Der Oktober-Titel von Info3

Der Oktober-Titel von Info3

Herr Dr. Pieper, es gibt viele Beispiele von Menschen, die erst durch Scheitern ihre großen Taten vollbracht haben: Steve Jobs, der nach etlichen erfolglosen Versuchen aus dem Scheitern das iPhone entwickelt hat. Müssen wir sogar scheitern, um Großes zu vollbringen?

In einem gewissen Sinne – ja. Ich denke, Menschen, die nie gescheitert sind mit ihren Vorhaben, die werden wenig kritisch sich selbst gegenüber, die sehen nur ihren Weg, gehen wie eine Dampfwalze durchs Leben und merken nicht, wie sie überall damit auch Zerstörung anrichten. Gerade diese Rückmeldungen von unserer Umwelt, von Mitmenschen, die uns darauf hinweisen, dass die Dinge nicht so gehen, wie wir sie uns idealtypisch vorstellen, die helfen ja, nicht nur für mich selbst, sondern für alle einen guten Weg zu finden.

Ich behaupte mal, dass Steve Jobs sich nie als Versager fühlte. Da gibt es noch Unterschiede, nicht?

Ja, ein Versagen … das ist ja eine Selbstbezichtigung, die in eine dunkle Tiefe hineingeht, die häufig verbunden ist mit sehr negativen Kognitionen wie: „Ich bin nichts wert, bin ein Versager, der nichts auf die Beine bringt.“ Im Gegensatz zu Steve Jobs ist das eine sehr depressive Variante. Wenn man Scheitern nimmt als zwischenzeitliche Irrwege oder Abzweigungen, dann steht dahinter der Grundgedanke: „Ich kann es schaffen. Ich habe Fähigkeiten, habe die Kraft, für mich gute Lösungen zu finden.“ Das ist für mich in der Psychotherapie eine wesentliche Voraussetzung, die ich immer wieder versuche – auch in kleinen Botschaften, in Meta-Botschaften  –, meinen Patienten deutlich zu machen: Dass sie die Fähigkeit haben, für ihre schwierige Situation selbst die Lösung zu finden, dass diese Kräfte nur im Moment versagen.

In Ihrem Buch „Überleben oder Scheitern“ beschreiben Sie die Dauerberieselung durch die Medien mit negativen Nachrichten. Mit den Attentaten in Nizza, Würzburg, München, Ansbach und vielen anderen Vorfällen scheint sich dies potenziert zu haben. Am liebsten wollen wir direkt dabei sein beim Scheitern, beim Unglück anderer. Sie halten das nicht für den richtigen Umgang mit den Ereignissen. Warum?

Vor allen Dingen finde ich es sehr kritisch, dass viele Menschen sich permanent diesen schlimmen Ereignissen aussetzen, die nun mal in der Welt und auch in Deutschland in letzter Zeit passieren. Die neuen Medien wie die Push-Meldungen, die auf dem Smartphone erscheinen, Twitter, Facebook und so weiter führen dazu, dass man immer kurz auf eine sehr pointierte Weise einen Impuls bekommt, eine Schreckensnachricht. Diese Impulse lösen im Körper eine Angstreaktion aus. So befinden sich die Menschen immer wieder in einem sehr angespannten Zustand, der aber nie richtig zu Ende bearbeitet wird. Man hat kurz den Hinweis auf die schreckliche Meldung, fühlt sich ihr sehr verbunden, weil ja häufig auch ein Video oder ein Bild dran hängt, dann wendet man sich wieder seiner Tätigkeit zu. Es ist nie eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. Das ist die Dauerberieselung, die ich meine und die ich sehr negativ finde. Es wäre demgegenüber sinnvoller zu sagen: Ich wende mich diesen Themen ganz bewusst zu, einmal am Tag, dann setze ich mich damit auseinander, indem ich mir zum Beispiel eine Sendung anschaue, die auch etwas über Hintergründe berichtet. Ich versuche, das Ganze dann zu verdauen, indem ich darüber mit einer mir nahestehenden Person spreche. Ich versuche, darüber nachzudenken, das auszusprechen, was mich bewegt. Dann hat man eine ganz andere Möglichkeit, mit diesen sehr schwierigen Nachrichten umzugehen.

Sie beschreiben in Ihrem Buch ziemlich drastische Schicksale und Situationen, in die kein Mensch kommen möchte. Aber wer das dann überstanden hat, der geht vielleicht doch reicher daraus hervor?

Das ist eine Beobachtung, die ich immer wieder mache. Menschen, die schwere Katastrophen, persönliche Schicksale bearbeitet und überwunden haben, die sich getraut haben, sich intensiv mit ihrem Schmerz auseinanderzusetzen und nicht innerlich davor fliehen, können extrem davon profitieren. Sie können die Welt oft mit anderen Augen sehen, sich am Hier und Jetzt, an dem, was sie haben, erfreuen und am aktuellen Leben teilnehmen. Sie leben nicht nur in Gedanken, wie es sein könnte, wenn ich dies und jenes hätte oder wenn ich dies nicht verloren hätte und so weiter. Wir sprechen da vom posttraumatischen Wachstum.

Sie schlagen auch einfache mentale Übungen vor, darunter eine Dankbarkeitsübung, „gerichtet an wen auch immer“, wie Sie formulieren. Ich frage mich, braucht es bei einer solchen Dankbarkeitsübung nicht doch den Glauben an höhere Welten? Anders gefragt: Lässt uns die allgemeine Säkularisierung die Angst vorm Scheitern erst so extrem entwickeln, wie wir es gerade tun?

Das ist sicherlich eine Entwicklung, die man beobachten kann und die bei vielen Menschen dazu führt, dass dann Scheitern gleich der Fall ins Bodenlose ist und dass Menschen, die eine Spiritualität oder einen konkreten Glauben an Gott haben, sich eher aufgefangen fühlen. Diese Dankbarkeitsübung, die Sie ansprechen, richtet sich natürlich schon an höhere Mächte. Aber ich habe es bewusst dort etwas vorsichtig ausgedrückt, denn es gibt halt viele Atheisten, die aber trotzdem sagen können, die höhere Macht, die in der Ordnung der Natur liegt, an die können sie glauben. Für mich persönlich ist in meiner Arbeit sehr hilfreich geworden, dass ich mir die positiven Entwicklungen klar mache, die ich in der Begleitung von schwerst misshandelten, missbrauchten oder verunglückten Menschen im Laufe der Zeit wahrnehme. Das sind nicht alles meine eigenen Heilungskräfte, sondern Kräfte, die auch von außen wirksam sind, und wo es hilfreich ist, sich auf sie zu besinnen. Man fühlt sich eingebunden. Und diese Dankbarkeitsübung führt dazu, dass man bemerkt: Die guten und schönen Dinge um uns herum sind alle nicht selbstverständlich, wir sollten dankbar dafür sein. Das lernen wir auch von schwer traumatisierten oder von gescheiterten Menschen, die plötzlich alles verlieren.

In Ihrem Buch können wir dazu bestimmte Schritte, „sich zu wappnen“ nachlesen. Möchten Sie kurz umreißen, wie wir uns das vorstellen können?

Das sind verschiedene Einsichten, zu denen ich gekommen bin – vor allem im Zusammensitzen mit Menschen, die schwere Katastrophen erlebt haben. Ein wichtiger Schritt ist zum Beispiel: Wir müssen reden miteinander. Wenn man schwere Dinge, Niederlagen erlebt hat, gescheitert ist, dann sollte man das nicht in sich hineinfressen, sondern wir müssen über unsere Belastungen sprechen, wir müssen uns austauschen. Das ist schon mal sehr wichtig. Wir müssen uns ein soziales Netz aufbauen, in dem wir Kontakte pflegen und in dem wir von Mensch zu Mensch sprechen können, auch gerade über Schwächen und Scheitern. Ich halte einen Freund oder eine Freundin, mit der man ehrlich reden kann, für weitaus wichtiger als 100 Follower, die einen auf Facebook anliken. Ein für mich sehr wichtiger Schritt sich zu wappnen besteht darin, dass wir versuchen, im Hier und Jetzt zu leben und es nicht unbedingt bewerten. Man kann das Leben als einen Fluss sehen, der manchmal leicht dahinfließt, dann aber auch wieder schwierige Strömungen und Strudel aufweist. Das heißt, wenn wir uns im Scheitern befinden, in einer Niederlage, dass wir die annehmen, nicht sofort abwehren, sondern uns sagen: „Ja, ich bin jetzt im Moment in dieser Phase des Lebens, wo der Fluss wirklich sehr schwierig zu überwinden ist, aber ich glaube trotzdem daran, dass ich das überwinden werde. Ich kann nach vorne schauen. Ich weiß, dass es ein gutes Ende geben wird. Ich glaube auch an meine eigenen Kräfte.“ Wir müssen es lernen, gute Schwimmer im Fluss des Lebens zu werden.

Und dann ist mir noch ein Begriff sehr wichtig – das ist der Begriff der radikalen Akzeptanz. Wir sollten lernen, schwere Dinge, die in unserem Leben passieren, zu akzeptieren. Wir müssen sehr genau unterscheiden: Was können wir mit unserem Willen wirklich beeinflussen? Was können wir ändern? Da sollen wir auch etwas tun. Es gibt aber Ereignisse im Leben eigentlich eines jeden Menschen, die er nicht beeinflussen kann. Das sind solche Punkte, an denen wir glauben zu scheitern. Wenn wir aber sagen, ich kann es nicht ändern, ich muss es jetzt lernen, damit umzugehen, muss es integrieren in mein Leben, dann hat man die Chance, aus diesem Scheitern wiederum zu wachsen und etwas Neues zu machen. ///

Das Gespräch führte Ronald Richter.

Gekürzter Beitrag aus der Oktober-Ausgabe von Info3 zum Thema „Scheitern aushalten“. Hier können Sie ein kostenloses Probeheft bestellen.

 

Dr. Georg Pieper / Foto: Philip Treutel

 

 

Dr. Georg Pieper, Jahrgang 1953, ist Autor, Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor in verschiedenen Kliniken und für Psychotherapie-Ausbildungsinstitute. Sein Arbeitsschwerpunkt bildet seit 28 Jahren die Betreuung von Opfern und Hinterbliebenen von sogenannten Großschadensereignissen – unter anderem beim Grubenunglück in Borken 1988, beim ICE-Unglück Eschede 1998 und beim Amoklauf in Erfurt 2002.  Außerdem arbeitet Georg Pieper in der Psychotherapie von Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Er lebt in der Gegend von Marburg.