Immanuel_Kant_(painted_portrait)

Dass die Form der Sinnlichkeit nicht den Dingen an sich zugrunde liegt, sondern von unserem Verstand vorab vorgegeben wird, ist Kants transzendentale Erkenntnis. Der Verstand reicht aber über diese Formen nicht hinaus: Wie die Dinge an sich beschaffen sind, erkennt er nicht. Alles Nachdenken darüber führt ihn in unlösbare Widersprüche (Antinomien). Obwohl er mit der transzendentalen Erkenntnis die Kluft zwischen Sinnlichkeit und Denken überwindet, bleiben mit dem Ding an sich der Dualismus und eine Erkenntnisgrenze bestehen.

Steiner verehrt Kants Vernunftkritik als philosophischen Meilenstein und gültiges Fundament des naturwissenschaftlichen Bewusstseins. Doch er gibt sich mit Dualismus und Grenzen nicht zufrieden: Während Kant Erkenntnis in strenger philosophischer Logik auf abstrakte Gültigkeit hin untersucht, macht Steiner das Denken als Prozess zum Gegenstand der Anschauung und begreift es nicht als subjektive Kategorie, die einer objektiv-sinnlichen Wirklichkeit gegenübersteht. Wahrnehmung und Denken wurzeln in einem Sein. Es ist die menschlichen Organisation, die sie wie ein Spiegel einander gegenüberstellt, zum Zwecke der bewussten verbindenden Erkenntnis. Steiners geistige Erfahrung besteht im Aufsuchen dieses Ursprungs.

In Kants Transzendentalität steckt eine Ahnung dieses Ursprungs und mit den Antinomien rüttelt er am Tor der Geist-Erfahrung. Doch während er sie im “Ding an sich” begräbt und in der abstrakten Ebene der Gültigkeit bleibt, überschreitet Steiner die Schwelle zum Geist, der sich als konkrete Erfahrung des Wirklichkeit schaffenden Daseins zeigt. Von dies- und jenseits auf dieselbe Schranke blickend, stehen sich beide nah und fern zugleich. Dies erklärt die kontroverse Faszination, die Kant zeitlebens auf Steiner ausgeübt hat.

Das neue Buch Tatort Erkenntnisgrenze von Dietrich Rapp rekonstruiert Steiners Philosophie des Geistes als Biographie einer Kontroverse mit Kant. Rapp arbeitet Steiners Kant-Kritik nicht nur umfassend auf, sondern stellt sie auch in ein neues Licht, das die verbreitete latente Geringschätzung Kants in der Anthroposophie als Vorurteil einer allzu oberflächlichen Lektüre entlarvt.

Christian Grauer ist Philosoph, Autor und IT-Dienstleister. Er lebt mit seiner Familie in Stuttgart. Im Info3 Verlag erschien von ihm das Buch „Am Anfang war die Unterscheidung“.