unterwerfung

Es ist, als holten die Visionen ihren düsteren Seher in der Wirklichkeit ein – und das geschieht nicht das erste Mal bei Michel Houellebecq. Am Erscheinungstag seines Romans findet ein Blutbad statt, das auch gegen ihn gerichtet ist, der zu allem Überfluss auf dem Titelblatt von Charlie Hebdo mit Sprechblasen als Visionär abgebildet wurde: „2015 verliere ich meine Zähne.“ – „2022 halte ich Ramadan“. Am Mittag dieses Tages hat er einen guten Freund verloren, eiskalt niedergemetzelt.

„Ein Buch, das man mag, ist zudem vor allem ein Buch, dessen Autor man mag, dem man gern begegnet, mit dem man gern seine Tage verbringt“, heißt es in Unterwerfung. Und so ergeht es dem Rezensenten beim Lesen. Doch bald schleicht sich darin etwas anderes ein: „Vor der Tür meines Vorlesungsraums … versperrten drei Typen von rund zwanzig Jahren, zwei Araber und ein Schwarzer, den Weg. Heute waren sie nicht bewaffnet und wirkten eher ruhig, in ihrer Haltung lag eigentlich nichts Bedrohliches, aber man war gezwungen, zwischen ihnen hindurchzugehen, um in den Raum zu kommen“, räsoniert die Hauptfigur François, ein 43-jähriger Hochschullehrer an der Sorbonne. Später auf einem Empfang dann: „In diesem Augenblick ertönte weit weg ein unbestimmbares, dumpfes Grollen, das wie eine Explosion klang.“ Noch etwas später: „Aus der Ferne hörte man plötzlich ein fortgesetztes Geknalle. ,Was glaubt ihr, was das ist?‘, fragte Alice. ,Klingt wie Schüsse …‘“ Und: „In dem Moment wieder das Geräusch von Salven, dieses Mal ganz deutlich und offenbar in der Nähe, gefolgt von einer noch viel lauteren Explosion.“ So war es wohl für die Anwohner und Beschäftigten nahe den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo. Der Rezensent sah während einer Lektürepause gerade nach dieser Stelle das Video, in dem die Attentäter seelenruhig das Polizeiauto unter Feuer nehmen.

Im Roman wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. In der zwischen Linksliberalen und Rechten gespaltenen Nation erhält 2022 überraschend die Bruderschaft der Muslime die Stimmenmehrheit. Das laizistische Frankreich wird umgebaut zum islamischen Staat, nicht etwa als Terror-Regime, sondern gebildet, sympathisch, großzügig, vertreten durch die Figur des Wahlsiegers Ben Abbe. „Er ist ein gemäßigter Moslem“, heißt es im Buch, „zweifellos der geschickteste und durchtriebenste“ Politiker seit François Mitterrand. Neben der monogamen Ehe ist auch die polygame erlaubt, was unseren Held nachdenklich stimmt, war er doch nie gegen das patriarchale System.

Mit den Juden sei es allerdings etwas komplizierter, lesen wir weiter. Die sind im Roman schon vor der Wahl dabei, das Land in Richtung Israel zu verlassen, was uns erneut an Medienberichte aus dem noch jungen Jahr 2015 erinnert.

Als ein Bürgerkrieg unabwendbar scheint, zieht sich François zurück aus Paris. Auch Michel Houellebecq hat die Promotionstour für sein Buch in Frankreich abgebrochen und Paris wahrscheinlich den Rücken gekehrt. Der einzige Auftritt zu seinem Buch fand kürzlich in Köln statt.

Es herrscht „Alarmstufe Rot“ für das Zusammenleben der Kulturen. Diese Errungenschaft in Zeiten der Bewusstseinsseele nicht preiszugeben, dazu motiviert uns in seiner Menschenfreundlichkeit auch dieser atemberaubende Roman, der weder Lektüre ist für Zartbesaitete, weil zu viel Sex, noch für Pegida-Anhänger, weil zu differenziert.

 

Michel Houellebecq: Unterwerfung. Dumont Buchverlag 2015, 280 Seiten, Hardcover, € 22,99, (eBook € 18,99).