Bewegte Kommunikation und die Suche nach stimmiger Energie (Foto Mike Kauschke)

Bewegte Kommunikation und die Suche nach stimmiger Energie (Foto Mike Kauschke)

Von Marietta Schürholz

Als Kazuma Matoba einen Sinti-Jungen während eines von ihm betreuten Migrantenprojekts im Ruhrgebiet aufforderte, Wasser zum Gießen eines Gartens zu holen, da verstand der Kleine, ohne die Details der gesprochenen Sprache zu kennen. Aus seiner Entgegnung „Wo ist der Fluss?“ sprach seine Welt. Und es schwang Energie. Matoba, Professor für interkulturelle Kommunikation, war wie elektrisiert. Er entdeckte in diesem Augenblick, dass der Energiefluss eine bislang unberücksichtigte Dimension des Dialogischen ist. Ihn zu entdecken und einzubeziehen könnte Teil einer künftigen Evolution von Kommunikation werden.

Und genau darum ging es auf der 9. Herbstakademie Frankfurt. Beteiligt waren die Perspektiven der Einladenden (Jens Heisterkamp, Nadja Rossmann, Thomas Steininger und Sonja Student), gedankliche, körperliche und musische Impulsgeber und gut 100 Teilnehmende. Was am Ende dieser Tage von Kommunikation in Hochpotenz sicher alle erlebt hatten: Wir kommunizieren immer, mit allem und in allem, ob wir das nun bemerken und gestalten oder nicht.

Formal komponiert wurde die gemeinsame Forschungsreise ins Gelingen und Scheitern von Kommunikation durch einen fein verwobenen Wechsel aus initiierenden Impulsen und Resonanz in Eigenverantwortlichkeit. Letzteres wurde im Format der „evolutionären Dialoge“ als einem lernenden, auf das Neue und Gemeinsame ausgerichteten Feld und im Plenum geübt. In den Zwischenräumen transponierte Melaine McDonald, Professorin für Eurythmie,  die vorgetragenen Gedankenbewegungen in sprechende Gebärden. So konnte allen Teilnehmenden fühlbar werden, dass, wenn wir Wissen „einkörpern“, ein authentischer Ausdruck in Begegnung möglich ist.

Professor Claus Eurich, vertraut mit dem wissenschaftlichen Diskurs wie mit kontemplativer Praxis, nahm die zentralen Aspekte zeitgenössischer Kommunikationskultur in den Blick. Und er selbst befand sich in jener Paradoxie, mit der wir leben: Man kann über etwas oder aus dem im Jetzt Erlebten sprechen. Vor allem, so Eurich, braucht es neben der Sehnsucht, diese Kluft zwischen dem einen und dem anderen zu verkleinern, eins: Die Großzügigkeit, auch scheitern zu dürfen. So war der Versuch, in Kreisen mit zwanzig bis vierzig Teilnehmern dialogisch ein Thema zu behandeln, für dieses Mal noch an der Grenze zum Gelingen. Aber beides, Führung und Vertrauen in den mitgestalteten Prozess, feste Strukturen und das freie Fließen, sind die Triebkräfte von Entwicklung. Entsprechend gehörte das Wort „spannend“ zu dem auf der Tagung am meisten verwendeten. Und noch etwas tauchte immer wieder auf: Die „heilige Aufregung“, verbunden mit einem Kribbeln, mit Hitze oder einem erhöhten Herzschlag beim Sprechen. Unser Körper ist wohl unsere viel zu lange übersehene Wünschelrute. Denn er zeigt an, wo Energie ist, wo Neues in und durch uns werden will. Lange haben wir diese physische Seite der Weisheit und das in Gefühlen komprimierte Wissen unterschätzt. Aber wer kommunizierend Ver- und Angebundenheit sucht, wird wohl beginnen, wie Beuys es formulierte, „mit den Knien zu denken“, um im Erleben des eigenen Atems das zu sprechen, was durch uns atmet. Und vielleicht gelingt es uns so, den Fluss wieder zu finden …