Philosoph Thomas Nagel in seinem Element / Foto: Wikipedia

Umwälzungen beginnen manchmal unscheinbar. Vielleicht wird man das Buch Geist und Kosmos von Thomas Nagel einmal zu den Anfangssymptomen eines revolutionären denkerischen Systemwechsels zählen. Denn der angesehene amerikanische Philosoph erklärt geradeheraus das, was seit mehr als einhundert Jahren etablierter wissenschaftlicher Mainstream ist, also die reduktionistische und neodarwinistische Sicht von Leben und Bewusstsein, als „heroischen Triumph ideologischer Theorie über den gesunden Menschenverstand“. Weil der Autor weder ein zweifelhafter Esoteriker ist, er mit Kreationisten nichts am Hut hat und ihm erklärtermaßen auch jeder Sinn für’s Religiöse abgeht, horcht die intellektuelle Welt auf. Sein Buch löst – abgesehen vom hysterischen Aufschrei fundamentalistischer Atheisten wie Richard Dawkins – allerorten Respekt aus. Es ist durchaus mühsam zu lesen, weil es allein die Instrumente der analytischen Philosophie sind, die Nagel zum Einsatz bringt – dies aber mit vernichtenden Ergebnissen für das herrschende materialistische Weltbild. Die Erklärung des Lebens als Zufallsprodukt: eine statistische Zumutung. Die Theorie von Bewusstsein als Komplikation biochemischer Prozesse: unplausibel. Und die zufallstheoretisch-evolutionäre Ableitung der Vernunft: ein Widerspruch in sich. „Jedwede evolutionistische Darstellung des Stellenwertes der Vernunft setzt (…) die Gültigkeit der Vernunft schon voraus und kann sie nicht ohne Zirkelschluss bestätigen“, so der Philosoph.

Der Neodarwinismus hat sich für Nagel vor allem durch das Prinzip der „Einschüchterung“ Andersdenkender am Leben gehalten. Außerdem existiere bisher keine alternative Erklärung der Entstehung von Leben und Bewusstsein, die sich nicht durch Rückgriffe auf metaphysische Annahmen verdächtig machen würde. Die spannende Frage lautet natürlich, was Thomas Nagel an Stelle von Reduktionismus und Neodarwinismus setzen will. Die Antwort: Er lässt es offen. Er ahnt eine kommende „größere begriffliche Revolution, die mindestens ebenso radikal ist wie die Relativitätstheorie“,  er denkt nach über eine alternative Naturordnung, „die den Geist zum zentralen Faktum macht, anstatt zu einer Nebenwirkung der physikalischen Gesetzmäßigkeit“, und an Stelle des psychophysischen Reduktionismus setzt er die These einer „kosmischen Prädisposition für die Schaffung von Leben, Bewusstsein und Wert“. Nagel unternimmt den Versuch, den Faktor der Teleologie, also einer von Beginn allen Werdens vorhandenen Zielgerichtetheit der Evolution hin auf die Entstehung sowohl von Leben als auch von Bewusstsein, neu zu denken. Er ist einer „grundsätzlichen Intelligibilität des Universums“ auf der Spur, einem „neutralen Monismus“, wonach Geist und Materie von Beginn an untrennbar aufeinander bezogen sind. Wo das hinführen wird? „Ich würde darauf wetten wollen, dass der gegenwärtige Konsens, was zu denken richtig ist, in einer oder zwei Generationen lachhaft wirken wird“, sagt Nagel am Schluss. Warten wir’s ab.

 

Cover Thomas Nagel Geist und Kosmos

Thomas Nagel: Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. Suhrkamp 2013, 180 Seiten, gebunden, € 24,95