Plato – Glyptothek München

Händeringend wird derzeit nach Erklärungen für den Aufstieg populistischer Bewegungen von der AfD bis hin zu Trump gesucht. Immer wieder bemüht als Grund wird etwa der Neoliberalismus, der mit seinem ungezügelten Wirtschaftsgebahren vielen Menschen das Gefühl des „Abgehängt-seins“ gegeben habe. Parallel werden auf gesellschaftlicher Ebene „die Eliten“ verantwortlich gemacht, welche die politisch relevanten Dinge nur unter sich aushandeln. „Mit Grundeinkommen und mit Direkter Demokratie hätte es Trump nie gegeben“, ließ sich dagegen jüngst ein geradezu universaler Lösungsansatz vernehmen. Daseinssicherung für alle und Volksabstimmungen auf Bundesebene als Mittel gegen rechte und linke Stimmungsmache? So wünschenswert die beiden Optionen für sich jeweils sein mögen – ob das wirklich die Lösung ist, mehr Gleichheit, mehr Demokratie?

Eine ganz andere Stimme ist fast zweieinhalbtausend Jahre alt und gehört Sokrates, der in Platos „Staat“ über den Zusammenhang der unterschiedlichen gesellschaftlichen Zustände spricht. Ein im Netz kursierendes Video der BBC bringt ihn aktuell in Erinnerung. Und seine erschreckende These lautet: „Natürlicherweise entwickelt sich die Tyrannei aus keiner anderen Staatsform als aus der Demokratie.“ Wie das?

Die Demokratie entsteht, so lässt Plato seinen Sokrates erklären, wenn die vorangehende Oligarchie, also die Herrschaft der Reichen, abgelöst wird. Das antreibende und wesentliche Element der Oligarchie ist die Gier nach immer mehr Reichtum – die irgendwann die Armen so unzufrieden macht, dass sie die Reichen stürzen. Das zum Extrem getriebene Prinzip führt zu seiner eigenen Auflösung. Die Verfassung wird fortan nicht mehr durch den Anteil an Reichtum bestimmt, sondern durch ein neues Prinzip: die Freiheit, wo dann „offenbar jeder die besondere Form seines eigenen Lebens so einrichten wird, wie es ihm gefällt“. „Am Ende ist dies die schönste der Staatsformen“, sagt Sokrates. Sie ist eine „bunte Staatsform, die eine Art Gleichheit gleichmäßig an Gleiche und Ungleiche austeilt“.

„Hat nun vielleicht auch die Demokratie eine unersättliche Gier nach dem, was sie sich als das Gute vorstellt, und verfällt so der Auflösung?“ Sokrates zählt nun eine Reihe von Phänomenen auf, die seiner Ansicht nach ein falsches Verständnis von Freiheit und Gleichheit offenbaren: Wer den Behörden gehorsam ist, den beschimpft man als Sklavenseele; Amtspersonen, die sich wie amtlose Bürger gebärden, rühmt man dagegen; der Bereich der Freiheit dehnt sich auch in Haus und Familie und ruht nicht, „bis hinab zu den Tieren die Anarchie eingepflanzt ist“. Väter bemühen sich, den Kindern gleich zu werden; die Kinder verlieren den Respekt vor den Eltern, der Bürger und der Fremde stellen sich gleich. „Der Lehrer hat bei solchen Zuständen Angst vor den Schülern und schmeichelt ihnen, die Schüler haben keine Achtung vor den Lehrern … Überhaupt äffen die Jungen Älteren nach – dagegen die Alten lassen sich zu den Jungen herab und zeigen sich in leichten Scherzen und Witzeleien unerschöpflich, um es den Jungen gleichzutun … Doch die Summe von alledem siehst du wohl: verweichlicht wird die Seele der Bürger, sodass sie über  den leisesten Zwang, der ihnen begegnet, sich empören und ihn nicht ertragen. Und am Ende beachten sie nicht einmal mehr die Gesetze, nicht die geschriebenen noch die ungeschriebenen, auf dass nur ja niemand über ihnen sei als Herr … Dies also, mein Lieber, ist der schöne und stolze Beginn, aus dem die Tyrannis erwächst … Denn Freiheit im Übermaß scheint in nichts Anderes als in Knechtschaft im Übermaß umzuschlagen, für den Einzelnen wie für den Staat.“

Die Situation, wo zunehmende Freiheit und Gleichheit zu Ununterscheidbarkeit und zur Ablehnung jeglicher Ordnung führen, ist für Sokrates die Stunde des Volkstribunen: Anfangs freundlich, weil er versichert, gar kein Tyrann zu sein, räumt er Gegner aus dem Weg und „bringt einen Krieg nach dem andern in Gang, damit eines Führers das Volk bedarf“. Am Ende hat das Volk „für jene große und ungemäße Freiheit die schlimmste und bitterste  Knechtschaft durch Knechte eingetauscht“. Plato – ein Prophet?

 

Zitate aus Plato, Politeia, zitiert nach einer Auswahl von Edgar Salin, Sammlung Klosterberg o. J.