raeucherstaebchen

Wo immer ich in letzter Zeit Menschen über Bewusstseinserweiterung, Einheit, Frieden und Spiritualität reden höre oder schreiben sehe, werden in mir Instinkte wach wie bei Begegnungen mit Türverkäufern – egal, was sie sagen, ich warte nur darauf: Wann kommt der Haken? Haken meint hier: Wann kommt nach einer schönen Vorrede über die geistige Einheit der Menschheit der systemkritische Nachschlag? Wann grinst mich nach einem Plädoyer für eine neue Wir-Kultur oder für das Bedingungslose Grundeinkommen eine Parteien- und Medienschelte oder plumpe Demokratiefeindlichkeit an? Wann folgt auf einer Faebook-Timeline nach blumengeschmückten Sprüchen großer Weisheitslehrer der Hinweis, dass Ebola nur eine Erfindung der Pharmaindustrie ist oder dass wir in Deutschland ein „besetztes Land“ seien? Und wann wird nach den schönsten Visionen für ein integrales Leben der Hinweis nachgeschoben, die Terrormiliz IS sei doch gar nichts Besonderes, „bei uns sitzen die Terroristen eben in der Regierung“ (Zitat eines Facebook-„Freundes“)?

Manchmal fallen die Verkäufer auch ohne Vorrede mit der Tür ins Haus. Da schreibt ein Leser etwa, er finde unsere Zeitschrift ja gut, aber er warte seit Langem darauf, dass wir endlich auch einmal „die Wahrheit über den 11. September“ aufdecken (die er natürlich schon kennt). Das Wort „Verschwörungstheorie“ sei nur ein Kampfbegriff der geheimen Weltregierung. Die ja auch giftige Chemtrails versprühen lässt.

Medienschelte und viraler Irrsinn

Wenn ich mir Teile der alternativ-spirituellen Szene heute ansehe, dann ist die Schattenseite von Internet und freien Medien offenbar der virale Irrsinn, in dem heute Ken Jepsen, Andreas Popp oder Jürgen Elsässer als Befreier gelten wie einst Che Guevara – ein bekennend anthroposophischer Facebook-Nutzer jedenfalls gerät regelmäßig ins Schwärmen, wenn Elsässer wieder ein Video hochgeladen hat. Portale wie „Bewusst.tv“, „Klagemauer.tv“ und natürlich der Kopp Verlag gelten bevorzugt jenen Zeitgenossen als Wahrheitsquelle, die den „Mainstream-Medien“ gegenüber gar nicht genug Misstrauen aufbringen können. Geistige Sensibilität und Urteilsunfähigkeit in Gegenwartsfragen gehen hier bunteste Koalitionen ein. Wie sonst wäre der Zuspruch erklärlich, den in diesen Zusammenhängen derzeit die „Montagsmahnwachen“ finden, unter die sich inzwischen auch die sogenannten „Reichsbürger“ gemischt haben? An der Waldorfschule Rendsburg wurde kürzlich ein Geschäftsführer fristlos entlassen, der mit solchen Strömungen zu tun hatte und Klassenräume für Veranstaltungen hergab. Über die Unterwanderung der Grundeinkommensszene in Norddeutschland durch dieses neurechte Völkchen hatten wir bei Info3 berichtet und darüber, dass auch Pop-Sänger Xavier Naidoo bei „Montagsmahnwachen“ fordert, die amerikanische „Besatzung“ müsse endlich der „Freiheit für Deutschland“ (so der Aufdruck auf des Sängers T-Shirt) weichen. Ein gut informierter Info3-Leser weist uns nun darauf hin, auch Gregor Gysi (noch so ein Wahrheitsheld) habe „unwidersprochen im Bundestag bloßgestellt, dass dies eine Tatsache ist. Um diese Tatsache auszusprechen muss man nicht gleich rechtsradikal sein“ (nun, nicht unbedingt rechtsradikal, aber doch reichlich wirr, finde ich). Und eine andere Leserin empört sich zum gleichen Thema: „Menschen, die ihre freie Meinung äußern und deren Aussagen man ohne große Probleme recherchieren und bestätigt bekommen kann, in die rechte Ecke zu stellen, es fehlen mir die Worte! Dies Verhalten kann ich nur als ängstlich und feige deuten.“ Ich solle mich doch nur mal informieren, dass wir Deutschen gar keine Verfassung hätten, sondern nur ein Grundgesetz (Hilfreiches zur Entkräftung dieses Fehlurteils findet sich u.a. hier).

Mit Hoffnungsträger Putin gegen „Fremdherrschaft“

Es geht aber noch ärger: Eine Kollegin, als anthroposophische Kunsttherapeutin tätig, fragt bei mir – verständlicherweise! – entsetzt nach, von wem denn Äußerungen wie diese stammen, auf die sie neulich in ihrem Bekanntenkreis hingewiesen wurde: „Mitteleuropa muss den kulturellen Schulterschluss mit Russland suchen, um das, was innerhalb unserer Kultur entstanden ist bzw. entstehen soll, die Ich-Kultur, als der Inhalt der fünften nachatlantischen Kulturepoche an die Russen, die Slawen, die die Träger der sechsten nachatlantischen Kulturepoche sind, weiterzugeben. Dabei spielt die anthroposophische Geisteswissenschaft eine entscheidende Rolle …“ Dieser Aufruf zum „Schulterschluss“ mit dem neurussischen Imperialismus stammt von Rüdiger Keuler, einem Heilpädagogen ohne feste Anstellung im anthroposophischen Submilieu, der übrigens ungeniert auch den russischen Holocaust-Leugner Bondarew zitiert und die von Jürgen Elsässer publizierten Reden Putins als Erbauungslektüre empfiehlt: „Ich bin erstaunt, welche Menschlichkeit, welches fundierte Wissen, auch um die politischen Hintergründe und welche Gelassenheit aus diesen Reden spricht. Putin ist ein für die westlichen Weltdiktaturfanatiker gefährlicher Mann, er ist derjenige, auf den die Menschheit heute am meisten Hoffnungen setzten muss“, mahnt Keuler und empfiehlt „aus einem besetzen Land“ und mit einem mit „Hochachtung“ unterzeichneten Brief seine Ergüsse direkt  in den Kreml. Wir dürfen auf die Antwort aus Moskau gespannt sein. Aber noch nicht genug von „muss“ und „müsste“ bei Keuler: „Das was zeitgemäße mitteleuropäische Kultur wäre, müsste erst noch erarbeitet werden, wenn wir das Joch der Fremdherrschaft, der US-amerikanischen Besatzungsmacht und des ‚American Way of Life’ abgeschüttelt haben“. Da sind sie wieder, die Reichsbürger! Ich bin gespannt, wann sich der wackere „Europäer“ aus Basel in die Rufe nach Wiederherstellung der Reichsgrenzen von 1937 einreiht  …

Den Vogel abgeschossen aber hat letzte Woche eine Leserin, bezeichnenderweise laut Absenderstempel Therapeutin für „Stimm – Sprech – Sprachstörungen“, die uns eine Art Leserbrief schrieb, weil wir in unserem Verlag vor Kurzem die Erinnerungen von Hans Büchenbacher herausgegeben haben, die Aufzeichnungen eines führenden Anthroposophen, der seinerzeit aus Deutschland wegen seiner jüdischen Herkunft vertriebenen wurde und verbittert das Versagen der damaligen Anthroposophen vor dem Nationalsozialismus festgestellt hat. Der „Leserbrief“ besteht darin, dass die Frau die Anzeige aus unserem Heft für das Werk Büchenbachers herausgerissen und ohne weiteren Kommentar einen – von Hand abgeschriebenen – Spruch Rudolf Steiners dazugelegt hat, in dem in mehrfach schräger Weise „Der weißen Rasse neues Morgenrot“ besungen wird. Das tut schon weh – da mühen wir uns seit Jahren bei Info3, über den – glücklicherweise seltenen – Rassismus in den eigenen Reihen aufzuklären und rassistische Äußerungen bei Steiner aufzuarbeiten und dann so was.

Nun: bei aller Verwunderung über die oben genannten Phänomene muss ich am Ende doch ergänzen, dass sie zumindest für die anthroposophische Szene bisher nicht repräsentativ sind – vor allem auf der Ebene der seriösen Zeitschriften, der anthroposophischen Verbände und der meisten Einrichtungen gibt es diese Wirrungen nicht. Dennoch gelingt die Verbindung von weitender Bewusstseinserfahrung und vernünftiger Klarheit im Hier und Jetzt in der individuellen Entwicklung offenbar nicht immer – im Moment trösten mich, offen gestanden, die Vernünftigen im Hier und Jetzt über die losgelöst in den Höheren Welten Schwebenden. Losgelöst von aller Vernunft, meine ich. Von einem Leben in Bewusstheit und Verbundenheit lasse ich mich davon nicht abbringen.