Mit von der Partie bei den Ruhrbaronen ist jetzt wieder einmal der Netz-bekannte Anthroposophie- und Waldorf-Gegner Andreas Lichte. Hitler – Steiner – Mussolini   hat er seinen jüngsten Beitrag betitelt – der Knalleffekt mit drei aneinandergereihten Namen sitzt und die Netzgemeinde wundert sich: Nanu, fragt sich da mancher Sympathisant von Waldorfschule, Demeter-Landbau und Biokosmetik, ist da bisher was übersehen worden?

Nun musste Lichte allerdings tief in der investigativen Schatzkiste wühlen, um jetzt aus italienischen Hetzblättern der 40er Jahre einige Zitate zu präsentieren – die wirklich haarsträubend sind. Im Zentrum stehen dabei Veröffentlichungen des italienischen Anthroposophen Scaligero (1906 – 1980), der während des italienischen Faschismus in einschlägigen Hetz-Organen aggressiv rassistische und antisemitische Positionen vertrat. Diese entsetzlichen – hierzulande übrigens ebenso unbekannten wie folgenlosen –  Äußerungen Scaligeros über die Vorzüge der arischen Rasse führt Lichte in seinem Text genüsslich vor. Seine Strategie: Wenn der Anthroposoph Scaligero sich bei seinen abstrusen Schlussfolgerungen auf Steiner bezog, dann muss man letztendlich den Gründer der Anthroposophie für diese rassistischen Positionen verantwortlich machen.

Lichte unterschlägt allerdings nicht nur, dass manche zweifellos auch bei Steiner aufzufindenden rassistischen Stereotypen nicht mit Scaligeros eliminatorischem Rassismus vergleichbar sind. Lichte unterschlägt auch ihm vorliegende Kenntnisse des Anthroposophie-Kritikers Peter Staudenmaier (auf dessen Studien Lichte im Wesentlichen zurückgreift), wonach es in Italien auch Anthroposophen gab, die im Widerstand engagiert waren. Diese – darunter ein Attentäter Mussolinis – zogen aus der Philosophie Steiners offensichtlich vollkommen andere Schlüsse als ein Scaligero.

Auf diese und andere Widersprüche bei Lichte aufmerksam gemacht zu haben ist das Verdienst von Ansgar Martins, der sich auf seinem Waldorf-Blog seit langem kritisch mit Anthroposophie und Waldorfpädagogik beschäftigt. In einem differenzierten Text nimmt er nun, durchaus empathisch, Lichtes Ruhrbarone-Beitrag unter die Lupe und gelangt zu deutlich anderen Resultaten: „Scaligero war kein Anthroposoph, den seine anthroposophischen Überzeugungen zum Faschismus führten, sondern ein Faschist, der sich mit dem esoterischen ‚Traditionalisten’ Julius Evola anfreundete und in dessen Umfeld gegen Ende der 1930er Jahre die Anthroposophie kennenlernte“, stellt Martins fest. „Steiner lässt sich daher nur sehr bedingt mit Scaligeros Rassenideologie belasten“, so Martins. Er weist auch den Versuch Lichtes zurück, den Fall Scaligero von Italien auf Deutschland zu übertragen. Im Gegenteil, die Behauptung, Anthroposophie und Waldorfpädagogik hätten sich in Deutschland mit dem NS-System gemein machen wollen, halte den historischen Quellen gegenüber nicht stand. „Das Verhalten von Anthroposophen und insbesondere von Waldorfschulen im Nationalsozialismus zeugt kaum von weltanschaulich motivierter Kollaboration und vielmehr Versuchen der Anpassung, wenngleich es durchaus pronazistische Waldorflehrer gab.“

Grundsätzlich kritisch sieht Martins auch die Einschätzung Lichtes, Steiners zweifelhafte Äußerung „Die weiße Rasse ist die zukünftige, ist die am Geiste schaffende Rasse“ sei „programmatisch“ für die Anthroposophie. Im sozialpolitischen Denken Steiners (Stichwort: Dreigliederung) kämen Themen, die mit dem Umfeld von „Rassen“ zu tun haben, nicht vor.

Ins leicht Perfide geht es dann bei Lichte, wenn er in seinem Text ausgerechnet dem anthroposophischen Blogger Michael Eggert vorwirft, er verleugne die rassistische Seite Scaligeros. Vielmehr war Eggert im deutschsprachigen Raum nachweisbar der erste, der selbst auf den Rassismus bei Scaligero aufmerksam machte und seine Plattform für die Kritik des deutsch-amerikanischen Historikers Peter Staudenmaier an Scaligeros Rassismus anbot – jetzt behauptet Lichte entgegen offensichtlichen Tatsachen, Eggert habe das „ignoriert“. Dass auf Eggerts anthroposophischer Website bereits Monate zuvor jene Fakten Staudenmaiers zu Scaligero präsentiert wurden, bei denen er sich nun selbst bedient – das würde zu Lichtes Konzept von der anthro-faschistischen Verschwörung auch gar nicht gut passen…

Bei allen Vorbehalten kann man den Ruhrbaronen und Andreas Lichte für eines dankbar sein: Sie schärfen das Bewusstsein dafür, dass sich Anthroposophen heute kritisch mit manchen Schatten in ihrem Erbe auseinandersetzen müssen. Genau das funktioniert aber nicht ohne das „leidige Differenzieren“, zu dem Ansgar Martins beide Seiten, sowohl Anthroposophen wie ihre Kritiker bzw. Gegner, augenzwinkernd ermahnt.