Foto:Gruenhelme

Foto:Grünhelme

Eine schöne kleine Aktion der dm Drogeriekette war das. Als ich das erste Mal davon hörte, war ich sofort dabei. Eine Stunde an der Kasse der Troisdorfer Filiale zu sitzen am Samstag den 17. November und dann noch für einen tollen Zweck. Ich sollte um 10.45 Uhr dorthin kommen, um noch eine Einweisung in einen Beruf zu bekommen, den  ich noch nie gemacht hatte: Kassierer zu sein. Der Erlös aller Waren, die von 11 bis 12 Uhr über die Kasse des dm-Marktes gehen würden, sollte einem humanitären Zweck zugute kommen.

Ich hatte nicht lange überlegen müssen, wen ich damit begünstigen könnte. Das war einmal die Kurdische Gemeinschaft in Siegburg, die Nutznießer der Aktion werden sollte. Diese Kurdische Gemeinschaft Rhein-Sieg-Bonn wird geleitet von Musa Ataman, aber auch von seiner Familie, seiner Frau Ayten, seiner Tochter Jinda Ataman, die für die Grünhelme in den Nordirak gegangen war. Dieser Verein ist durch seine rührigen sozialen, kommunalen und humanitären Arbeiten im Rhein-Sieg Kreis sehr bekannt geworden. Auch in der größeren Öffentlichkeit, denn Musa Ataman ist der Träger des Rheinlandtalers und des Bundesverdienstkreuzes.

Ich wollte einen zweiten Nutznießer benennen auf der anderen Rheinseite, aber die Mitarbeiter der Filiale waren für den lokalen humanitären Vertreter. Okay.

Die Kurdische Gemeinschaft ist in Deutschland auch öffentlich aktiv. Und wir haben immer erfahren, wie bekümmert die Mehrheit der deutschen Kurden über ewig-gestrige PKK-Anhänger ist. Musa Ataman sagt mir immer wieder: Ja, leider gibt es sie dennoch. Aber dieser Verein hat nun im Wortsinn gar nichts damit zu tun. Für den 13. November ist eine große Konferenz dieses Kurdenvereins in Gießen angesetzt, bei der auch Vertreter des deutschen Staates anwesend sein werden.

Am Sonntagabend (11. Oktober) hatte ich nun eine telefonische Information bekommen, dass man der Kurdischen Gemeinschaft PKK-Nähe und ihr selbst terroristische Aktivitäten unterstellt. Da musste ich noch lachen. Wenn jemand vor meinen Augen beim Besuch im Zoo sagen würde: Das Kamel im Zoo, das wir da sehen, ist rot oder grün, dann würde ich auch darüber lachen. Dann aber bekam ich am 12. Oktober aus Ägypten von einer Bekannten eine Nachricht, dass man von dieser Kontroverse um die dm-Aktion und den angedrohten Boykott erfahren habe und das bedaure, aber sicher sei, dass ich damit fertig würde.

Kurz, mein Fazit: Ich bin nicht damit fertig geworden. Die kleine Aktion ist abgesagt. Die Ehre der kurdischen Mitbürger wurde in den Dreck gezogen. Bescheuerte Bürger können einfach irgendetwas erklären, schon laufen die Medien hinter ihnen her und geben ihnen Recht.

Denn sie befragen nicht etwa die Beschuldiger, sondern der Beschuldigte muss sich erklären und belegen, dass er unschuldig ist. Und das in einer Erpressungssituation, denn es geht ja schon um den angekündigten Boykott der dm-Kette durch Türken in ganz Deutschland. Also gibt es da keine argumentative Auseinandersetzung. Und es ist dann gekommen, wie es kommen musste: Die Aktion wurde abgesagt. Und die Absage ist schlecht, weil man solchen Halunken RECHT gibt. Das kann dann auch Schule machen. Der nächste Anlass wird ganz schnell gefunden sein. Für dm ist das keine einfache Situation, das will ich anerkennen. Sie wollten Gutes tun und kommen in ein solches Dilemma.

Wer ist schuld? Wenn man überhaupt so reden kann, dann die vielen Medien, die hier bei uns das Telefon nicht mehr haben stillstehen lassen. Diese Medien haben nur den Kitzel eines Boykottaufrufes, der Schädigung eines guten Namens, desjenigen von Musa Ataman. Ich selbst werde mich immer zu wehren wissen. Die Medien müssen, wenn sie das akzeptieren, unbedingt die Beschuldiger, die irgendetwas in die Welt setzen, befragen oder zu befragen versuchen. Wenn ihnen das schon zu absurd erscheint, wie im Falle des Kamels, dann sollen sie das Thema sein lassen.

Ich wurde von einem ernst zu nehmenden Radiosender, dem WDR, angerufen. Ich war erst zurückhaltend, während ich sonst bei solchen Anfragen immer sofort und positiv reagiere.  Ich bat die Kollegin zu überlegen, warum wir diesen Krawallmachern es so leicht und den Boykott wirksam machen. Nein, das wäre nur Nachrichten-Verpflichtung. Und das wäre durchaus im öffentlich rechtlichen Auftrag. Leider habe ich mich auf das drei Minuten dauernde Gespräch eingelassen. Zum Schluss kam die Frage: „Aber Herr Neudeck, da wird ja irgendetwas dran sein, an dem was die Facebook-Türken gegen Musa Ataman und die Kurdische Gemeinschaft vorbringen?“ Genau das ist das Ende des Journalismus. Es gibt in den Netzwerken und sozialen Medien eine gehörige Portion Unfug und es gibt Schein-Gefechte und völlig aus der Luft gegriffene Behauptungen, mit denen man sich wichtig und manchmal sogar bekannt machen kann. Je irrsinniger der Vorwurf oder die Behauptung umso besser für den Skandal. Jedenfalls riefen viele an, Sat 1, stern tv und wie sie alle heißen.

Die Medien müssen eine neue Linie finden, bei der sie nicht gleich alles aufnehmen, sondern manches gar nicht mehr zum Thema machen. „All the news that fit to print“, so heißt es in der Titelzeile der New York Times.  Die letzten drei Tage waren voller Nachrichten, die keine waren, und die es nicht verdienten, verbreitet zu werden.

Wir haben wieder Sicherheit vor Freiheit gesetzt. Wir haben uns die Freiheit selbst gestohlen, eine so schöne Aktion zu machen.