© BdFWS

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Waldorflehrerinnen und -lehrer in Wilhelmsburg werden mit dem Kollegium der staatlichen Ganztagsschule Fährstraße (GTSFS) in einer Schule zusammenarbeiten. Eine entsprechende Kooperationsvereinbarung mit der Interkulturellen Waldorf-Initiative wurde bereits Ende Oktober 2013 vom Hamburger Senat unterzeichnet. „Der Bund der Freien Waldorfschulen begrüßt die Initiative, die die Erfahrungen der bisherigen LehrerInnen der Fährstraßenschule mit dem Ansatz der WaldorfpädagogInnen zusammenbringen will“, betont Henning Kullak-Ublick, Vorstandsmitglied des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS), in einer Pressemitteilung. Es sei sehr erfreulich gewesen, wie schnell sich die Beteiligten bei ihren Arbeitstreffen in vielen Punkten darüber verständigen konnten, was zum Wohl der Wilhelmsburger Kinder in der Schule notwendig ist.

Waldorfpädagogen und Mitglieder des bisherigen Kollegiums haben während des gesamten letzten Schuljahres zusammen Grundzüge einer gemeinsamen Pädagogik erarbeitet, das Kollegium hat sich im Laufe des Jahres dreimal mit großer Mehrheit für den Schulversuch ausgesprochen. Die drei Klassen sollen jeweils von einem Waldorflehrer und einem der bisherigen Lehrer der GTSFS gemeinsam unterrichtet werden.

Senator Rabe: Bitte kein Glaubenskrieg
Mehrere Medienberichte griffen das Thema in den letzten Tagen auf und ließen auch die Kritiker zu Wort kommen, die der „staatlichen Waldorfschule“ vorwerfen, undercover Rudolf Steiners Ideologie auf unschuldige Kinder und deren unwissende Eltern loszulassen. Ein klischeebeladener Fernsehbeitrag von rtl vermittelt den Eindruck, dass die Fährstraßen-Schülerinnen und -Schüler in erster Linie lernen werden, ihren Namen zu tanzen und Wollmützen zu stricken. Auch die ehemalige Hamburger Sektenbeauftragte Ursula Caberta hat einen Auftritt, in dem sie vor den Folgen anthroposophischer Weltanschauung warnt.

Bis zuletzt hatten insbesondere Aktivisten aus den Reihen der Skeptiker bzw. der GWUP versucht, die Kooperation zu verhindern. Laut taz warnte der Hamburger Schulsenator Ties Rabe die Kritiker nun davor, den Schulversuch für einen „Glaubenskrieg“ zu missbrauchen. Die Kritik käme weder aus Hamburg noch aus Wilhelmsburg. Außerdem habe der Senator auf die Hamburger Albert-Schweitzer-Schule verwiesen, mit der bereits seit 62 Jahren eine staatliche Schule mit Waldorfprägung existiere. „Ein bisschen Waldorf geht ebenso wenig wie ein bisschen schwanger“, werden dagegen die Kritiker um den Bremer Grundschullehrer André Sebastiani von der taz zitiert.

Die selbsternannte Waldorf-Expertin und Buchautorin Irene Wagner („Rudolf Steiners langer Schatten“) weist anlässlich der Hamburger Entscheidung in einem Interview auf heise.de/Telepolis auf ihre eigenen aufregenden Erkenntnisse über Waldorf-Pädagogik, biologisch-dynamische Landwirtschaft und anthroposophische Medizin hin. Ein bisschen Weltverschwörung darf nicht fehlen: „Mein Anliegen ist, zur Aufklärung beizutragen, weil ich sehe, dass die Anthroposophen sehr geschäftstüchtig sind und versuchen, ihr Imperium immer weiter auszubauen. Sie nehmen Einfluss auf die Politik, die Wirtschaft, das Gesundheitswesen, die Landwirtschaft und die Bildungspolitik. Und sie haben viele Geldgeber.“

Eigene Positionen weiterentwickeln
Jenseits aller Verschwörungstheorien auf der einen sowie „Waldorf light“-Vorwürfen auf der anderen Seite startet das Fährstraßen-Kollegium einen spannenden Versuch, waldorfpädagogische Elemente in den staatlichen Schulunterricht zu integrieren. Die Waldorfpädagogin Christiane Leiste, die als Projektleiterin seit über einem Jahr die Kooperation vorbereitet hat, sieht diesen Prozess, zu dem auch Kompromisse gehören, als positive Weiterentwicklung mit Blick auf die Praxis. Mit dem Schlagwort „Anthroposophisches Menschenbild“ mag sie ungern arbeiten. „Jeder Anthroposoph, jeder Waldorflehrer hat doch ein eigenes Menschenbild!“, findet sie. In der gemeinsamen Arbeit der Waldorfpädagogen mit dem Fährstraßen-Kollegium gehe es darum, den waldorfpädagogischen Blick so zu vermitteln, dass auch Nicht-Anthroposophen etwas damit anfangen können.

„Wir wollen niemandem etwas überstülpen, wir wollen etwas vorleben“, lautet Leistes Devise. Dazu gehört auch die Bereitschaft, eigene Positionen weiterzuentwickeln: „Das Fährstraßen-Kollegium bringt viele Erfahrungen und Kompetenzen mit, von denen wir Waldorfpädagogen lernen können. So manche neuere didaktische oder methodische Entwicklung hat die Waldorfschulbewegung schlicht verschlafen, da gibt es also auch durchaus Anregungen für uns.“