Robert Fisch mit Schülern bei einer Veranstaltung

Robert Fisch mit Schülern bei einer Veranstaltung

Robert Fisch ist heute 91 Jahre alt. Er geht aber immer noch in die Schule.

Das erfuhr ich in einer Email von Anne Weise, die im Kontakt mit dem Autor das hier vorgestellte Buch aus dessen Gesamtwerk für das Karl König Institut zusammengestellt und aus dem Amerikanischen übersetzt hat. Die vollständige Nachricht allerdings lautet: „Robert Fisch ist 91 Jahre alt. Er geht aber immer noch in die Schulen der Umgebung und spricht mit den Schülern. Er wird von Organisationen und Colleges eingeladen und reist viel. Dabei geht es um seine Botschaft, aus dem Holocaust für die Zukunft zu lernen und auch die vielen Heldentaten nicht zu vergessen, die damals geschehen sind. Gestern hat er mir ein Foto von seinem letzten Besuch in einer Schule geschickt. Dies waren ‚most troubled students‘, Schüler, die oft keine Eltern haben, aus kriminellen Umfeldern stammen oder gar einen Selbstmordversuch hinter sich haben. “

Anne Weise hat auch das Vorwort zum Buch von Robert Fisch geschrieben. Dort erfahren wir, dass der Autor zwei Botschaften weitergeben möchte: Erstens, danach zu streben, unter allen Umständen, wie unmenschlich sie auch sein mögen, menschlich zu bleiben; zweitens, dass selbst aus den schrecklichsten Erlebnissen etwas Gutes, ja Schönes entstehen kann, denn: „die Schönheit der Liebe ist es, die am Ende besteht und sich durchsetzt“.

 

Mit 19 Jahren auf dem Todesmarsch

 

Fisch war 19, als er 1944 in seiner Heimatstadt Budapest inhaftiert und zunächst in ein Arbeitslager gebracht wurde. Den darauf folgenden Todesmarsch nach Mauthausen haben nur wenige überlebt; dennoch und trotz einer Typhus-Erkrankung hat er am Ende die Befreiung aus dem KZ Gunskirchen erleben können.

Unermüdlich gibt Robert O. Fisch bis heute in den USA, in Europa und in Israel seine Lehren vor allem an Jugendliche weiter, in denen er von den wahren Heldentaten berichtet: Heldentaten, bei denen Menschen in Bedrängnis und Gefahr zueinander stehen, etwa das letzte Stück Brot miteinander teilen oder wenn eine Mutter ihrer Tochter aus Liebe in die Gaskammer folgt.

Fisch bezeichnet sich als „unheimlich glücklich“. Nach dem Leid, das er durchgemacht hat, nimmt er jede Minute als Geschenk. In der Nacht quälen ihn noch schlimme Träume, in denen er schon hunderte Male gestorben sei. Manchmal meint er auch während des Tages zu träumen.

Eines Nachts fragte er Gott im Traum: „Sind wir auserwählt?“

Robert Fisch meint damit auch das Privileg, in einer Zeit am Leben geblieben zu sein, wo so unendlich viele auf furchtbarste Weise starben.

Die Antwort, die er im Traum erhielt: „Die Welt zieht dahin auf ihrer Bahn und jeder Teil auf ihr erhält einen gleichmäßigen Anteil von Sonnenschein.“

 

Trotz allem den menschlichen Weg wählen

 

In seinen Seminaren sagt er seinen Teilnehmern, dass sie die Wahl hätten, einen menschlichen oder einen animalischen Weg einzuschlagen. Denn wir können nicht verlangen, dass die Welt sich ändert, wir selbst müssen es tun. Dies könnte dann bewirken, dass auch andere sich ändern.

Er verschweigt nicht, dass alle, die mit dem gelben Stern gezeichnet waren, innerlich wie tätowiert damit sind. Erst recht erkennt er daraus als Überlebender es als seine Verpflichtung an, gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit vorzugehen.

Robert Fisch berichtet, dass die Menschen manchmal höchst verwundert über seine Haltung seien. Er fragt sie dann, was würden wohl die Millionen Hingeschlachteten, wenn sie eine Stimme besäßen, heute von uns erwarten? Hass und Erbarmungslosigkeit? Wohl kaum, antwortet er dann. „Ich glaube, sie möchten, dass wir verstehen lernen, Mitleid und Liebe füreinander zeigen.“

Der Autor an seinem 91. Geburtstag

Der Autor an seinem 91. Geburtstag

Gegen Schluss seiner Aufzeichnungen Licht vom gelben Stern zitiert Robert Fisch den Mythenforscher Joseph Campbell, der berühmt dafür geworden ist, dass er in den Mythen der Welt die Heldengeschichten eines jeden individuellen Lebens herausgearbeitet hat. Wir erfahren etwas darüber, von welcher Qualität die hier gemeinten Heldengeschichten sind: „Eine Aussage aus Joseph Campbells Einführung zu seinem Buch Die Kraft der Mythen gibt die vielleicht passendste Beschreibung meiner Motivation wieder. Dort heißt es, dass Leiden und Not allein den Geist öffnen für all das, was im Anderen verborgen liegt. Ich möchte dem Leser nicht die Erinnerung an das Grauenvolle weitergeben, sondern an das Wunderbare, das durch menschliche Tugend geschaffen wurde und auch daran, wie inmitten des Leidens das Geistige erstrahlen kann. Jene dunklen Tage brachten nicht nur die dunkle, sondern auch die lichtere Seite des Menschen zur Erscheinung.“

Im Exil in den USA studierte er neben seiner Arbeit als Kinderarzt Malerei und ebnete sich damit einen Weg, seine Traumata künstlerisch zu verarbeiten. Ganz in seinem Sinne wäre es, dass auch Kinder und Jugendliche nach der Lektüre und ihrer gemeinsamen Besprechung, angeregt durch die Zeichnungen, ihre traumatischen Erlebnisse durch selbst geschaffene Bilder lernen zu lösen. Es ist daher sein tiefes Anliegen, dass Institutionen, Schulen, Vereine von diesem Buch erfahren, damit es im deutschsprachigen Raum für schulische und erzieherische Zwecke eingesetzt werden kann. So wie Robert Fisch noch mit 91 zur Schule geht, um Kindern aus sozial unterprivilegierten Milieus neue Perspektiven aufscheinen zu lassen. Denn gerade solche Kinder, zu denen bei uns auch die Flüchtlingskinder gehören, hören am besten zu, weiß Robert Fisch aus langer Erfahrung, interessieren sich brennend für diese Art von illustrierten „Heldengeschichten“. ///

 

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Robert O. Fisch: Licht vom Gelben Stern. Funken der Menschlichkeit in der Zeit des Holocaust. Mit 27 Bildern des Autors. Ausgewählt, übersetzt aus dem amerikanischen und herausgegeben für das Karl König Institut von Anne Weise. Info3 Verlag 2016, € 18,-.

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