Reichstagskuppel Berlin. Foto: Heisterkamp

Jede Gesellschaft lebt von Bildern ihres Zusammenhaltes: Der Nationalfeiertag oder das Begehen von Festakten mit der Beteiligung hoher Repräsentanten von Politik und Gesellschaft sind Rituale, in denen sich die Gesellschaft ihrer Identität versichert. Auch Gebäude können eine identitätsbildende Funktion übernehmen – denken wir etwa an die Akropolis im alten Athen oder das Capitol in Washington. In Deutschland wurde das von Norman Foster erweiterte Reichstagsgebäude zu einem neuen architektonischen „Anblick“ für das nach dem Scheitern zunächst wieder aufgebaute und dann endlich wiedervereinte Deutschland. Den Deutschen war mit der gläsernen, von Transparenz zeugenden Glaskuppel auf dem geschichtsträchtigen Gebäude nach langer Zeit überhaupt wieder ein positives öffentliches Symbol gegeben.

 

Der Tempel des Sozialen

 

Rekonstruktion des Salomonischen Tempels

Ein unvergleichlich eindringlicheres Symbol hatte das antike Judentum mit dem Salomonischen Tempel in seiner Mitte; es ist vielleicht eines der wirkmächtigsten Bauwerke der Menschheit überhaupt. Der Anblick des Tempels stiftete die Gewissheit von Einheit, Bestimmung und Aufgehobenheit. Der Salomonische Tempel ist – was im Prinzip für alle alten Mysterienstätten der Menschheit gilt – die Bild gewordene Ur-Verfassung einer Gesellschaft: Den sozialen Zusammenhalt garantiert der Bund mit dem Göttlichen. Dessen irdisch-transzendente Manifestation ist im Allerheiligsten in Gestalt der Bundeslade mit den mosaischen Geboten geborgen. Dieser Tempel ist Ausdruck der höchsten Ordnung, die Maßstab auch aller irdischen Ordnung sein soll. Ebenso wichtig wie das sichtbare Maß ist aber das Unsichtbare: Im zweiten Tempel war das Allerheiligste leer, die Bundeslade blieb verschwunden. Aber die Anwesenheit Gottes ruhte im Allerheiligsten.

Im Mittelalter übernahmen die Kathedralen, deren Baumeister sich vielfach an den Maßen des Salomonischen Tempels orientierten, eine ähnliche soziale Funktion anschaubarer Ordnung, und auch im neuzeitlichen Freimaurertum spielt der Salomonische Tempel bekanntlich eine zentrale Rolle.

 

Die Falle des Nationalen

 

Machen wir vom alten Israel einen Sprung von einigen tausend Jahren – ans Ende des 19. Jahrhunderts. In den Schulbüchern gilt diese Zeit als die Ära der Nationalstaaten. Aufklärung und Säkularisierung haben seit der Französischen Revolution die ehemals religiösen und metaphysischen Pfeiler staatlichen Gemeinwesens verdrängt, es sind Freiräume für bürgerliche Freiheiten entstanden. Aber wie es der Name „Nationalstaat“ schon anzeigt, ist ein neuer gesellschaftlicher Leitbegriff aufgetreten: die Nation. Die Staaten und Verfassungen des 19. Jahrhunderts sind ethnozentrisch gebaut und auf volksmäßige Homogenität hin orientiert. Und wo es innerhalb eines Staatsgebietes, etwa im Zarenreich oder in Österreich-Ungarn, eine Vielfalt von Ethnien gibt, wird die Ordnung durch die Vorherrschaft eines bestimmten Volksanteils hergestellt.

Nicht nur das führte zu Problemen. Auch die ethnisch definierten Nationalstaaten untereinander gerieten in Konflikte, zumal sich zunehmend wirtschaftliche Ambitionen mit ethnozentrischen Emotionen vermischen. Die Nationalstaaten werden im 19. Jahrhundert zu ökonomischen Konkurrenten. Außerdem lebt sich die Begeisterung für die jeweils eigene Kultur nicht nur im geistigen Schaffen der unterschiedlichen Völker aus, sondern kippt zunehmend in Gefühle und Ansprüche national-kultureller Missionen um. Geistige Führungsansprüche vermischen sich mit nationaler Konkurrenz und das Nationale wird zum Idol. Anstelle von Kooperation und Diplomatie treten in Europa gegeneinander gerichtete Sicherheitsbündnisse. Das Zeitalter des Imperialismus treibt auf eine Katastrophe zu: den Ersten Weltkrieg.

Militärisch gesehen gefror dieser Großkonflikt schon bald nach seinem Ausbruch zu einem Stellungskrieg, der zu einer Selbstzerfleischung Europas ohne Perspektive wurde. Die unselige Union von Wirtschaft und Politik und von Politik und Kultur – die patriotische Mobilisierung der Massen – ließ keine Lösungen zu. Wie eine Antwort auf das in sich kollabierende Europa und das durch Ideenlosigkeit entstandene Vakuum deuteten sich im Epochenjahr 1917 aber auch zwei der wichtigsten neuen Kräfte an, die für den weiteren Fortgang des Jahrhunderts prägend sein würden und in denen sich die drohende Spaltung Europas und der Welt bereits andeutete.

 

Zwei neue weltpolitische Kräfte

 

Lenin auf einer Kundgebung in Russland 1917

Die eine dieser neuen weltgeschichtlichen Kräfte formierte sich im Osten. Im April 1917 sorgte die deutsche Politik dafür, dass nach der Februar-Revolution Lenin aus seinem Schweizer Exil mit der Eisenbahn nach Russland zurückkehren konnte. „Kein Geschoß war weittragender und schicksalsentscheidender in der neueren Geschichte, als dieser Zug, der, geladen mit den gefährlichsten, entschlossensten Revolutionären des Jahrhunderts über ganz Deutschland saust, um in Petersburg zu landen und dort die Ordnung der Zeit zu zersprengen“ – so fasste Stefan Zweig diese wohl explosivste Eisenbahn-Ladung aller Zeiten zusammen. Tatsächlich hatte Lenin etwa in seiner Schrift „Staat und Revolution“ keinen Zweifel daran gelassen, dass er durch eine blutige Diktatur für eine paradiesische Zukunft der Arbeiter und Bauern zu sorgen gedachte. Die Bolschewiken setzen sich im Laufe des Jahres vor allem in den inzwischen bestehenden Arbeiterräten gegen bürgerlich-gemäßigte Kräfte durch; einer für den Herbst geplanten verfassungsgebenden Versammlung kam dann die Machtübernahme Lenins im Oktober zuvor – der Beginn der 70-jährigen Diktatur einer politischen Sekte, die erst mit der Perestroika wieder enden sollte.

Prägte die Formel vom Selbstbestimmungsrecht der Völker: US-Präsident Wilson

Im Westen traten 1917 erstmals die USA auf das weltpolitische Parkett. Der intellektuell und humanistisch gebildete neue Präsident Wilson warb mit der Formel vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ und dem Versprechen eines demokratischen Aufbruchs. Für ihn war Kaiser Wilhelm ein anti-demokratischer Autokrat und der österreichische Kaiser ein Despot, der die nicht-deutschen Minderheiten in seinem Reich unterdrückte. Der Kriegseintritt der USA im April 1917 markierte den Beginn eines neuen weltpolitischen Anspruchs der USA.

Die Geburtsstunde der Dreigliederungsidee

 Und in der Mitte Europas? Während hier Politik und Militär noch immer von einem „Sieg-Frieden“ phantasieren, bietet sich im Mai 1917 Rudolf Steiner die Chance für einen alternativen Ansatz. In Berlin trifft er einen seiner langjährigen esoterischen Schüler, Otto Graf Lerchenfeld, der mit den politischen Hauptstadtkreisen verbunden ist. Der Bruder des bayrischen Adeligen ist Sondergesandter des Freistaates in Berlin, außerdem ist von Lerchenfeld ein Schulfreund des amtierenden Außenministers von Kühlmann. Lerchenfeld fragt Steiner, ob er denn keine Lösung sähe angesichts der verfahrenen Lage. Diese Frage wird zur Geburtshelferin von Steiners Sozialphilosophie. Mitte Mai notiert Lerchenfeld folgende Zeilen in sein Tagebuch:

„… war heute drei Stunden bei Dr. Steiner in der Motzstraße. Vor mir steht die Lösung von allem. Weiß, dass es keine andere geben kann. ‚Dreigliederung des sozialen Organismus’ hat er genannt, was er wie das Ei des Columbus vor mich hingestellt hat. In den nächsten Tagen will er die Idee mit mir ausarbeiten. Werden wohl Wochen daraus werden.

Dann zu Fuß durch den Tiergarten nach Haus. Der Mensch ist doch ein komisches Ding! Ein wundervoller Maiabend – Jubeln der Vögel – Gurren der Wildtauben – , und ich in einer Stimmung, als hätte ich mich gerade verlobt oder das Abitur bestanden oder so ähnlich. Gehe wie auf Sprungfedern und das alles in einer Art von Gebetsstimmung …“

Rudolf Steiner – Foto: Reitmann

Zu den Gesprächen in der Motzstraße kommt bald auch Graf Polzer-Hoditz hinzu, dessen Bruder der Kabinettchef der österreichischen Regierung ist. Sein zentrales Motiv dabei: Deutschland und Österreich eine moderne Identität zu geben, die dem Feindbild eines hochgerüsteten und autoritären Zentralstaats entgegenwirken sollte. Steiner lehnt insbesondere den Freiheitsbegriff des amerikanischen Präsidenten scharf ab, weil er die Völkerbefreiung nach nationalen Kriterien angesichts der multiethnischen Verhältnisse in vielen Teilen Europas für unrealistisch hielt. Auch Steiner will den nationalen Einheits-Staat reformieren und differenzieren, um die Freiheit des Individuums zu ermöglichen. Angelehnt an die Ideale der Französischen Revolution meinte Steiner, drei große Sub-Systeme der Gesellschaft unterscheiden und ihnen drei Grundprinzipien zuordnen zu können: Dem Kulturbereich das Prinzip der Freiheit, der Politik und dem Rechtsbereich das Prinzip der Gleichheit und der Ökonomie das Prinzip der Brüderlichkeit. Im Ergebnis und abzüglich mancher zeitbedingten Polemik vor allem gegen den „Amerikanismus“ umreißt sein Entwurf eine systemische Föderalisierung des Sozialen nach innen mit weniger Staat und nicht mehr primär national bestimmter Identität, die Entflechtung der „unnatürlichen Vermischung von politischen, wirtschaftlichen und allgemein-menschlichen Interessen“, wie es Steiner ausdrückt. Dreigliederung bedeutet so gesehen auch und vor allem Ent-Nationalisierung des Staates.

In Form zweier „Memoranden“ gehen diese Ideen Steiners an einzelne führende Politiker weiter, was jedoch folgenlos bleibt. Nach der Kriegsniederlage und dem Zusammenbruch des Kaiserreiches versuchte Steiner dann noch, durch Vorträge und Schriften seine Ideen für eine Neugestaltung Deutschlands einzubringen. Eine direkte gesellschaftliche Konsequenz hatte das nicht und obwohl seither zahlreiche einzelne Initiativen von dieser Idee inspiriert wurden, gab es auch später keine Versuche mehr, die Idee der Dreigliederung im großen gesellschaftlichen Maßstab umzusetzen.

Dreigliederungs-Elemente in den Verfassungen

Auch ohne direkten Bezug zum Dreigliederungs-Impuls entstand nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches mit der Weimarer Republik die wohl beste Verfassung, die es bis dahin in Deutschland gegeben hatte, insbesondere im Blick auf die Grundrechte und die demokratischen Freiheiten. In Metropolen wie Berlin pulsierte in den 20er Jahren eine moderne Zivilisation mit großer kultureller Innovation, und auch aus der Anthroposophie heraus entstanden die Keime ihrer vielfältigen Praxisfelder wie der Waldorfschulen. Die Basis dieser freien Gesellschaft, nämlich der demokratische Rechtsstaat, war in der Weimarer Zeit allerdings wenig beliebt. Es gab viel Zerstrittenheit und Zersplitterung unter den demokratischen Parteien und massive Bestrebungen von links ebenso wie von rechts, das parlamentarische System zu zerstören. Aber auch die Intellektuellen einschließlich vieler Anthroposophen hielten eher Distanz zur Demokratie und sahen es nicht für nötig an, das bedrohte System zu schützen. Auch heute treten bedauerlicherweise wieder Stimmen auf, die Parteien und Politiker pauschal aburteilen und zum Beispiel das Parlament als „Schwatzbude“ diffamieren. In der Weimarer Zeit kamen extreme wirtschaftliche Probleme Deutschlands hinzu, die das Land immer mehr destabilisierten. Eine festigende Identität für das Weimarer Deutschland konnte nicht entstehen.

Artikel 1 des Deutschen Grundgesetzes als Schriftzug in der Nähe des Deutschen Reichstag, Berlin, Deutschland

Erst nach der Katastrophe der Nazi-Zeit rauften sich die wenigen verbliebenen Demokraten in Deutschland zusammen und formulierten, noch unter dem Schock der NS-Verbrechen, ein Grundgesetz, das konsequent am Begriff der Menschenwürde und an freiheitlichen Grundrechten ausgerichtet ist.

Gerade was die Grund- und Freiheitsrechte betrifft, sind im Grundgesetz auch manche Anklänge an die Sozialphilosophie Steiners auszumachen. Denn auch die Idee der Dreigliederung steht für eine Einheit des gegliederten Ganzen, die auf die freie Entfaltung der Individuen ausgerichtet ist. Dreigliederung ist ein Bild für Einheit und Zusammengehörigkeit in der Komplexität – und insofern, in seiner Orientierungsfunktion, der Aufgabe des ehemaligen Salomonischen Tempels vergleichbar, genau wie das Grundgesetz als Verfassung einer offenen Gesellschaft heute eine solche Orientierungsfunktion hat.

 

Was ist das „Allerheiligste“ in einer offenen Gesellschaft?

 

Eine offene Gesellschaft ist nicht nur durch demokratische Wahlen vom Souverän legitimiert, sie garantiert vor allem durch ein abgestimmtes Zusammenspiel von Gesetzgebung, Regierung, rechtsstaatlichen Strukturen, unabhängigen Medien und zivilgesellschaftlichen Initiativräumen, dass sich ohne äußeren Zwang die Freiheit ihrer Angehörigen in größtmöglicher Vielfalt entfalten kann. Weil der Rahmen dazu ein ganz säkularer ist, der keine transzendente oder religiös begründete Ethik voraussetzen darf – denn sonst wäre er im Grunde dogmatisch – beruht die Offene Gesellschaft auf einem Paradox, das der Staatsrechtler Böckenförde in den 70er Jahren in seinem bekannten Diktum formuliert hat:

„Der freiheitliche, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“.

Keine Bundeslade und kein Gott im Allerheiligsten garantiert also den Bestand dieser Verfassung: An die Stelle eines transzendenten Gottes ist die Achtung vor dem Menschen getreten. Der Sozialphilosoph Hans Joas hat in diesem Zusammenhang festgestellt, dass tatsächlich im Zuge der Aufklärung (durch Kant, Durkheim, William James, Martin Luther King und andere) in das Zentrum allen gesellschaftlichen Denkens die „Sakralität der Person“ gestellt wurde, und zwar ausdrücklich ohne dass dazu eine religiös-metaphysische Herleitung nötig wäre. Auch das Grundgesetz setzt an seinen Anfang etwas Sakrosanktes: die Würde des Menschen. Schon Kant hatte dargestellt, dass der Mensch nicht Mittel für etwas anderes werden dürfe, er ist nicht wie eine Sache zu quantifizieren, er hat keinen Wert, sondern Würde. „Würde“ meint also: Wir Menschen sind in unserem Kern unverfügbar, Zweck unserer selbst.

Rudolf Steiner hebt in seiner Philosophie das „Ich“ des Menschen als die eigentliche, unsichtbar bleibende Wesenheit des Menschen hervor. In seinem Buch „Theosophie“ zitiert er den Dichter Jean Paul, der „das Gewahrwerden des ‚Ich’ eine bloß im ‚verhangenen Allerheiligsten des Menschen vorgefallene Begebenheit’“ nennt. Wenn man bedenkt, dass Gott sich laut dem Buch Moses als der „Ich bin“ zu erkennen gab, dann ist dieser Verweis Steiners auch wörtlich ein Bezug auf das, was das Allerheiligste bewohnt – heute nicht mehr in einem Tempel, sondern in jedem Menschen.

Wenn dieses Verständnis von Würde den zentralen Bezugspunkt der gesellschaftlichen Verfassung ausmacht, sozusagen sein „Allerheiligstes“, dann ist das Allerheiligste heute das Offenbare und gleichzeitig auch das Unsichtbare, das nur denkend Wahrnehmbare, das Schutzlos-zu-Schützende. Es setzt keine spezielle Metaphysik, keine Religion und keine Weltanschauung voraus – aber ohne Zweifel hilft es diesem Schutzlos-zu-Schützenden, wenn es auch durch Philosophie, Religion oder auch einfach durch humanistische Praxis mit einer pluralistischen Vielfalt an Inhalt, Leben und Substanz gefüllt wird. Die Lebensfelder der Anthroposophie und das freiheitliche Menschenbild Rudolf Steiners wollen Beiträge in diesem Sinne sein. ///