Der gelernte Gärtner Christian Hiß gründete 2006 in der Nähe von Freiburg die „Regionalwert AG“ als eine Bürger-Aktiengesellschaft. Sie stellt Kapital, Boden, Immobilien und Gerätschaften für Landwirte zur Verfügung. Mit ihrem Ansatz leistet die Regionalwert AG wichtige Beiträge zur Lösung von Nachfolgeproblemen auf Höfen und gegen die Kapitalnot junger LandwirtInnen.

Derzeit bringen etwa 500 Aktionäre ein Grundkapital von rund zwei Millionen Euro zusammen, mit dem 16 Partnerbetriebe in den Bereichen Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung unterstützt werden. Alle Partnerbetriebe legen neben der betriebswirtschaftlichen auch eine sozial-ökologische Jahresbilanz vor.

Für sein Engagement wurde Christian Hiß im Jahr 2011 von der Schwab Stiftung als Sozialunternehmer des Jahres ausgezeichnet. Wir sprachen mit dem auch philosophisch versierten Preisträger über seinen Versuch, Gemeinwohlorientierung bis in Rechtsformen und Buchhaltung hinein zu gewährleisten.

 

Interview

Herr Hiß, Landwirtschaft mit Aktien zusammenzubringen ist ein ungewöhnlicher Weg. Wie kam es zu diesem Ansatz?

Die Situation von Bio- und Demeter-Höfen in Deutschland ist von der Rechtslage her lange Zeit durch gemeinnützige Vereine geprägt gewesen, die dann Land und Gerät an die Bauern weiterverpachtet haben. Ich habe mich seit 2003 intensiv mit der Situation dieser Höfe auseinandergesetzt und bemerkt, dass viele Betriebe unzufrieden mit den Rechtsformen sind.

Die Praxis, die sie schildern, geht stark auf die Bestrebungen des GLS-Gründers Wilhelm Ernst Barkhoffs zum „Freikauf“ von Grund und Boden zurück geht. Wo lagen die Probleme?

Landwirtschaft ist in erster Linie Ökonomie, sie kommt zwar dem Gemeinwohl zugute, aber das Gemeinnützigkeits-Recht in Deutschland führt eigentlich zu ständigen Kollisionen zwischen gewerblicher Wirtschaft und Gemeinnützigkeit. Ökologische Landwirtschaft ist nicht als gemeinnützig anerkannt, und so müssen die Betreiber in Hilfskonstruktionen ausweichen. Dabei entstehen tote Vereine mit unehrlichen Satzungen, die Bauern müssen gleichzeitig Vereinsvorsitzende und Unternehmer sein – eine furchtbare Situation.

Die rechtliche Ebene bildet also die tatsächlichen Verhältnisse nicht ab?

Doch, die Schwierigkeiten auf den Höfen (lacht)! Die Satzung ist das Innerste eines Unternehmens, und das wirkt dann auch nach außen. Wenn es innen nicht stimmt, kann es auch außen nicht funktionieren. Die Rechtsform des gemeinnützigen Vereins mit Vorständen und Mitgliederversammlungen ist viel zu langsam für die Wirtschaft – ein Schlafwagen verglichen mit der ICE-Geschwindigkeit, die ein Unternehmen braucht.

Aber eine Aktiengesellschaft zu gründen ist ja auch nicht ohne Tücken und mit zahlreichen Auflagen der Finanzaufsicht verbunden. Hat Sie das nicht abgeschreckt?

Im Gegenteil, so etwas zieht mich gerade an. Die Aktiengesellschaft gilt als das Böse. Ich halte es philosophisch und spirituell gesehen aber für ein Grundprinzip, dass Ablehnung die Gegenseite eher verstärkt. Meine Erfahrung seit 30 Jahren bestätigt das. Diese Machtspiele: wir sind die Guten und die Welt ist böse, wer ist hier der Stärkere, damit kann ich nichts anfangen. Meinen Ansatz sehe ich eher im Stil des subversiven Konstruktivismus (lacht)!

Trotzdem verbindet man eine Aktiengesellschaft sofort mit Qualitäten wie Kapitalismus und Gier. Wie haben Sie dafür Verständnis unter Investoren  gefunden?

Das war gar kein Problem, am Anfang war gerade das Neue enorm anziehend und die Investoren kamen wie von selbst.

Wäre bei der Landwirtschaft nicht eher die Form der Genossenschaft naheliegend gewesen?

Ich wollte die Kategorien sprengen und das Ungewohnte zusammenbringen. Wenn man das tut, entsteht eine kreative Spannung, und um die geht es mir. Nicht das Instrument als solches ist gut oder schlecht, es kommt darauf an, was man damit macht. Und die Aktiengesellschaft hat gegenüber der Genossenschaft auch ganz praktische Vorteile: Zum Beispiel kann man im Gegensatz zur Genossenschaft Aktienanteile nicht aufkündigen, sondern nur verkaufen. Das gibt eine andere Planungssicherheit. Außerdem stört mich an der Genossenschaft die Handhabung des Stimmrechts, das Basidemokratische. Davon halte ich in der Wirtschaft nichts – wenn jemand 100.000 Euro investiert, dann hat er mehr Verantwortung als jemand, der nur 500 Euro investiert.

Eine starke Aussage in Zeiten großer Skepsis der Macht gegenüber!

Man sollte nicht immer gleich voraussetzen, dass Macht missbraucht wird. Ich halte nichts von Gleichmacherei. Der Mensch ist ein verantwortungsfähiges Wesen. Und die Annahme, dass die Welt in die Guten und die Bösen eingeteilt ist, finde ich ohnehin Quatsch. Der Bruch geht durch jeden einzelnen Menschen hindurch. Deshalb ist die Frage, wo wir gemeinsam miteinander hin wollen.

Könnten denn starke Investoren im Extremfall nicht die Entscheidungen der AG zum Beispiel so prägen, dass doch mehr auf die finanzielle Rendite geschaut wird und sinnvolle Projekte zurückstehen müssen?

So weitgehende Möglichkeiten haben die Investoren nicht. Wir haben eine Regelung in der Satzung, wonach ein Investor zwar eine Mehrheit der Aktien halten könnte, aber nicht mehr als 20 Prozent der Stimmen. Der Aufsichtsrat hat nur korrektive Funktion. Die Aktionäre treten nur einmal jährlich in der Aktionärsversammlung auf. Ansonsten ist alleinverantwortlich für die Geschäftsführung der Vorstand. Diese stringente Form finde ich überzeugend und effektiv.

Für Ihre Arbeit spielt auch eine neue Form der Bilanzierung von Unternehmen eine wichtige Rolle. Das klingt für Außenstehende zunächst nach einem Detailproblem. Warum ist das Ihrer Ansicht nach so wichtig?

Ein fundamentales Problem liegt heute darin, dass die wahren Kosten und Folgekosten der Wirtschaft nicht bilanziert werden. Atomstrom ist nicht billig, wenn alle Konsequenzen wirtschaftlich bedacht würden, der Liter Milch könnte niemals für 70 Cent angeboten werden, wenn alle Kollateralschäden an Mensch und Natur einberechnet wären. Deshalb arbeite ich daran, dass die Bilanzierungsmethode für landwirtschaftliche Betriebe verändert wird. Bis in Rechnungslegung und Kontenplan hinein sollen bestimmte Elemente hineingearbeitet werden, die das Bilanzergebnis verändern. Die Buchhaltung ist für mich so etwas wie die DNA eines Wirtschaftsunternehmens.

Inwiefern?

Was bildet den Phänotyp, also die Erscheinungsform eines Unternehmens ab? Als landwirtschaftlicher Unternehmer weiß ich, dass die jährliche betriebswirtschaftliche Auswertung einen enormen Einfluss auf die kommenden Entscheidungen des Unternehmers oder der Unternehmerin hat. Ist die Zahl unter dem Strich negativ, hat das Konsequenzen, wenn sie positiv ist, andere. Hinter der Zahl stehen aber die ganzen einzelnen Kontenführungen eines Unternehmens – da ist für mich der Bildvergleich zur DNA. Und die müssen wir in ihrer Zusammensetzung und ihrem Aufbau ändern, wenn wir Wirtschaft ändern wollen.

Wie würde das aussehen?

Das einfachste Beispiel sind die Personalkosten, die in der klassischen Buchhaltung in einem einzigen Posten zusammengefasst werden. Das möchte ich differenzieren: nach Fachkräften, Auszubildenden, Frauen und Männern, Menschen mit Unterstützungsbedarf, Saisonarbeitskräften. Das soll transparent werden: Im Moment werden etwa 80 Prozent des Gemüseanbaus in Deutschland von Billigkräften aus Polen und Rumänien geleistet. Auch im Bio-Bereich sind wir davon nicht so weit entfernt. Das muss aufgedeckt werden bis in die Bilanzen. Dann entsteht in den betriebswirtschaftlichen Auswertungen nicht nur eine abstrakte Summe von Ausgaben und Einnahmen, sondern ein Bild, wie gearbeitet worden ist. Diese Art von Buchhaltung, so meine Vision, gilt es bis ins Handelsrecht hinein zu verankern.

Ist das nicht sehr utopisch?

Keineswegs! Ich bin in den letzten fünf Jahren viel herumgekommen, habe mit Unternehmern auch sehr großer Firmen gesprochen und sehe, dass überall ein anderer Wind zu herrschen beginnt. Ich habe da mein Weltbild stark korrigieren müssen!

Der frühere Attac-Aktivist Christian Felber hat unter dem Stichwort „Gemeinwohl-Ökonomie“ einen Ansatz entwickelt, anstelle eines kapitalorientierten Gewinndenkens durch einen differenzierten Kriterienkatalog zu ermitteln, was der Beitrag eines Unternehmens zum Gemeinwohl ist. Sehen Sie da Parallelen?

Es gibt da viele Gemeinsamkeiten und wir hatten auch schon anregende Gespräche miteinander. Die Polarisierung gegenüber dem jetzigen Wirtschaftsbegriff ist mir aber bei ihm zu stark. Die Gemeinwohl-Ökonomie wird das jetzige System nicht ersetzen, sondern es erweitern.

 Das Gespräch führten Laura Krautkrämer und Jens Heisterkamp.

Video-Tipp: Der Sozialunternehmer Christian Hiß im Porträt der Ashoka-Foundation.