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Am Anfang des Filmes Alphabet des österreichischen Filmemachers Erwin Wagenhofer stehen gespenstische Bilder aus China: Riesige Lernfabriken, die eher wie Massentierhaltungen als wie Schule aussehen, in denen Hunderte von Kindern nebeneinander pauken, um in den Mathematik-Jugendolympiaden die besten Plätze zu belegen. Dazu im Off beklemmende Worte eines Wissenschaftlers aus Peking: Früher habe man in China „aus einem Topf gegessen“, aber nach der Einführung der Marktwirtschaft sei der Druck auf das Erziehungswesen enorm gestiegen, um in kurzer Zeit möglichst effiziente Arbeiter für die Wirtschaftswelt heranzuzüchten. Harter Konkurrenzkampf, Stress und viele Selbstmorde seien die Folge. Dazu sieht man einen völlig übermüdeten Jungen mit traurigen Augen, dem seine Mutter stolz lächelnd eine Medaille um den Hals hängt, die ihn für seine viele Arbeit belohnt. „Ich hoffe, es werden noch viele“, sagt sie, scheinbar unbekümmert um die depressive und apathische Grundstimmung ihres Kindes. Ist es bei uns bald auch so weit?

Wachsender Ökonomisierungsdruck

Immerhin macht Wagenhofers Film deutlich, dass der Ökonomisierungsdruck auch hierzulande tiefgreifende Folgen für das Bildungssystem hat. Die Auswirkungen der PISA-Studie, die Verkürzung der Schulzeit, das Master- und Bachelorsystem an den Universitäten, die immer weitergehende Marginalisierung künstlerischer Fächer sind nur einige Beispiele dafür. Selbst Spitzenkräfte der Wirtschaft wie der ehemalige Personalchef der Telekom Thomas Sattelberger geben im Film zu, dass die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie „eine der schlimmsten Entwicklungen der heutigen Zeit“ ist. Er ist eine der interessantesten Persönlichkeiten in Wagenhofers Film. Aus seinen Augen sprechen Leidenserfahrungen, die er wohl im eigenen Berufsleben gemacht hat. Ganz anders wirken angehende Unternehmensberater, die sich der Devise „Erfolg um jeden Preis“ verschrieben haben und im Film vor ihren unvermeidlichen Flipcharts effizienzsteigernde Formeln vorführen.

Der Hirnforscher Gerald Hüther oder der Kunstpädagoge Arno Stern vertreten im Film eine Gegenposition zum Bildungsstress: Die Schule sei vor allem der Hort, um Imagination, Kreativität und freies Denken auszubilden und nicht eine Karriereschmiede für zukünftige Rädchen im Uhrwerk der Wirtschaft. Unser Hirn, so Hüther, wolle gerade die Beteiligung von Gefühl, Empathie und Phantasie, um die abenteuerlichen Vernetzungsleistungen vollbringen zu können, die wir „Lernen“ nennen. Diese entwickelten sich ganz von selbst, wenn man sie nur ließe, Konkurrenzdruck und eingetrichtertes Wissen dagegen erzeugten nur unfrohe, seelisch verkümmerte und angepasste Geschöpfe. Dabei dachte ich an Schillers Diktum, der Mensch sei nur da ganz Mensch, wo er spielt, und ich wunderte mich mal wieder, das solche Sätze heute nur gehört werden, wenn sie im Gewand der „Leitwissenschaft“ Neurologie daherkommen. Faszinierende akademische Studien an kleinen Kindern zeigen im Film, dass in den ersten Lebensjahren Impulse zu Hilfsbereitschaft und Kooperation stärker ausgebildet sind als Konkurrenz und Dominanzstreben. Später gehen sie dann zunehmend verloren.

Waldorfpädagogik außen vor?

Im Verlauf des Films fragte ich mich mehrmals, ob noch Rudolf Steiner oder die Waldorfpädagogik erwähnt würden, was aber nicht geschah. Hatte Wagenhofer Angst vor eventuellen Esoterikvorwürfen? Immerhin erschien bereits 2007 das brillant recherchierte Buch Ware Bildung des an der Alanus-Hochschule lehrenden Didaktikprofessors Jochen Krautz, in der die beklemmende Ökonomisierung unseres Bildungsbereiches dargestellt wird. Auch andere anthroposophische Wissenschaftler, wie etwa Jost Schieren, beschäftigen sich schon lange mit diesem Thema. Wagenhofer hätte hier bei seinen Gegenentwürfen ruhig etwas mehr in die Breite gehen können, statt sich nur auf die – wenn auch berührende – Malschule des Arno Stern zu konzentrieren. Auch der Kreativitätsbegriff schien mir zu eng gefasst. Gerade in der Wirtschaft ist es ja momentan in Mode, kreative Impulse und auch Künstler zu fördern, nach dem Motto: Wir brauchen mehr ästhetisch-spirituellen Flow, dann fließen auch die Kapitalströme besser. Das macht das Schicksal von Imagination und Kreativität heute noch beklemmender: Nicht ihre Eliminierung steht zur Diskussion, sondern ihre Instrumentalisierung für eine reine Profitmaximierung, der die Gesamtentwicklung des werdenden Menschen egal ist.

Trotzdem ist der Film gut gemacht und gibt viele wertvolle Denkanstösse. Er befördert die Hoffnung, dass die Anzahl der Menschen langsam steigt, die jenseits des Mainstreams nach alternativen Formen des Lernens suchen, auch wenn ihr Bestreben nicht sofort zu umwälzenden Wirkungen führt.

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