Ein Zitat aus dem Buch Hiob, strömende Lichtphänomene und flüsternde Stimmen, die etwas von Natur und Gnade erzählen – so beginnt einer der ungewöhnlichsten Filme der letzten Zeit. Nahaufnahmen von Gesichtern, rasche Schwenks auf vom Wind bewegtes Gras, Hunde die aus Pfützen trinken; Baumstämme und Äste, spielende Kinder, kaum Dialoge. Irgendwann dazwischen eine lange Sequenz mit Sternengalaxien, brodelnder Lava und Lebewesen im Meer. Ein Saurier, an den Strand gespült. Ein Meteorit trifft die Erde. Dann wieder spiegelnde Hochhausfassaden und Menschen in Büros. Eine Frau, die im Wasser eines Rasensprengers tanzt.

Es fällt schwer, von diesem Film  zu erzählen, der selbst keine gewöhnliche Geschichte erzählt. Da ist zum einen ein geradezu biblisches Epos mit überbordender Lichtmetaphorik, metaphysischer Stimmung und durchgehend sakraler Musik. Da ist zum anderen eine durchschnittliche Familie im Süden der USA in den 50er Jahren. Eine sanfte, fürsorgliche Mutter, die ihr Glück zwischen drei Söhnen und einer übermächtigen Ehemann-Vater-Figur zu halten sucht. Aber nicht ein persönliches Drama, sondern das Grundmotiv des liebend-gewalttätigen Vaters bildet hier das Motiv. Zu Beginn des Films der einzige äußere Spannungspunkt: Einer der inzwischen erwachsenen Söhne ist gestorben, wir wissen nicht wie und werden es auch nicht erfahren. Der Film entwickelt sich als Rückblende aus Sicht eines der Brüder, den am Jahrestag des Unglücks noch immer die Frage nach dem „Warum“ umtreibt. Aber nicht um eine besondere Geschichte, nicht um individuelle Charaktere wird es hier gehen, sondern um die Frage nach dem Warum von Unglück und Leid schlechthin in der besten aller möglichen Welten. Die Figuren sind durchgehend exemplarisch gezeichnet und es sind keine persönlichen, sondern repräsentative Erfahrungen, die sie machen: Bei den Kindern das unbekümmerte Spiel, die Begegnung mit Leid und der Verlust der Unschuld, der Zweifel an der Welt der Erwachsenen; bei den Erwachsenen ist es vor allem das Scheitern am eigenen Unvermögen.

Selten hat mich ein Film so von Schönheit betört und verwirrt hinterlassen wie The Tree of life von Terence Malik. Er unternimmt etwas Übermächtiges: Er will den Kosmos des Menschen mit all seinen Dramen von Zuneigung, Hoffnung, Schwäche und Schuld in die Geschichte des Kosmos fügen, will Grenzen des Hier und Dort durchlässig machen, denn die menschliche Innenwelt mit ihren Gedanken und Gefühlen gehört genauso zum Ganzen der Welt wie Tiere, Pflanzen und Gestirne. Es gibt nur einen Baum des Lebens. Aber welche Frucht können wir dazu beitragen?

Die in jeder Szene ungewöhnliche Kameraführung zeigt uns die Menschen nicht aus der Perspektive alltäglicher Handlungsketten, sondern wie aus der Sicht eines überpersönlichen Zeugen heraus. Zustände, die kommen und gehen. In dieser nicht-linearen Perspektive, eingebettet in die grandiosen Sequenzen zur Entwicklung von Kosmos und Erde, verschwindet die Dimension des Menschen an den Rand der Bedeutungslosigkeit. Und gerade da, wo das Ego so lächerlich unbedeutend und hilflos wirkt, erscheint das ganze Gewicht des Menschen: Wir können uns entweder für den auf Vorteil bedachten „Weg der Natur“ oder für den liebenden „Weg der Gnade“ entscheiden, wie es ganz am Anfang des Films hieß.

Das grandiose Finale deutet auf eine Form der Erlösung durch Ergebenheit. Gerade mit diesem Schluss strapaziert Regisseur Terence Malik unsere noch vielfach von Zynismus und Beliebigkeit geprägte Kulturwelt bis zur Schmerzgrenze. Sein mutiger und auf nicht-konfessionelle Weise tief religiöser Film wird wohl kein großer Publikumserfolg werden, könnte aber im Rückblick doch einmal zu dem zählen, was wichtig war in einem Jahrhundert.