Stone balance

Von Nadja Rosmann

Die Dotcom-Krise schien endlich verdaut, die große Finanzkrise war noch nicht wirklich in Sicht, als ich im Frühjahr 2007 erstmals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf das Phänomen „Downshifting“ stieß – und mir die Augen rieb. Die dramatische Entwicklung von Burn-outs sollte erst in der zweiten Dekade des noch jungen Jahrtausends so richtig ins öffentliche Bewusstsein dringen. Es war die Zeit, als Klaus Kleinfeld seinen Vorstandsposten bei Siemens räumen musste, doch die von ihm ausgegebene Parole „Work hard, play hard“ hatte sich im Unterbewusstsein der Arbeitnehmer schon fest eingenistet. Längst wurde nicht mehr nur von Top-Managern allzeitige Verfügbarkeit erwartet. Die Deregulierungspolitik und die Hartz-IV-Arbeitsmarktreform der rot-grünen Bundesregierung taten ihr übriges, den latenten Druck innerhalb der deutschen Arbeitskultur zu erhöhen. In einer Zeit also, in der Vielarbeit zum Lebensstil erhoben wurde, berichtete die FAZ über eine Bewegung in eine vor diesem Hintergrund beinahe schon bizarre Richtung. Es ging nicht um die typischen Aussteiger, die ihre Jobs hinwarfen, um Schafe zu züchten oder in einer Kommune zu leben. Nein, der Artikel analysierte, dass Führungskräfte ganz bewusst auf weitere Karriereschritte und Aufstieg verzichteten, um nicht auch noch den letzten Rest an Zeit- und damit Lebenssouveränität zu verlieren. Ein starkes Stück!

 

Ängste halten den Wandel nicht auf

Mit der Lehmann-Pleite schien diese Perspektive so schnell wieder zu kollabieren, wie sie aufgetaucht war. Gerade jetzt mehr „spielen“ zu wollen, wirkte fast schon dekadent. Doch durch das Andauern der wirtschaftlichen Depression erlitt der fast ausschließlich auf Beruf und Leistung zielende Lebensstil über die Jahre Korrosionsschäden. Immer mehr Arbeit wurde auf immer weniger Mitarbeiter verteilt. Als Fußball-Trainer Ralf Rangnick 2011 in Folge eines Burn-outs zurücktrat, titelte die Zeit „Nein, wir können nicht mehr!“ und sprach von einer „Systemkrankheit“. Die nackten Zahlen untermauern die Diagnose. 2013 etwa gingen rund 75.000 Arbeitnehmer aufgrund psychischer Erkrankungen in Frührente.

Für die, die schon Jahre im Erwerbsleben etabliert sind, ist längst spürbar, dass permanentes Sich-Auspowern kein Zukunftsmodell mehr sein kann. Berufseinsteiger wiederum sind mit immer niedrigeren Einstiegsgehältern und häufig befristeten Arbeitsverträgen konfrontiert und wissen längst, dass selbst noch so viel Engagement keine Garantie mehr dafür ist, nicht doch irgendwann wieder auf der Straße zu stehen. Schon Ende 2010 zeigte die Wirtschaftswoche mit einem Feature über die Lebensläufe von Downshiftern, dass wirtschaftliche Ängste den Prozess des Umdenkens, der in Teilen der Bevölkerung vor der Krise eingesetzt hatte, nicht stoppen können. Ein Manager, der auf die Beförderung in den Konzernvorstand verzichtet und lieber „nur“ eine fachliche Karriere macht; die Geschäftsführerin, die auf Sekretärin umsattelt – zwei typische Beispiele für heruntergefahrene Lebensläufe, die der Arbeit nicht mehr einfach ihren Lauf lassen wollen, sondern bewusst auch den Rest des Lebens ins Kalkül ziehen.

 

Jenseits aller inneren Vernunft

In Steiner’sches Denken übersetzt könnte man sagen, das Wirtschaftsleben hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr von den anderen Gliedern des sozialen Organismus abgekoppelt und aufgehört, in „innerer Vernunft“ mit ihnen zu wirken. Der Philosoph und Staatsminister a.D. Julian Nida-Rümelin beispielsweise bemängelt heute, dass soziale und ästhetische Kompetenzen in der Arbeitswelt noch immer unterbewertet würden. Die Anerkennung des Geisteslebens reduziert sich oft darauf, Steigbügelhalter wirtschaftlicher Verwertungsinteressen zu sein. Soziales Miteinander, Nachdenken oder künstlerische Betätigung werden so zur Privatsache – in einer Kultur, die das Privatleben im Sinne frei verfügbarer Lebenszeit beinahe abgeschafft hat. Ähnlich sieht es im Rechtsleben aus. Politische Maßnahmen wie das Elternzeitgesetz oder die gesetzlich geregelte Möglichkeit zur Teilzeitarbeit sollen Eltern zwar zu mehr Autonomie verhelfen, doch die Realität ist eine andere. Laut dem von Allensbach erhobenen „Monitor Familienleben 2013“ fällt es 70 Prozent der Eltern schwer, Job und Familie auszubalancieren – weil die Arbeitgeber de facto ihre zeitlichen Wünsche nicht berücksichtigen, der Wiedereinstieg nach Elternzeiten erschwert wird oder Betreuungsmöglichkeiten für den Nachwuchs fehlen.

 

Jung und eigensinnig

Während Eltern, die viele Jahre in ihre berufliche Karriere investiert haben, häufig versuchen, sich irgendwie zu arrangieren, rückt bei der jüngeren Generation die Frage des eigenen Wollens in den Vordergrund. „Generell sehe ich die Richtung, in die unsere Gesellschaft derzeit steuert, sehr kritisch: Je mehr man sich und sein Privatleben für seinen Beruf aufgibt, umso anerkannter ist man. Da läuft doch etwas falsch, da wird Arbeit mit Lebenssinn verwechselt“, zitiert die Zeit eine 32-jährige Gymnasiallehrerin, die ihr Arbeitspensum reduziert. Eine 25-jährige Softwareentwicklerin, die ihren Bachelor mit der Note 1,5 abschloss und nun in Teilzeit arbeitet, um ehrenamtlich einen Chor dirigieren zu können, sagt: „Meine Arbeit macht mir sehr viel Spaß, aber ich würde mich nie für einen Job aufreiben.“

Lebensentwürfe wie diese stellen das Prinzip „Arbeit über alles“ grundlegend in Frage. Sie reaktivieren die Steiner’sche funktionale Trennung der Lebensbereiche, die grundlegend für das Funktionieren des sozialen Organismus ist. Nicht eine Sphäre wird gegen die andere ausgespielt, sondern die unterschiedlichen Dimensionen befruchten einander. Das Leben wird wieder bunt. Im Vergleich zu typisch postmodernen Aussteigerstrategien, bei denen häufig ein Rückzug aus dem „System Wirtschaft“ eine Rolle spielt, fühlen sich die Downshifter der Arbeitswelt verbunden genug, um nach einer Veränderung zu streben, die aus dem erwächst, was ist.

 

Lebendigkeit bedeutet Abschied von der „Normalität“

Diese Dynamik als kulturellen Trend zu erkennen, fällt noch schwer. Einerseits, weil die Erneuerung auf sehr individuellen Biographien beruht. Andererseits, weil sie gerne als Abweichung von einer Norm betrachtet wird, die man im öffentlichen Diskurs aufrechtzuerhalten versucht. Doch immer mehr ernstzunehmende Initiativen engagieren sich dafür, Alternativen zur 40+-Stunden-Woche zu schaffen. John Ashton, Präsident der britischen Faculty of Public Health, etwa propagiert die Vier-Tage-Woche. Einer Umfrage zufolge unterstützen 57 Prozent der erwerbstätigen Briten diese Idee. Sogar 71 Prozent glauben, dass sie die Menschen glücklicher machen würde. Die Stadt Göteborg experimentiert mit einer 30-Stunden-Woche in Teilbereichen der Verwaltung. „Wer kürzer arbeitet, arbeitet besser und effektiver“, so der zuständige Kommunalrat Mats Pilhem. In Deutschland hat sich unter dem Dach von Attac eine Arbeitsgruppe „Arbeit fair teilen“ formiert. Ihr Ziel: die Einführung einer „kurzen Vollzeit“, der 30-Stunden-Woche für alle bei vollem Lohnausgleich für untere und mittlere Einkommen. „Unsere Demokratie braucht Menschen, die sich einbringen, und viel freie Zeit. Zeit für Bildung, Zeit für investigativen Journalismus, Zeit für Information und für Bürgerbeteiligung“, argumentiert Attac.

Leben, das wirklich lebendig ist, ist ein stetes Werden und Vergehen. Heute wissen wir um den Fortschritt, der einst darin lag, die frühere Subsistenzwirtschaft, in der Arbeit noch kaum vom übrigen Leben getrennt war, hinter uns zu lassen. Viele zivilisatorische Errungenschaften wären wahrscheinlich ohne die Fokussierung auf Arbeit als eigenständiger Lebenswelt, die mit der Industrialisierung begonnen hat, gar nicht möglich geworden. Doch spüren wir heute auch, dass die Dominanz, mit der dieses Modell inzwischen positioniert wird, nicht mehr von Vorteil ist. Für Steiner war augenscheinlich, dass jede aufsteigende Bewegung auch die Kräfte ihres Niedergangs bereits in sich trägt. Wenn wir nicht an einer statischen Vorstellung von Normalität festhalten, können wir sehen, dass Downshifting keine Kritik im konventionellen Sinne ist, sondern menschliche Energie konstruktiv in neue Sphären lenkt. Dann wird, was der Ökonomon Josef Schumpeter einst als kreative Zerstörung benannte, zur noch kreativeren Wiedergeburt. Der britische Ökonom John Maynard Keynes prognostizierte 1930, dass die Menschen in 100 Jahren nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten. Gemessen an der wirtschaftlichen Produktivität könnten wir diesem Ideal schon heute recht nahe kommen – wenn der volkswirtschaftliche Wohlstand gleicher verteilt wäre. In 15 Jahren kann viel geschehen … ///

 

Mehr Informationen:

Attac-Arbeitsgruppe „Arbeit fair teilen“

Wiebke Sponagel: Downshifting: Selbstbestimmung und Ausgeglichenheit im Job, Verlag Haufe-Lexware 2013, € 13,25

 

Dr. Nadja Rosmann ist Kulturanthropologin mit dem Schwerpunkt Identitätsforschung. Sie arbeitet als Journalistin, Kommunikationsberaterin und wissenschaftliche Projektmanagerin vor allem zu Themen aus den Bereichen Wirtschaft und Spiritualität und betreibt das Weblog zenpop.de Kürzlich ist das Buch „Mit Achtsamkeit in Führung – Was Meditation für Unternehmen bringt“ erschienen, das sie gemeinsam mit Paul J. Kohtes geschrieben hat.