Auslöser der Diskussion war die Ankündigung der neuen rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen, durch individuelle Förderung mittelfristig die umstrittene „Ehrenrunde“ abschaffen zu wollen – übrigens vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Die Kommentare insbesondere aus dem bildungsbürgerlich-konservativen Lager ließen nicht lange auf sich warten. Sie offenbaren eine erstaunliche Kleingeistigkeit.

Leben im „schmerzfreien Raum“?
Eine unangemessene „kollektive Beruhigung“ erkennt etwa der stellvertretende Chefredakteur der Welt, Ulf Poschardt, im Ansinnen, den Schülerinnen und Schülern das Sitzenbleiben zu ersparen und damit Schule wettbewerbsfeindlich zu gestalten. Das „unausgesprochene Wahlversprechen“ der rot-grünen Politik sei ein Leben in einem „weitgehend schmerzfreien Raum“. Auch in der FAZ sieht Bildungsressort-Chefin Heike Schmoll Schlimmes heraufziehen. Ihrer Meinung nach müsse, wer das Sitzenbleiben abschafft, „auch die Noten beseitigen. Oder gleich die ganze Schule“ – das hatte zuvor bereits Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer ironisch vorgeschlagen. Laut Schmoll könne das Sitzenbleiben eine „echte Befreiung“ sein, weil es den betroffenen Schülerinnen und Schülern eine zweite Chance gebe.

Sie selbst konstatiert allerdings, der größte Anteil der Sitzenbleiber bestehe aus schulschwänzenden Haupt- und Sekundarschülern: „Diese Schüler werden aber nicht deshalb am Unterricht teilnehmen, weil das Sitzenbleiben abgeschafft ist.“ Das untergräbt indes auch Schmolls eigene Argumentation, denn diese Schüler werden auch nicht am Unterricht teilnehmen, wenn sie sitzengeblieben sind.

„Nicht mehr zeitgemäß“ sei das Sitzenbleiben, urteilt dagegen nicht nur der Bildungsforscher Hans Brügelmann im Interview mit dem Deutschlandfunk. In vielen Fällen landeten Sitzenbleiber auch in der neuen Klasse nach kurzer Zeit wieder im unteren Leistungsspektrum. Offenbar seien weniger bestimmte Inhalte, sondern vielmehr Arbeitstechnik, Arbeitshaltung und Lernverhalten entscheidend.

Vertraute „Argumente“
Als mit der Waldorfpädagogik vertrauter Mensch reibt man sich die Augen, in welchen Kategorien die Befürworter des Sitzenbleibens losschießen. Die Argumente sind hinlänglich bekannt, zu einem nicht geringen Teil decken sie sich mit konservativen Vorurteilen gegenüber den angeblich verweichlichenden Waldorfschulen, deren Schülerinnen und Schüler nach dreizehn Jahren Kuschelpädagogik zwangsläufig weltfremd und überfordert auf die Anforderungen des wahren, harten Lebens prallen – und scheitern, natürlich. Dass Freude am eigenen Tun und Können ein besserer Motivator sein könnte als Druck von außen, dass eine nicht-homogene Klassengemeinschaft wertvolle soziale und intellektuelle Lernfelder eröffnet, kommt in der Debatte zu kurz. Stattdessen klingt geradezu ein Hauch Kasernenhof und Rückbesinnung auf preußische Tugenden mit.

Natürlich gehört die Erfahrung des Scheiterns zum Leben wie auch zur Schule dazu. Warum aber sollte sie an Notendruck und Sitzenbleiben gebunden sein? Die ganze Aufregung offenbart vor allem zweierlei, nämlich die Hilflosigkeit angesichts der aktuellen bildungspolitischen Herausforderungen und die Fixierung auf gestrige Konzepte, die vieles sind, aber eines nicht: zukunftsträchtig.