Der Info3 März-Titel

Die Geltung von Menschenrechten und Demokratie, das Prinzip der Gewaltenteilung, die Freiheit der Kultur und unabhängige Medien – das alles schien zumindest in den demokratisch verfassten Staaten dieser Welt bisher selbstverständlich. Auch eine Gesellschaftsform, welche die Entfaltung unterschiedlichster individueller Lebensentwürfe ebenso zulässt wie ein friedliches Miteinander diverser kultureller oder religiöser Gemeinschaften galt überwiegend als Ideal. Diese Lebensform einer Offenen Gesellschaft wird aber derzeit akut von autoritären „Alternativen“ in Frage gestellt. Neo-despotische Führerfiguren, allen voran Donald Trump, nutzen dabei eine weit verbreitete Verunsicherung angesichts der Unübersichtlichkeit unserer Zeit. Insbesondere angesichts der Migrations- und Flüchtlingsproblematik zeigen sich manche Bevölkerungskreise überfordert, die damit einhergehenden  Herausforderungen und die wachsende Komplexität mitzutragen. Ihre gefühlten Ängste richten sie dann gegen das „System“ oder einzelne seiner Repräsentanten, denen sie ein bewusstes Agieren gegen „das Volk“ unterstellen. Massive Kritik am parlamentarischen System und an den sogenannten „Eliten“ wie auch den vermeintlich gleichgeschalteten Medien ist zu einem Dauerthema geworden, das nicht nur in den sozialen Netzwerken in Form verbaler Kriegsrhetorik verhandelt wird. Dabei ist für den Erfolg dieser Aktivitäten weniger die Schicht der wirklich sozial Benachteiligten verantwortlich als vielmehr die Tatsache, dass sich manche Angehörige der Eliten selbst – seien es Publizisten, Politiker oder Philosophen – für rechtes und querfrontlerisches Gedankengut geöffnet haben.

Pegida und AfD, Identitäre und Neu-Rechte, aber auch Teile der Linken richten ihre Energie gegen entscheidende Fortschritte in Richtung Modernisierung, Liberalisierung und Individualisierung, wie sie in den vergangenen 30 Jahren in vielen europäischen Gesellschaften erreicht wurden. Ihr Versuch, den sozialen Organismus zu destabilisieren, lässt sich nach seinen drei Grundbereichen etwa so auffächern:

Wirtschaftsleben: Neurechte ebenso wie altlinke Kräfte in ganz Europa agieren derzeit in Richtung einer Zerstörung der Europäischen Union; nicht nur in den USA, sondern auch in Europa wird die Rückkehr zum nationalen Protektionismus propagiert. In Deutschland verbreitet insbesondere die AfD Versprechungen nach dem Motto: Deutsche zuerst, dann –wenn überhaupt – Flüchtlinge. Eine Wirtschaft, die Klimaschutz und erneuerbare Energien einbezieht, wird als ideologisch abgelehnt.

Politisch-rechtliches Leben: Von Washington bis Warschau reichen derzeit die Versuche, rechtsstaatliche Selbstverständlichkeiten wie die Gewaltenteilung außer Kraft zu setzen, eine unabhängige Justiz zu gängeln und die Medien einzuschüchtern. Das öffentliche Leben wird zunehmend vergiftet durch Diffamierungen politisch Andersdenkender, Kampagnen gegen Repräsentanten der freiheitlichen Ordnung, Troll- und Internetattacken in sozialen Netzwerken, Hackerangriffe auf Parteien, Parlamente und Einzelpersönlichkeiten. Gezielte Desinformation (RT, Verschwörungswebseiten oder Verlage wie der Kopp Verlag etc.) schüren Misstrauen gegen Fremde und Geflüchtete.

Mehr subtil unterminieren AfD und andere Reaktionäre auch die bereits erreichten Fortschritte in der Geschlechterfrage und bekämpfen Frauenquoten, geschlechtergerechte Schreibweisen in Behördenpost, Gender-Forschung an Universitäten und überhaupt alle Maßnahmen, welche die „naturgegebenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern marginalisieren“, wie es im Grundsatzprogramm der AfD heißt. Alleinerziehende sollen ausgegrenzt, die Fortschritte in der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften rückgängig gemacht werden.

Geistesleben: „Unser aller Identität ist vorrangig kulturell determiniert. Sie kann nicht dem freien Spiel der Kräfte ausgesetzt werden“ – kaum eine Äußerung unterstreicht den autoritären Charakter der AfD  mehr als ein solcher Satz im Abschnitt über „Kultur, Sprache und Identität“ ihres Grundsatzprogramms. Der Versuch reaktionärer Kräfte, den Zusammenhalt der Nation wieder vom „Volk“ und vom Völkischen her zu denken, ist ein geistiges, nicht nur ein verfassungsrechtliches Krankheitssymptom. Unter dem Vorwand der Förderung deutscher Kultur will die AfD im Gewand biederer Bürgerlichkeit den Kulturbetrieb durch einen reaktivierten Patriotismus instrumentalisieren, ein Programm, das gut mit der verbreiteten Abneigung gegenüber zeitgenössischer Kunst zusammenpasst. Die Folgen sieht man beispielsweise, wenn jüngst in Dresden der Künstler Manaf Halbouni mit seiner Aleppo-Bus-Installation vor der Dresdener Frauenkirche beschimpft wird und die verantwortlichen Politiker in Nazi-Terminologie als „Volksverräter“ bezeichnet werden.

Noch folgenreicher zerstört die Anti-Islamkampagne von AfD und Pegida das Prinzip der freien Religionsausübung. Sie zielt damit nicht auf berechtigte Kritik und Dialog, sondern schürt mit dem Dogma „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ (AfD Grundsatzprogramm) gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Gesellschaft und Individualisierung

Diese Beispiele zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der reaktionären bis faschistoiden Tendenzen unserer Tage. Viele Zeitgenossen wachen aber auch an diesen Symptomen auf und bemerken: Die Offene Gesellschaft ist nicht selbstverständlich. Sie bietet wie keine andere soziale Form einen Rahmen, individuelle Freiheit zu entfalten, ist aber aufgrund ihrer tendenziell nicht-autoritären und nicht-direktiven Form auch besonders verletzlich.

„Welche Staats- und Gesellschaftsform kann die allein erstrebenswerte sein, wenn alle soziale Entwicklung auf einen Individualisierungsprozess hinausläuft?“, hatte Rudolf Steiner im Jahr 1898 gleichsam in Richtung des heranziehenden 20. Jahrhunderts gefragt. Zu seiner Zeit konnte darauf keine befriedigende Antwort gefunden werden; in den 1930er und 1940er Jahren stürzte die Menschheit vielmehr in die vielleicht dunkelste Phase ihrer Geschichte überhaupt mit millionenfachem Tod, mit Völkermord, Krieg und Totalitarismus. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs aber gab es auch so manchen hoffnungsvollen Neubeginn: Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Rahmen der neugegründeten Vereinten Nationen bedeutet so einen Meilenstein. In den späten 60er Jahren ging dann von San Francisco bis Prag der Individualisierungsprozess wie in einer Welle über die Welt, ähnlich noch einmal um das Jahr 1989. Was aus diesen Impulsen als offene und pluralistische Gesellschaft entstanden ist, darf bei aller Bedürftigkeit nach weiterer Entwicklung als eine erste gültige Antwort auf die Frage gelten, die Steiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts gestellt hatte.

Den Würde-Kern weiter entfalten

Ähnlich wie die Verfassungen anderer freier Staaten ist die Ordnung der Bundesrepublik Deutschland auf die Würde des Individuums gegründet. Und mit jeder Generation entfaltet sich das Potenzial dieses Würde-Kerns etwas weiter. Gleichstellung der Geschlechter, die Inklusion behinderter Menschen, die Einbeziehung der Natur als eigenständiger Sphäre, nachhaltiges Wirtschaften, kosmopolitisches soziales Denken – als dies sind Inhalte, die lange Zeit nur von wenigen Idealisten und Aktivisten vorangetrieben wurden,  inzwischen aber begonnen haben, das soziale Leben bis in verbindliche Regelungen hinein zu prägen. Gewaltige Herausforderungen liegen aber auch noch vor uns: Gerechtigkeit zwischen den Staaten, ja zwischen den Kontinenten, die Frage, wie eine Welt ohne Grenzen möglich werden kann – die wahren Herausforderungen hinter der sogenannten „Flüchtlingskrise“! Soziale Visionskraft statt ängstlicher Rückzugsmentalität ist deshalb gefragt.

Denn das Projekt der Moderne ist in Gefahr. Dieses Projekt hat bisher auf eine Kraft gesetzt, die dafür steht, dass die Geschichte der Menschheit trotz aller Rückschläge doch eine Entwicklung zum Besseren, eine Geschichte des Fortschritts in Richtung von mehr Gerechtigkeit und Frieden darstellt– so haben es Hegel, Steiner und andere Visionäre gesehen. Die latente Kraft, die sich als kollektive evolutive Intelligenz mächtiger zeigt als nur die Summe der Individuen, wurde einst von der idealistischen Philosophie „Weltgeist“ genannt. Unter dieser Formel können wir heute das fassen, was gegen die überholten Ideale mit neuem Idealismus manifestiert werden will: Nicht das überkommene Nationale und autoritär Zentralistische, sondern das Allgemein-Menschliche, das Kosmopolitische, der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit. Could we just say: Weltgeist first!?

 

Aus der März-Ausgabe der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog.  Hier kostenloses Probeheft oder Abo bestellen.