nimmt man in Kauf. Das zentrale Wohlgefühl der Geborgenheit in Wahrheit schiebt solche Nebensächlichkeiten ganz beiseite.

Nun ist ja gegen authentisch gelebte Religiosität nichts einzuwenden, schon gar nicht von Seiten der neuen Geisteswissenschaft. „Anthroposophie“, sagt Steiner, „stört niemandes religiöses Bekenntnis.“ Deswegen hat es mich auch geärgert, wenn in einer Zeitschrift wie Info3, die doch nach allen Seiten hin offen für fortschrittliche Gespräche sein will, zum Beispiel seinerzeit unter dem Motto „Endstation Dornach“ Ausführungen zu lesen waren, in denen religiös empfindende Anthroposophen verhöhnt und schlecht gemacht wurden. Was man sich gegenüber Buddhisten, Muslimen, Juden oder den Anhängern Ken Wilbers nie erlauben würde, durfte da von Autoren wie Felix Hau fröhlich praktiziert werden, auch gegenüber der natürlich nicht unfehlbaren Person Rudolf Steiners. Mit der Folge, dass die Gegenseite zu immer neuen Bannflüchen aufgestachelt wird.

Traditionelle Sehgewohnheiten in neuem Licht

Wie wäre es, wenn beide Seiten sich mit dem Gedanken vertraut machen würden, dass wir alle noch weit davon entfernt sind, Rudolf Steiner verstanden zu haben? Und dass auf dem mühsamen Weg zu einem besseren Verständnis auch philologische Methoden zulässig sind? Diese Methoden haben eine begrenzte Reichweite und erklären natürlich nicht alles. Aber sie rücken doch manche traditionelle Seh-Gewohnheit in ein neues Licht. Man muss als Anthroposoph nicht hinter jedem Busch einen Jesuiten lauern sehen und nicht hinter jedem Unglück einen dekadenten Freimaurer, und erst recht nicht hinter einer ergebnisoffenen Erwägung oder einer missglückten Schlussfolgerung eine diffamierende Absicht.

Anthroposophie als Aufklärung hat Günter Röschert das schöne Buch genannt, mit welchem er im Geiste Lessings für freimütige Gespräche eintritt, auch da, wo sie zunächst einmal weh tun. In die gleiche Richtung zielt das Beispiel, das Steiner selbst in seiner exemplarischen Auseinandersetzung mit Franz Brentano gegeben hat (GA 21, S. 79f). Dort charakterisiert er den von ihm bewunderten Philosophen ostentativ als entschiedenen Gegner der Anthroposophie. Und sogleich tritt er dann in ein produktives Gespräch mit ihm ein.

Vor einer neuen Spaltung der anthroposophischen Bewegung brauchen wir diesmal keine Angst zu haben. Hinreichend viele Anthroposophen haben inzwischen die bekannten „Nebenübungen“ Steiners so weit praktiziert, dass sie sich in die Lebenslage und die Stimmungen beider Parteien verständnisvoll einfühlen können. Und hinreichend viele haben auch schon eingesehen, dass wir alle gemeinsam, genau wie die „kritischen“ Philologen, noch längst nicht wissen, wer Rudolf Steiner war, wie er sich entwickelt hat und welche Wahrheiten in seinem Lebenswerk noch zu entdecken sind. ///

Johannes Kiersch war Waldorflehrer und seit 1973 am Aufbau des Instituts für Waldorfpädagogik in Witten/Ruhr beteiligt. Zahlreiche Publikationen zur Waldorfpädagogik und zur Esoterik Rudolf Steiners.