Buchneuerscheinung zu Rassismus und Waldorfschulen

Waldorfschulen in Südafrika – kritisch gesehen

Dass Waldorfschulen zu Zeiten der Rassentrennung in Südafrika auch schwarze Schüler aufgenommen haben, wird immer wieder als Beleg für den nicht vorhandenen Rassismus im Waldorfbereich herangezogen. Autor Eric Hurner, der selbst an einer Waldorfschule in Südafrika zur Schule ging und dort auch unterrichtete, zeichnet aus seiner Erfahrung ein etwas differenzierteres Bild, das eine weitere Diskussion verdient.

 

Foto: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners

Foto: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners

Die beiden Waldorfschulen in Südafrika, die mit als erste Schulen überhaupt in Kapstadt und Johannesburg gemischte Klassen in dem von der Apartheitspolitik geprägten Land ermöglichten, werden gern als Belege für einen nicht vorhanden sein könnenden Rassismus bei Anthroposophen und Waldorflehrern bemüht. Dass sich die Sache so einfach nicht verhält, zeigt das jetzt erschienene Buch von Eric Hurner, der selbst eine dieser Schulen besuchte und später auch dort unterrichtete. Denn außer dem ideologischen oder politischen, auf Vorherrschaft und Unterdrückung zielenden Rassismus gibt es einen subtileren „kulturellen Rassismus“, der sich in einer paternalistischen Haltung der Überlegenheit auslebt. Anthroposophische Etikettierungen („Weiße sind in der Bewusstseinsseele, Schwarze erst in der Empfindungsseele“) gehören dazu ebenso wie bizarre Reinkarnationstheorien, wonach eine bedeutende schwarze Persönlichkeit wie Nelson Mandela in ihrer früheren Inkarnation mit Sicherheit ein Weißer war.

eric hurner

Streit-Thema „Kultureller Rassismus“ : Autor Eric Hurner / Foto: www.erichurner.org

Inwieweit auch engagierte Waldorflehrer solchen Mustern unterliegen können, zeigt Hurner erfahrungsbelegt und selbstkritisch gegenüber seiner eigenen Schulbewegung auf und unterzieht dabei auch Äußerungen Steiners zu Menschen mit schwarzer Hautfarbe einer Kritik. Hurner sieht allerdings auch den westlichen „Antirassismus“ durchaus kritisch, wie der Autor ihn etwa bei Ansgar Martins am Werk sieht. Jenseits einer pauschalen Verdächtigung Steiners und seiner Reinwaschung gelingt es ihm so, eine eigene Position zu begründen, die in der bisherigen Debatte durchaus neu ist. – Nicht vergessen werden soll, dass das kleine Buch nicht nur diese diskursive Seite hat, sondern auch den spannende Bericht eines Zeitzeugen bietet, der die oft abenteuerliche Entwicklung einer Township-Waldorfschule inmitten von Armut, Gewalt und zerstörerischen politischen Konflikten miterlebt hat. Zu lesen und zu erfahren, wie Mord und Totschlag buchstäblich oft bis vor das Schulgelände reichten und gegen welche Schwierigkeiten die Waldorfpädagogik hier ausgehalten hat, geht streckenweise richtig unter die Haut.

Eine Schlussbemerkung: Es ist wohl schicksalhaft bezeichnend, dass diese ebenso originelle wie selbstkritische Stimme eines engagierten Waldorflehrers und Anthroposophen verlegerisch ihren Platz nicht gleichberechtigt neben Publikationen gefunden hat, die Anthroposophie und Waldorfpädagogik eher von jedem Rassismus-Verdacht frei sehen. Umso verdienstvoller ist es von Arfst Wagner, dass er spontan bereit war, das Buch in seinem kleinen Lohengrin Verlag herauszubringen. Es hat weite Aufmerksamkeit in Waldorfkreisen verdient und könnte dort für wichtige Debatten sorgen.

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Eric Hurner: Kultureller Rassismus. Anthroposophie und die Integration der südafrikanischen Waldorfschulen, 66 Seiten, Lohengrin Verlag Tetenhusen 2016, € 15,-.

ISBN 978-0-9933169-2-0

 

Direkt hier beim Lohengrin Verlag bestellbar

 

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