Nebelkinder

Von Rupert Neudeck

Im Nebel liegt immer noch ein großer Teil unserer deutschen Vergangenheit. Zwar gibt es – fast zu spät – die neuen Erinnerungen aus den Händen von Historikern und Nachgeborenen. Die Generation der vergewaltigten und durch die Flucht auch sonst traumatisierten Frauen lebt aber fast nicht mehr. Nun aber melden sich die Kriegsenkel aus dem Nebel der Vergangenheit. Sie machen sich auf, um die Wohnhäuser der Großeltern und der Eltern zu besuchen, fangen an, einiges von dem, was nie beredet wurde, zu besprechen. Sie, die Kriegsenkel, erfahren, dass die eigene Mutter vergewaltigt wurde, darüber aber nie gesprochen werden konnte. Und es kommt immer wieder dazu, dass die Kinder- und Enkelgeneration belastet wurden mit dem Vorwurf, dass sie das ja nicht erlebt haben, was sie erlebt hatten. „Vielleicht war es nicht so schlimm auf dieser Flucht zu sterben. Es war vielleicht viel schlimmer, das alles erleben und damit weiterleben zu müssen.“ Eine Autorin betont: Leben müssen, das sei ihr Grundgefühl. „Mein eigenes Leben fühlte sich oft wie Kampf an, selbst in Situationen, in denen es nicht nötig gewesen wäre.“

Das Buch öffnet uns die Augen über die fortdauernde Kraft vergangener Ereignisse, die dann sowohl subjektiv wie kollektiv explodieren können. Das Buch hat unterschiedliche Beiträge, die aber alle auf das zurückführen, was Hannah Arendt gesagt hat: „Dies hätte nicht geschehen dürfen. Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden.“ Solange eben die Rolle der Täter-Generation oder die Rolle unserer Vorfahren im Nazireich nicht reflektiert wird, wird unsere deutsche Gesellschaft mit diesem Kapitel ihrer Geschichte nicht fertig werden. Das Buch ist in drei Kapitel aufgeteilt: „Erfahrung“, „Deutung“, „Heilung“. Im Grunde geht es aber um dieses Grundgefühl, das uns Christa Wolf bekannt gemacht hat: „Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie hat noch nicht einmal begonnen.“

Man liest und ist an manchen Stellen sprachlos. Antje Pohl berichtet in ihrem Beitrag über ihren Großvater-Kriegsverbrecher. Der Krieg war immer Teil der Persönlichkeit des Vaters und der Mutter. So auch bei Antje Pohl: „Ich bin die Enkeltochter von Robert Mulka, dem Hauptangeklagten des ersten Frankfurter Auschwitz Prozesses.“ Der Prozess endete 1965 mit dem Urteil: 14 Jahre  Zuchthaus „wegen gemeinschaftlicher Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in mindestens vier Fällen an mindestens je 750 Menschen“. Die Autorin wurde 1957 geboren, zwischen ihrem vierten und siebten Lebensjahr fanden die Voruntersuchungen zu dem Prozess statt. In dieser Zeit versuchten die eigenen Eltern mit ihr ein normales Leben zu führen. „Familiendynamisch betrachtet, entpuppte ich mich als diejenige, deren Seele mit diesem Versteckspiel überfrachtet war.“ Ihre Großmutter, zu der sie eine gute Beziehung hatte, schwankte innerlich zwischen Schamgefühlen und Trauer wegen ihres im Krieg gefallenen Sohnes. Nach 50 Jahren, zur Konferenz „Aussöhnen mit Deutschland“, wird Antje Pohl gefragt, ob sie zum Thema Heilung einen Vortrag zur Ehrung von Fritz Bauer halten könnte. Fritz Bauer war der Staatsanwalt, der den Auschwitzprozess initiiert hatte. Erst reagierte sie erschrocken. Doch dann wurde ihr bewusst, ohne diesen Fritz Bauer wären die Taten ihres Großvaters Mulka nicht an die familiäre und politische Öffentlichkeit gekommen. Ohne ihn hätte sie nicht fragen können: „Woher kommen meine Konfliktängste?“ So habe sie Fritz Bauer ehren können. Dramatisch auch der Beitrag von Alexandra Senfft, die das Leben mit dem Großvater Hanns Ludin beschreibt, der der Gesandte des Nazireiches in der Slowakei war und 1947 in Bratislava als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde.

Das Buch umkreist die Nachfolgen des Krieges. Die Filmemacherin Daniela Schiffer fragt sich als Nebelkind: „Wie lange dauert ein Krieg?“ Sie porträtiert Katja, die einen Nazi-Großvater hatte: Ist sie deshalb anders als andere Menschen? Sie drehen auf dem Reichsparteitagsgelände, also jenem Ort, an dem ihr Großvater eine große Nummer war. Sie drehen in Gegenwart der vielen Jogger. Für die einen ist das ehemalige Nazigelände ein guter Ort zu joggen, für Katja ist hier der Schmelzpunkt ihrer Familiengeschichte.

Michael Schneider beschreibt die Generation der Babyboomer in den Jahren 1955 bis 1965. Diese Neugeborenen sind in das Paradies der Vollbeschäftigung hineingewachsen. Der Autor dementiert den lässigen Spruch Konrad Adenauers: „Kinder kriegen die Leute immer!“ Schneider: Dass dies nicht so geblieben ist, habe Adenauer nicht mehr erlebt.

„Die Eltern setzen sich nicht mit der NS-Zeit und dem eigenen Handeln auseinander und gaben den Kindern eine nicht verarbeitete Schuld als Erbe mit“, heißt es an einer Stelle. Das ist kein allgemein gültiger Satz. Der Rezensent wuchs in einer Familie auf und in einer Gruppe, die die Aufarbeitung ganz heftig und christlich betrieben hat. Nicht nur in der Rückschau, sondern durch Kontakte zu den neuen polnischen Mitbürgern in der Stadt, die jetzt Gdansk heißt und diesen Namen auch als Besuchsort für viele Deutsche gern tragen wird. Wir waren im Verein der Danziger Katholiken seit 1947 dabei, haben uns immer wieder nur zusammengefunden, um die Erfahrungen der NS-Zeit aufzuarbeiten, die  Großeltern, die Kriegskindern und dann sogar die Kriegsenkel.

Das Thema Heimatlosigkeit ist politisch zu sehr benutzt worden, bis heute. Wir haben wegen solcher Chimären wie Oder-Neiße-Linie und Deutschland in den Grenzen von 1937 zu lange uns mit den Spielen politischer Korrektheit ausgeholfen. In Wirklichkeit war der Kalte Krieg das Dilemma dieser Heimatlosigkeit. Denn „Hochlebe die internationale Solidarität“ war eben ein in der Volksrepublik Polen und in der DDR verlogener Posten. Die Eingliederung der Vertriebenen war die größte Leistung der Deutschen nach 1945. Wer das miterlebt hat als Vertriebener, wird heute noch dankbar sein für die objektiv großartige Leistung der Annahme dieser Millionen Menschen.

Das Buch und fast alle seine Beiträgerinnen und Beiträger sind in die Ambivalenz hineinverflochten, dass der Bundesrepublik Deutschland eine vorbildliche Vergangenheitsbewältigung zugestanden und der Opfer der NS-Verfolgung intensiv gedacht wird – und „trotzdem bleibt es schwierig, sich mit dem Thema innerhalb der Familie auseinanderzusetzen“.  Es sind noch viele Arbeiten zu leisten, die bis jetzt verhindert waren. So sollten, wie der Herausgeber Michael Schneider schreibt, sich die geburtenstarken Jahrgänge „intensiver einer Auseinandersetzung mit sich selbst widmen“. Die Verortung im „Dazwischen der Generationen“ kann auch in einen „Sitz in der Mitte“ umschlagen. Sie könnten sich als Brückenglied verstehen.

Ein Beitrag über die zweite Generation der Vertriebenen in Polen macht mit der tröstlichen Realität vertraut, dass Menschen eben doch nicht betrogen werden wollen. Die aus Lemberg, einer der schönsten Städte Europas, nach Gleiwitz verfrachteten polnischen Bewohner fühlen sich im alten deutschen Osten nicht unbedingt wohl. Sie wollten ja nicht dahin. Die Autorin zitiert einen polnischen Studenten, der schon in Breslau geboren wurden, dem aber im Alter von 17 Jahren die Stadt auf Grund ihrer Architektur und Geschichte fremd wurde. Erst durch das Oder-Hochwasser 1997 habe er sich im Kontakt mit Sandsäcken, Steinen, also haptisch der Stadt vergewissert und verspürte plötzlich ein neues Heimatgefühl Breslau gegenüber. Die Breslauer Bürgerschaft entwickle einen Lokalpatriotismus, der die vergangenen Zeiten einschließt. Ein Wissenschaftler fragt die Deutsche, ob der schlesische Dialekt in Deutschland noch viel gesprochen werde? Dass der überhaupt kaum noch existiere, diese Antwort fand er traurig: „Denn wir wollen doch wissen, wie die Leute, die früher hier gelebt haben, gesprochen haben.“ ///

Michael Schneider/Joachim Süss (Hg.): Nebelkinder. Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte. Europa Verlag Berlin 2015,  383 Seiten, € 19,99