Seit einiger Zeit lassen sich in der Welt in immer kürzeren Zeitabständen Wellen des Entsetzens, Wellen des Protestes und – oft weniger bemerkt – die ersten Zeichen neuer Möglichkeiten des Zusammenlebens beobachten. Viele alte Strukturen und Formen tragen nicht mehr. Sie drohen zusammenzubrechen und dabei Gewohnheiten und Sicherheiten mit in den Abgrund zu ziehen. An vielen Orten gilt es, diese Sterbeprozesse nicht aufzuhalten, um den Schmerz des Verlusts zu lindern, ohne den Verfall aufhalten zu können.

Der Arabische Frühling wurde zum Beweis und Sinnbild dafür, dass sich aufgrund des Engagements von Bürgern in einem Staat etwas ändern kann. An den Nachwehen dieser revolutionären Bewegungen wird allerdings auch deutlich, wie wichtig es ist, dass neue Arbeitsweisen und Formen bereits vorher bedacht und erprobt werden, damit das Neue nicht durch Reaktionäres verdrängt wird.

Vom Wortursprung her rührt das Wort Politik aus dem Griechischen und verweist auf die polis, das Gemeinwesen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass im Laufe der Jahrtausende emanzipatorische Politikauffassungen entwickelt wurden, bei denen Demokratie und Partizipation eine zentrale Rolle spielen und somit die Macht nicht einfach denjenigen, die über Geld und Einfluss verfügen, überlassen, sondern dem Volk zugesprochen wird. An vielen Orten gibt es Politiker, die in diesem Sinne sich tagtäglich für das Wohl aller einsetzen. Oft wird ihre Arbeit erschwert durch die Berichte über Politiker, die anscheinend mehr den eigenen Vorteil als die Sorge für das Gemeinwesen im Sinne haben. Dies führt leicht zu Verallgemeinerungen und Vorurteilen. Politik ist somit in der westlichen Gesellschaft immer mehr zu einem Schimpfwort geworden.

Mehr Bürgerbeteiligung

Um die Politikverdrossenheit zu beenden, braucht es nicht nur mehr Integrität und Moralität bei manchen der gewählten Politiker, sondern auch mehr Möglichkeiten und die Bereitschaft, als Bürger Verantwortung zu übernehmen und sich an gesellschaftlichen Prozessen, Planungen und Entscheidungen zu beteiligen. Sobald Menschen diese Notwendigkeit erkennen, stellt sich ihnen die Frage, wie wir wirklich leben wollen und wie wir uns auf diese Ziele zu bewegen können. Dabei wird deutlich, dass Herz, Hand und Verstand gefragt sind. Wenn das politische und gesellschaftliche Bewusstsein sich von Machtinteressen und Kontrolle löst, kommt eine neue Ebene ins Spiel. Obwohl es noch nicht gerade en vogue ist, Politik so zu betrachten, könnte man sagen, dass es heutzutage darum geht, den Dienst an den Nächsten, Liebe und Mitgefühl, das Bewusstsein des Zusammenhangs von allem und allen sowie die bewusste Frage, was dem Gemeinwohl gut tut, verstärkt gelten zu lassen. Wirkliche Lebensqualität basiert nicht auf Konsum und äußerem Wachstum.

Sobald diese Verschiebung von Macht hin zur Liebe und Mitgefühl, bzw. vom egozentrischen zum kosmozentrischen Blick in Menschen und Gemeinschaften spürbar wird, regt sich die Sehnsucht nach wahrem Mensch-Sein, nach Kooperation, nach Mitgestalten. Es entstehen Ideen und Bilder, wie ein neues Miteinander aussehen kann.

Bei aller Begeisterung, die dann für nachhaltige Landwirtschaft, freie Schulen, Umweltschutz, regionale Wirtschaftskreise usw. aufkommt, melden sich bald die Fragen und Bedenken wie dies umzusetzen sei. Wie arbeitet man konkret zusammen? Welche Entscheidungsstrukturen sind unterstützend? Wie vermeidet man, dass Bewertung und Konkurrenz wirkliche Wertschätzung und Kooperation verhindern? Wie vermeiden Aktivisten, dass sie ausbrennen und verzweifeln an den realen Gegebenheiten? Wie geht man um mit den Schattenanteilen in Einzelnen sowie im Kollektiven? Wie kann das Verankert-Sein in einer tieferen Schicht des Seins den Einsatz für das Werden, für die Evolution unterstützen? Wie handelt man der Sache gemäß, ohne gewisse Werte und eine neue Ausrichtung aus dem Blick zu verlieren? Wie kommt man ins Handeln?

Gemeinschaft als Grundlage

Schnell wird sichtbar, dass jeder auf seine eigene einmalige Art und Weise zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen kann, dass es aber immer ein Miteinander braucht. Es kann nicht um einzelne Maßnahmen gehen, sondern um einen neuen Lebensstil. Gewisse persönliche und gemeinschaftliche Umgangsformen und Entscheidungsstrukturen erleichtern es einem dabei, sich nicht in Reibereien zu verlieren, sondern sich auf ein gemeinsames Wirken und Gestalten auszurichten. Informationen und Austausch über Erfahrungen von Menschen, die bestimmte Modelle und Ansätze erprobt haben, helfen zu erkennen, was hier und jetzt in einer jeweilig neuen Situation geeignet oder hilfreich sein könnte. Wir brauchen die Erfahrung, dass der selbstlose Dienst an die Gemeinschaft tief befriedigend sein kann und dass sich zwischenmenschliche Beziehungen vertiefen können und uns nähren, dass Nachhaltigkeit in unseren Lebenszusammenhängen wachsen kann. Zusammen zu musizieren, zu sprechen, zu spielen, zu wandern, Kaffee zu trinken, künstlerisch tätig zu werden, hilft uns als Mensch ausgeglichener und erfüllter zu leben. All dies sind Gemeinschaftserfahrungen.

Gemeinschaft auf Zeit

Um solche Erfahrungen zu sammeln und die Fragen und Ideen, die entstehen, auszuloten,  findet vom 28. Juli bis 5. August in Arbogast (Vorarlberg, Österreich) ein internationales, deutschsprachiges Treffen statt. An den Thementagen regen Beiträge von Menschen aus Spiritualität, Kultur, Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft dazu an, neue Gesichtspunkte zu entwickeln. An den Prozesstagen stehen der Austausch und die Vertiefung der eigenen Überlegungen in unterschiedlichen Gruppen im Vordergrund. Die innovative und visionäre Kraft einer solchen Gemeinschaft auf Zeit sowie die konkreten Erfahrungen, Anregungen und Arbeitsweisen werden hoffentlich anschließend so hinaus getragen, dass sie an vielen Orten anfangen können zu wachsen. Die berechtigte Hoffnung besteht, dass eine gute Mischung aus Anregungen von Vordenkern und partizipativen Prozessen zu gegenseitigen Anstößen, Hilfestellungen und Vernetzung führt, so dass das Alte, das zerbricht, zu Humus wird und die Keime des Neuen immer mehr gesehen und gepflegt werden.

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Kongress für Integrale Politik

28. Juli bis 5. August 2012 in St. Arbogast, Vorarlberg/Österreich

Mehr Informationen HIER.