In einem 70 Seiten umfassenden Arbeitspapier mit dem Titel „The Chicago Plan Revisted“ fordert Kumhof zusammen mit seinem Co-Autor Jaromir Benes eine radikale Reform des gängigen Systems der Kreditvergabe. Bislang dürfen Geschäftsbanken Kredite in überproportionaler Höhe unabhängig von realen Einlagen vergeben. Durch dieses sogenannte Giralgeld schöpfen sie praktisch „Geld aus dem Nichts“. Diese Praxis wird heute von vielen Kritikern als eine der Hauptursachen von Überschuldung und zunehmend unkontrollierbar gewordenen Geldströmen angesehen. Demgegenüber fordern Kumhof und Benes die 100-prozentige Deckung von Krediten durch Einlagen der Banken; nur dasjenige soll als Kredit vergeben werden können, was als Einlage vorhanden ist. Die Geldschöpfung als solche solle dagegen rein bei den Staatsbanken bleiben, um eine unkontrollierte Geldvermehrung künftig zu vermeiden. – Zu den weiteren Kritikpunkten des Papiers zählt die strikte Trennung des Investment-Bankings von den übrigen Geschäftsfeldern der Banken – eine Forderung, wie sie heute auch von Ethik-Banken wie der GLS oder Triodos erhoben wird.

Kumhof und Benes referieren in ihrem Papier die verblüffenden Ergebnisse von Modellrechnungen, in denen sie den neuen Ansatz für die US-Ökonomie durchgespielt haben: Steigerung der Wirtschaftsleistung, deutliche Senkung der Staatsverschuldung bei gleichzeitiger Senkung der Steuerlast wären die Folgen. Verschiedene Leit-Medien auch in Deutschland haben über die Initiative der IWF-Experten berichtet. In Szenekreisen wird der Vorstoß der beiden IMF-Ökonomen als „kleine Sensation“ bewertet.

Die Vollgeld-Theorie ist nicht neu: In den USA entstand sie als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren und fand auch in Europa Fürsprecher. Im Zuge der jüngsten Finanzkrise gewinnt die Idee wieder an Beachtung. Zu den Befürwortern in Europa gehören derzeit u.a. der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger und Joseph Huber von der Universität in Halle/Saale.

Buchtipp: Die Vollgeld-Reform – wie Staatsschulden abgebaut und Finanzkrisen verhindert werden können. Mit Beiträgen von Hans Christoph Binswanger, Joseph Huber und Philippe Mastronardi. Zeitpunkt Verlag 2012, € 9,50