Von Viktoria Schwab

© Charlotte Fischer

© Charlotte Fischer

Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs-Projektes, das seit 2012 zahlreiche Teilnehmende und Zuschauer angezogen hat und seitdem Vorbild für viele ähnliche Projekte wurde? Ausgebuchte Teilnehmerlisten und restlos ausverkaufte Aufführungen sind ja in diesen Zeiten nicht unbedingt das, was man mit Eurythmie-Produktionen verbindet. Für mich ist es die Intensität der Erfahrungen. Als ehemalige Teilnehmerin von WHAT MOVES YOU 2014 bin ich immer wieder gefragt worden: Warum machst du Eurythmie? Was hat sich in den vier Projekt-Wochen bei dir verändert? Und was hat das gebracht, abgesehen von zwei Aufführungen?

Schmerzende Füße, Erkenntnisse fürs Leben

Auf jeden Fall schmerzende Füße. Jeden Tag sechs Stunden intensive Bewegung mit unseren Körpern waren ungewohnt. Wir haben Muskeln gespürt, die wir davor nicht gekannt haben. Aber was außerdem blieb, ist viel wesentlicher: Freundschaften und Erkenntnisse, die unser Leben verändert haben. Aber es war nicht nur ein riesiges Ferienlager voller Freunde, sondern auch ein Ort, an dem wir Tag für Tag jeder auf seine Weise mit und an der Eurythmie geforscht haben.

Ich erinnere mich, oft nachts in unserem Café gegessen und zugeschaut zu haben, wie konzentriert Eurythmie-Formen auf Papier gezeichnet wurden. Dann gab es da einen Tanz im Dunkeln eines Klassenzimmers, improvisierte Bewegungen, unendliche Achtsamkeit des Pianisten und der zwei Tänzer. Minutenlanges Begegnen. Es gab Gedanken, dass Eurythmie wie bewegte Malerei sei, die Farben eines seelischen Ausdrucks in der Musik zeigt; mithilfe von Schleiern und Licht. Es gab die Feststellung, dass Eurythmie schon immer da war, längst bevor Menschen dafür ein System und Begriffe gefunden haben – es ist die Bewegung des Sonnenkreises, Ebbe und Flut, unser Herzschlag, Einatmen, Ausatmen – Eurythmie ist überall. Und die eurythmischen Gebärden sind nur eine Form, dies sichtbar zu machen. Eurythmie, der schöne Rhythmus des Lebens, ist noch elementarer. Sie wurde von Steiner nicht erfunden, sondern gefunden.

Gemeinsames Wachsen

© Charlotte Fischer

© Charlotte Fischer

Die erste Orchesterprobe war für mich und viele andere ein Moment, in dem wir mit der Musik eins wurden. Die Musik war so groß, so überwältigend; ihr mit meinem Körper Ausdruck zu verleihen, hat mich tief berührt. Nicht ich tanze die Musik, die Musik tanzt mich, wenn ich im Rhythmus der Bewegung auf der Bühne bin. Alles tanzen. Alles bewegen, alles aufnehmen, alles ausdrücken, alles erfassen, sich durch die Eurythmie in die Welt stellen. Das war mein Gefühl während der ersten Aufführung.

Ich selbst war die einzige Teilnehmerin, die Eurythmie nicht in der Waldorfschule kennen gelernt hat, ich bin eher zufällig durch Sozialeurythmie dazu gekommen. Für mich ist Eurythmie die einzige Bewegungsform, die ich bisher kennengelernt habe, die versucht, im Innern gefühltes und gedachtes Erleben auszudrücken und trotzdem mehr als Ausdruckstanz ist. Auch wenn Eurythmie natürlich wie jede andere Tanzform ihre Gesetze kennt, so erlebe ich diese nicht als starr, sondern als Möglichkeit – es geht nicht wie etwa im Ballett um die perfekte Ausführung einer äußeren Form, sondern darum, Individualität durch den Ausdruck von Qualitäten zu finden.

Bewusstsein schaffen

Anders gesagt: Eurythmie macht sichtbar und schafft Bewusstsein. Ein Schlüsselerlebnis, um Eurythmie als Kunstform besser zu verstehen, waren für mich die Fotografien von Annika, einer Teilnehmerin aus Finnland, die während des Projektes entstanden sind. Wie die Fotografie offenbart Eurythmie Dinge, die man im Alltag nicht bewusst wahrnimmt. Der Fotograf ermöglicht uns einen bewussten Fokus durch den Einsatz von Mechanik und Innehalten des Bewegten. Die Eurythmie, quasi als Gegenstück, verflüssigt die Dimensionen und vervielfacht das Erleben von Sprache und Musik. Erst die Auseinandersetzung mit beidem öffnet den Blick. Mein Lehrer meinte dazu, Eurythmie sei „wie Zeitlupe in schnell“.

Was hat es uns also gebracht? Die Antwort muss jede und jeder selbst finden. Einige sind bestärkt Eurythmie zu studieren, andere werden ganz andere Lebenswege einschlagen.
Aber wir alle haben uns vier Wochen mit einer Frage bewegt, wir haben sie uns in vielen Gesprächen gegenseitig gestellt, uns kennengelernt, herausgefordert, unterstützt: What moves you? – Was denkst Du? Was fühlst Du? Was willst Du? – Was bewegt Dich? Das sind die Fragen, die uns unser Leben lang bewegen werden. ///

 

WHAT MOVES YOU – Magic Moments
Ein Programm mit Werken von Franz Schubert und Roland Bittmann
Aufführungen: 27. und 28. August 2016, Komische Oper Berlin
Tickets ab sofort unter: +49 (0)30 / 47 99 74 00, www.komische-oper-berlin.de

Viktoria Schwab, Alumni von WHAT MOVES YOU 2014, beim diesjährigen Projekt Leiterin des Künstlerischen Produktionsbüros. Viktoria Schwab ist Geschäftsführerin der Kompanie Vonnunan Wien.
Dieser Beitrag ist eine gekürzte und neu gefasste Version eines Artikels für die Zeitschrift Aufttakt des Berufsverbandes der Eurythmisten in Deutschland, erschienen in Ausgabe 3/2014.