Foto: Klimagerechtigkeit Leipzig

Foto: Klimagerechtigkeit Leipzig

Leipzig ist hypezig. Jung, politisch und aufbegehrend wirkt diese Stadt. Ein passender Ort für eine Konferenz, die sich mit dem Thema degrowth beschäftigt. Degrowth – das meint, ähnlich wie Post-Wachstum, ein nicht stetig steigendes Wachstum, aber auch nicht Rückschritt oder Stagnation. Degrowth meint etwas anderes, etwas Neues, sagt Frederico Demaria, einer der Initiatoren der Konferenz. Etwas, das vielleicht noch keinen passenden Namen gefunden hat, dafür aber viele Fragen formuliert: Wie kann eine Gesellschaft aussehen, in der nicht wirtschaftliches Wachstum der Antrieb ist, sondern in der Politik, Wirtschaft und Kultur durch die Frage nach dem guten Leben für alle bestimmt werden? In der endliche Ressourcen nicht bis zu ihrer Erschöpfung ausgebeutet, sondern wo die Natur erhalten und bewahrt wird? Ist Wirtschaft ohne Wachstum überhaupt möglich?

Wissenschaft trifft Aktivismus

Um große Fragen also ging es auf dieser internationalen Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit, die nun schon zum vierten Mal stattfand und nach Paris, Barcelona, Venedig und Montreal dieses Mal in der sächsischen Metropole ausgetragen wurde. Fünf Tage lang schwirrte hier eine Vision durch Seminarräume und Auditorien: die Vision einer Gesellschaft, in der das Gemeinwohl entscheidet und nicht der monetäre Mehrwert. Entsprechend vielfältig waren die rund 500 Veranstaltungsformate für die mehr als 3.000 Teilnehmer, die von „Antworten auf die Eurokrise“ bis zu „Terra Pretta: Toiletten für den Bodenaufbau“ reichten. Ein Mosaik aus wissenschaftlichen Vorträgen, Tanzpeformances und Workshops zum Mitmachen.

So vielseitig wie die Themen wirkte auch das Publikum – bunt, manche mit indischen Flatterhosen, Ohrringen aus Südamerika, selbstgestrickten Schals. Eine alternative, weltoffene Szene, überwiegend jung. Sicher zwei Drittel der Teilnehmenden  waren zwischen zwanzig und dreißig. Manche barfuß und mit Dreadlocks, saßen sie im Innenhof der Uni Leizig, diesem futuristisch wirkenden Gebäudekomplex mitten in der Innenstadt, wo die Konferenz stattfand. Vertreter der älteren Generationen fanden sich vor allem bei den Vortragenden. Ein großer Teil kam aus dem akademischen Bereich, es sind Politik- und Wirtschaftswissenschaftler wie Prof. Dr. Eric Pinault aus Kanada, der über Widersprüche im fortgeschrittenen Kapitalismus sprach. Andere gehören zu Organisationen und Bewegungen wie attac oder Buen Vivir, die sich hier unter dem Motto der Wachstumskritik zusammenfinden. Erstaunlicherweise gab es keine Vertreter aus der anthroposophischen Szene, trotz der breiten Vielfalt an Initiativen aus Deutschland. Dabei waren die Themen naheliegend. Harald Bender von der Akademie Solidarische Ökonomie etwa erläuterte in seinem Workshop „Das dienende Geld“ die Grundfehler des derzeitigen Geldsystems, um darauf aufbauend ein neues Wirtschaftsmodell vorzustellen. In diesem Modell soll Geld kein Selbstzweck mehr sein, sondern wieder Mittel zum Zweck des Gemeinwohls werden.

Die Frage nach den Werten

Die Grundlagen des herrschenden Finanzssystems verstehen und kritisieren – dieses Anliegen bildete einen wichtigen Teil der Konferenz. Wenn aber nicht mehr der Wert des Geldes allein bestimmt,  was produziert, entwickelt und gefördert wird, dann muss ausgehandelt werden, welche Werte unsere Gesellschaft in Zukunft bestimmen sollen. Werte müssen diskutiert werden – demokratisch, darin ist man sich einig. Deshalb hatte die Konferenz selbst auch einen Versuch unternommen, schon in der Vorbereitung Formen der direkten Demokratie konkret umzusetzen. Workshops und Diskussionen sollten möglichst hierarchiefrei und partizipativ stattfinden. Dafür gab es beispielsweise die sogenannten „Open Space Formate“, in denen die Anwesenden spontan und selbstorganisiert entscheiden konnten, über welche Inhalte und Themen gesprochen wird.

Vertrauen trifft Solidarität

Auch andere Werte, für die degrowth steht, spiegelten sich im Ablauf der Konferenz wider: ein solidarisches Miteinander, Gleichberechtigung, ein schonender Umgang mit der Natur. So konnten die Teilnehmenden selbst entscheiden, welchen Beitrag sie für ihr Konferenzticket zahlen – ein Experiment, das geglückt ist, denn am Ende kam sogar mehr Geld zusammen als  zur Deckung der Unkosten nötig. Angenehm unbürokratisch plätscherte der Ablauf vor sich hin und funktionierte doch reibungslos. Vertrauen trifft Solidarität, ersetzt Profitdenken und Kontrolle. Die Verpflegung auf der Konferenz wurde von einer mobilen Mitmach-Küche organisiert, es gab Couscous-Salat und Thai-Curry, alles vegan, biologisch und saisonal. Wer wollte, konnte im Innenhof helfen beim Karotten schnippeln und Salat putzen. Das Organisationsteam der Konferenz, etwa 60 Menschen aus Deutschland, die eng mit dem internationalen Netzwerk Research & Degrowth vernetzt sind, arbeitete fast ausschließlich ehrenamtlich, alle Entscheidungen wurden basisdemokratisch getroffen. Vielleicht ist es das, was „degrowth“ ausmacht und von anderen Bewegungen unterscheidet: Nicht eine festgelegte Ideologie eint die Anhänger, sondern der Wunsch nach einem respektvollen Umgang miteinander und mit der Natur. Und deshalb war die Stimmung auf der Konferenz heiter – trotz aller Kritik am gegenwärtigen System. Abends wurde zu Worldmusic getanzt, in den Pausen gab es singende Demonstrationen. Es war eine Heiterkeit, die die Weltprobleme nicht verdrängt, sondern aufnimmt und versucht, sie zu transformieren.

Bewegung beginnt im Kleinen

Wenn man das Konferenzgebäude verließ, fand man sich mitten im Getümmel der Leipziger Einkaufsmeile wieder,  wo sich pompöse Kaufhäuser an McDonalds-Filialen reihen. Dort wird Wachstumsideologie zelebriert und ruft in Erinnerung, dass degrowth noch eine kleine Blase ist. Trotzdem bleibt ein gutes Gefühl, auch nach der Veranstaltung. Weil jede Bewegung im Kleinen beginnt, und weil die degrowth-Konferenz ganz praktisch zeigte, wie ein Denken jenseits von Wirtschaftswachstum möglich ist. Durch die Reflexion von alten Paradigmen, durch Projekte, die es bereits gibt, vor allem aber durch die Art des Miteinanders. Das lässt sich auch ganz konkret im Alltag umsetzen. Denn Umdenken beginnt immer bei mir selbst.

 

Lucia Heisterkamp, B.A. Kulturanthropologie, studiert Friedens- und Konfliktforschung in Marburg.

 

Ein Blick aus der Zukunft: Boris Woynowski und Ludwig Schuster, Mitglieder des Netzwerkes Wachstumswende, erzählen in einem Videointerview, das fiktiv im Jahre 2030 spielt,über die spannende Zeit eines gesellschaftlichen Wandels.