Waldorfpädagogik und die 68er

1969 wurde die Vereinigung der Waldorfkindergärten gegründet. Ihr Gründer – der nach dem Krieg als Waldorflehrer tätige Journalist Helmut von Kügelgen – war zugleich seit 1969 Schriftleiter der Zeitschrift Erziehungskunst und setzte sich als solcher intensiv mit den pädagogischen Impulsen der Nachkriegszeit und der 68er Bewegung auseinander.

 

„Es sind arme Kinder, die nicht spielen können, arm und beklagenswert“, ist drei Jahre nach Kriegsende in der Erziehungskunst über die zukünftige Generation zu lesen. Wie kann es ein Mensch schaffen, die „in der Seele gelähmten Kinder“ miteinander ins Spiel zu bringen? Das war das zentrale Anliegen des Waldorfpädagogen Helmut von Kügelgen, das eine Hinwendung zum kleinen Kind mit sich brachte. Die Befreiung des Kindes – ein Anliegen, das auch die spätere sogenannte 68er-Bewegung, selbst Kinder der Nachkriegszeit, beschäftigte. 

Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die richtige Erziehung erhielten nach Kriegsende eine neue Färbung. Die Forderung pädagogischer Reformen war ein Anliegen der Besatzungsmächte und Bestandteil der Entnazifizierung. Die Debatte um die frühkindliche Erziehung in den 50er und 60er Jahren war vor allem von der in den USA populären Kognitionspsychologie und ihren pädagogischen Paradigmen – frühes Lernen, Früheinschulung, Begabtenförderung – bestimmt, deren wichtigster Vertreter in Deutschland der Psychologe Heinz-Rolf Lückert, Herausgeber der Zeitschrift Psychologie in Erziehung und Unterricht, war.  Mit großer Besorgnis wurden von Seiten der Waldorfpädagogik die pädagogischen Strömungen der damaligen Gegenwart wahrgenommen. Denn die Implikationen der kognitiven Psychologie für die Pädagogik des Kleinkindalters führten zu einer Verdrängung des kindlichen Spiels, zu einem Boom der Vorschuldidaktik und einer Kampagne für das frühe Lesenlernen. Die Kritik richtete sich entsprechend gegen die Unterdrückung der natürlichen Regsamkeit und Lebendigkeit des kleinen Kindes durch frühe Verschulung, frühe Intellektualisierung und den Gebrauch der neuen Medien – übrigens allesamt heute noch hochaktuelle Themen. Eine Kritik, die der 68er-Generation in Teilen womöglich nicht fremd war: Sie wollten ihre Kinder nicht den Zwängen des „kapitalistischen Systems“ aussetzen und versuchten, durch Kinder- und Schülerläden Alternativen zu schaffen.

Zwischen Religiosität und Politik

Kügelgens pädagogische Vision orientierte sich an einem umfassenderen Zeitbegriff: Es galt den geistig-göttlichen Ursprung des Menschen und die damit verbundenen Lebens- und Entwicklungskräfte zu bewahren und zu stärken – das verstand er mit Blick auf die Zukunft als Aufgabe. So nahm er eine Position ein, die sich auf die zeitgenössischen pädagogischen Debatten – zwischen Revolte und Reform, autoritärer und antiautoritärer Erziehung – zwar bezog, aber nicht in ihr verharrte. Er nahm intensiv – auch mit Beiträgen in anderen Medien wie etwa der Zeitschrift Kindergarten heute – an diesen Debatten teil und regte zur Diskussion, Selbstreflexion und differenzierter Meinungsbildung an, richtete seinen Blick jedoch auf eine Pädagogik, die sich als umfassende Menschheitsaufgabe versteht und nicht als politisch gerichtete Bewegung. Bewusstseinsbildung, Eigenverantwortung und die Bereitschaft zur Selbsterziehung sind ihre Grundlage – kritisches Bewusstsein in einer spirituell-selbstreflexiven Spielart, wenn man so will.

Der Kindergarten wird in diesem Kontext als Lebensraum verstanden, nicht als Institution, die pädagogische Konzepte umsetzt. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass eine Erneuerung des sozialen Zusammenlebens „vom Kinde aus“ gelingen könnte. „Es geht nicht um methodische Systeme, vorgeprägte Programme und die Zwangsvollstreckung ihrer Erfolge – es geht darum, Leben zu erwecken, die Geburt der Individualität in einem gesunden Leib, in einer gesunden Seele vorzubereiten“ – so Helmut von Kügelgen. Die Gründung der Vereinigung der Waldorfkindergärten 1969 erwuchs aus dem Bestreben, die Zukunft des Erziehungswesens in Deutschland den Menschen selbst in die Hand zu geben.

Befreiung des Kindes

Institutionen als Orte eines repressiven Zeitgeistes auszumachen und zu umgehen – auch das entspricht in gewisser Weise der Auffassung der 68er-Generation, die Zielrichtung ist wiederum eine andere: Gerade aufgrund der Labilität der gesellschaftlichen Haltekräfte kann in den Augen des Waldorfpädagogen der Kindergarten Orientierung und Entwicklungsraum für kleine Kinder sein – wenn er von Menschen getragen ist, die die erforderlichen Haltekräfte zuallererst in sich selbst kultivieren. Nicht also das freie Spiel allein – als eine den Geboten und Verboten entgegengesetzte „Insel des Gewährenlassens“, wie es die antiautoritäre Erziehung verstand, ist der Schlüssel für die Befreiung des Kindes und des Menschen, sondern eine „Selbsterziehung“, die dem Spiel des Kindes ausreichend Vorbild und damit Nahrung bieten kann. Es sei – so schreibt Jürgen Flinspach 1998 in seinem Nachruf – Helmut von Kügelgen darum gegangen, „aus einer intensiven Selbsterziehung heraus sich die Grundlage der Pädagogik des ersten Jahrsiebts zu erarbeiten und die Früchte dieser Arbeit sich gegenseitig zuzureichen.“  In diesem Zusammenhang forderte Kügelgen mit Nachdruck eine Anerkennung der sozialen, pflegenden Berufe – heute würden wir sagen: der Care-Arbeit. „Die Missachtung der Hausfrau und Mutter als ‚nicht berufstätig‘, obwohl sie einen anstrengenden, wohl den verantwortungsreichsten Beruf ausübt – aber eben ‚nur‘ einen menschlichen –, ist ein zweites Kennzeichen dafür, dass vergessen oder gar nicht bemerkt wird, was die unter uns lebenden Kinder für Menschen sind.“

Pädagogik als Menschheitsaufgabe

Zugleich bedeutet das: Die Stärke der Bewegung lag in seinen Augen ganz klar in den Menschen, die sich zusammenfanden, nicht in der Ausdifferenzierung und Funktion einzelner Berufsstände.  „Die anthroposophischen Institutionen des Freien Geisteslebens bauen sich auf den Menschen auf. Sie sind gegründet in persönlicher Initiative und Hingabe, in individueller, schöpferischer Leistung und in der Fähigkeit zu gemeinschaftlichem, kollegialem Wirken.“ so von Kügelgen bereits 1975. Tragfähig sind nicht die Institutionen, tragfähig ist die gemeinsame Bewegung der miteinander verbundenen Menschen.

Die Waldorfkindergartenpädagogik ist nicht Produkt der alternativen Bewegungen, aber die in ihr wirkenden Menschen sind es zu einem Teil. Vom Zeitgeist der 68er mit getragen, neu impulsiert und gestärkt, grenzt sich die Organisation zugleich gegen dessen einsinnige politische Tendenzen ab, um dem Menschen als Einzelnen gerecht werden zu können: auch dies ein Eintreten für freie Entwicklung im freien Spiel.  ///

 

Ein Text aus der Ausgabe Mai 2018 der Zeitschrift Info3: „1968 – was vom großen Aufbruch bleibt“.  Einzelheft hier bestellen.

Der Beitrag beruht in Teilen auf der Festschrift zum 100. Geburtstag von Helmut von Kügelgen „Vom Kinde lernen“, diese ist erhältlich über die Homepage der Vereinigung der Waldorfkindergärten www.waldorfkindergarten.de. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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