Professor Dr. Abdullah Takim lehrt Islamische Theologie an der Goethe Universität Frankfurt. Foto: Jens Heisterkamp

Professor Dr. Abdullah Takim lehrt Islamische Theologie an der Goethe Universität Frankfurt. Foto: Jens Heisterkamp

Als ein in Westeuropa lebender Muslim, der sich für den Dialog engagiert – was lösen die Anschläge von Paris vom 13. November in Ihnen aus?

Zunächst einmal Entsetzen. Jeder von uns hätte unter den Opfern sein können, der Terrorismus kennt keine Nation und keine Religion. Aber jedes Menschenleben ist kostbar. Der Koran sagt dazu: „Wer einen Menschen tötet, ist wie einer, der die ganze Menschheit getötet hätte.“

Das ist die oft zitierte Botschaft aus der fünften Sure, wobei es da allerdings nur wenige Zeilen weiter auch heißt, man solle die, die Allah befehden, töten und kreuzigen.

Gerade deshalb muss der Koran in seinem Kontext gelesen werden: Diese letzten Zeilen haben etwas mit dem damaligen Kriegsrecht zu tun, haben damit zu tun, dass der Prophet sich zehn Jahre lang, obwohl er und seine Anhänger verfolgt wurden, nicht kriegerisch gewehrt hat. Dann hat Gott ihm dem Koran zufolge befohlen, sich zu verteidigen, weil er und seine Freunde religiös unterdrückt, aus ihrem angestammten Gebiet vertrieben und schließlich ein Teil von ihnen auch getötet wurde. Aber diese kriegerische Verteidigung gilt eben nur im Fall der Notwehr. Sie können unter Berufung auf den Koran auf keinen Fall Zivilisten, keine Frauen, Kinder, oder Geistliche töten. Nur diejenigen, die angreifen, können angegriffen werden. Die Möglichkeit von Selbstjustiz ist gar nicht vorgesehen, kein Urteil ohne vorherige Anklage. Die ganze Verfahrensweise der Terroristen, auch wenn diese ihre Aktionen durch den Koran legitimieren wollen, kann sich also nicht auf den Islam berufen und hat mit ihm nichts zu tun.

Dennoch werden in Verlautbarungen des IS – wie etwa in der jetzt auch in Deutsch kursierenden Internetzeitschrift Dabiq – die Anschläge in Paris als – so wörtlich – „gesegnetes Gemetzel“ im Sinne Allahs gepriesen. Wenn junge Menschen wahllos in einem Konzertsaal exekutiert werden, was kann man gegen diese religiöse Begründung tun?

Das lässt sich nicht von heute auf morgen lösen, sondern ist ein langer Prozess. Die muslimische Zivilgesellschaft kann das bloßstellen, sie kann Jugendliche warnen, im Internet vor allem, und tut das vielleicht noch zu wenig. In Deutschland kann langfristig Präventionsarbeit durch verschiedene Projekte und Aktionen geleistet werden, wobei zum Beispiel muslimische Multiplikatoren, Seelsorger und Sozialarbeiter zusammen mit den deutschen Behörden dafür Lösungen erarbeiten können.

Wir müssen aber auch sehen: Diese vollkommen willkürliche Gewalt wie in Paris ist etwas Neues. Im Nahen Osten haben über Jahrhunderte Muslime geherrscht, ohne dass sie Christen oder Juden verfolgt oder ermordet hätten. Für die Ermordung von Christen oder Juden gibt es keinerlei Rechtfertigung im Koran. Nach meiner Einschätzung kennen die IS-Terroristen überhaupt keine Werte mehr, es sind Nihilisten, die so extrem sind, dass sie sogar die Al Kaida in Syrien als „Ungläubige“ bezeichnen. Eines der wichtigsten Ziele dieses Terrors ist, dass er zur Spaltung führt, dass sich Menschen gegen den Islam stellen, dass auch hier im Westen die Radikalen am rechten Rand Zulauf erhalten – und sich dadurch wieder die Muslime zurückgesetzt fühlen und sich ihrerseits radikalisieren können. Jetzt die Muslime unter einen Generalverdacht zu stellen, bedeutet deswegen den IS zu stärken.

Wie kann man verhindern, dass sich Jugendliche Vorbilder wie den ehemaligen deutschen Rapper und dann IS-Kämpfer Denis Cuspert nehmen, die sich damit brüsten, in Syrien Menschen zu köpfen?

Die muslimischen Eltern sind natürlich genauso verzweifelt, wenn ihre Kinder sich davon angezogen fühlen und nach Syrien in den Krieg ziehen wollen. Auf Facebook gibt es Gruppen, deren Einfluss wir nicht kontrollieren können, viele Eltern kennen sich da nicht aus. Und die Jugendlichen halten das, was sie in den Propagandafilmen im Internet sehen, dann für den Islam, obwohl es sich um groteske Verzerrungen handelt.

Müssen wir in Deutschland mit Verhältnissen wie in den französischen Banlieues rechnen?

Nein, Deutschland ist da viel besser aufgestellt. Die meisten Muslime in Deutschland sind Türken, und die Türkei und Deutschland haben eine lange geschichtliche Verbindung. Schon die osmanischen Herrscher haben deutsche Berater ins Land geholt, dann kamen in der Nachkriegszeit die wirtschaftlichen Verbindungen durch die Gastarbeiter, die ja gerne und freiwillig hier geblieben sind. Bei allen bestehenden Problemen möchte ich auch einmal sagen: Gerade Deutschland hat auf dem Feld der Integration Großes geleistet. Die Nachkommen der vielen türkischen Gastarbeiter sind hier überwiegend zufrieden.

Jetzt stellt sich durch die vielen Flüchtlinge aus Syrien noch einmal eine neue Herausforderung.

Sie trifft uns zu einem Zeitpunkt, wo man sich der Tatsache, dass Deutschland in Zeiten der Globalisierung ein Einwanderungsland ist, immer noch nicht richtig gestellt hat. Deutschland hat seine Stellung in einer globalen Welt noch nicht gefunden. Und wenn man sich politisch wie in Syrien nur heraushalten will, dann kommt als Ergebnis das, was wir jetzt haben. Das ist eine Folge dieser Passivität. Es gibt einen Ausspruch von Bertolt Brecht, der sich hier bewahrheitet hat: Wenn du nicht zum Krieg gehst, dann kommt der Krieg zu dir. Wer in der Welt Macht hat, muss sich auch einmischen und kann einem solchen Konflikt wie in Syrien nicht einfach zusehen.

Glauben Sie, dass Deutschland die aktuelle Flüchtlingskrise meistern kann?

Ja, aber diese Krise kann man nicht allein politisch lösen, nicht allein vom Asylrecht her, sie verlangt etwas von unseren Herzen. Es geht hier um Menschenleben, das hat derzeit Vorrang. Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Bedford-Strohm hat bei einem Besuch auf der Balkan-Route gesagt, auch Jesus sei ein Fremder gewesen, der aufgenommen wurde, und die Christen hätten jetzt die Pflicht, notleidende Fremde aufzunehmen. Das hat mich sehr bewegt.

Wie schätzen Sie die Politik der deutschen Kanzlerin in diesem Zusammenhang ein?

Ich sehe das sehr positiv. Während früher einmal sogar von „Flüchtlingsbekämpfung“ gesprochen wurde, finde ich ihre jetzige Haltung sehr mutig. Wenn wir als Menschen die Türen aufmachen, können sich viele Synergie-Effekte ergeben. Das Herz zu öffnen, zahlt sich auf lange Sicht immer aus. Nicht nur wird Deutschland eine demographische Bereicherung erfahren, auch die Flüchtlinge werden durch die deutsche Kultur verändert werden. Und wenn Deutschland diese historische Aufgabe annimmt, kann das auch ein Beispiel für andere Länder werden.

Interview: Jens Heisterkamp

Das vollständige Gespräch lesen Sie in der Dezemberausgabe 2015 der Zeitschrift Info3. 

 

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Abdullah Takim, geboren 1972 in Istanbul, ist Kind türkischer Einwanderer, die seinerzeit als sogenannte „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen. Er wuchs in Herne auf und studierte Islamwissenschaften, Orientalistik und Philosophie an der Ruhruniversität Bochum. Seit 2006 baut er an der Goethe Universität Frankfurt als Professor das Institut für Islamische Theologie/Islamische Studien auf, an dem heute mehr als 500 Studierende lernen. Sie werden hier zum Beispiel zu Nachwuchstheologen und muslimischen Religionspädagogen in Zusammenarbeit mit der Universität Gießen ausgebildet, aber auch die Grundkenntnisse für Imame und Seelsorger werden hier vermittelt. Takims besondere Interessen gelten medizinethischen Fragen, der islamischen Mystik und dem Sufismus. Außerdem engagiert er sich im islamisch-christlichen Dialog.