Wie zeigt man das, was mit offenen Augen nicht sichtbar ist? Ohne öffentliches Wispern bleibt ein Austausch über Heimlichkeiten unbemerkt. Dieses „Paradox des Geheimnisses“ sichtbar zu machen, das zugleich ent- und verhüllt, ist Anliegen der von Alexis Vaillant und Cristina Ricupero kuratierten Ausstellung Geheimgesellschaften in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main.

Das machtvolle Verhüllen von etwas Unbekanntem, das den Außenstehenden gleichsam in den Bann zieht wie auch auf Distanz hält, ist eine der zentralen Spielregeln, nach denen Geheimgesellschaften von der Antike bis in die Gegenwart funktionieren. Für ihre Einhaltung sorgen Riten der Initiation, Strukturen der Unterwerfung, Auferlegung von Aufgaben, deren Erfüllung aus Erwählten Eingeweihte macht. Der labyrinthische Ausstellungsparcours des Künstlers Fabian Marti versucht, entlang der etwa hundert Exponate zeitgenössischer Künstler das Spiel mit dem Geheimnis, erlebbar zu machen das gesehen, aber nicht gelüftet werden will. 

Hierbei ist der Besucher der Ausstellung nicht allein auf die individuelle Auseinandersetzung mit den Ausstellungsexponaten angewiesen, sondern er kann sich unter der Obhut eines AudioGuides auf eine Metaebene begeben: Gary Lachman, Experte für spirituelle Bewegungen und Autor einer im Info3 Verlag erschienenen Steiner-Biographie, hat in sieben Kapiteln auf überaus informative, kluge und eingängige Weise offenkundig alles verwoben, was man zum Thema wissen möchte und kann. Seine Ausführungen zeichnen eine wertungsfreie Geschichte des Okkulten in seinen sozialhistorischen Erscheinungsformen wie auch in seiner zeitlosen Faszination. Durch die Ausstellung beabsichtigt der Guide allerdings nicht zu führen. Lachmans Beitrag ist weder als didaktische Aufbereitung noch als Ergänzung zum Katalog zu verstehen. Sie ist ein Quell, der die Exponate in den Fluss stellt und dem Besucher hilft, die abweisende und zuweilen erschreckende Dürre des Geheimnisvollen zu beleben.

Deutlich offenbaren manche Werke den antimodernen Reflex, der die Organisation des Okkulten in geheimen Gesellschaften begleitet: Bedingungslose Ergebenheit, Fanatismus und brachiale Gewalt gehören hier ebenso dazu wie eine bizarre Erotik und eine ausschweifende, zuweilen ekstatische Hingabe an das Unbestimmte, Morbide und Monströse. Das Paradox des Geheimnisses stellt die Frage nach den Grenzen von Identität und erzeugt ein Vexierspiel, in dem das Individuum gleichermaßen konturiert wird, wie auch zu verschwinden droht.

Kein Exponat zeigt das deutlicher als Luca Vitones „Souvenir d’Italie“, eine wandfüllende Liste von 962 Mitgliedern der Geheimloge der Freimauerer P2 in Italien, die bei polizeilichen Ermittlungen in den 80er Jahren sichergestellt wurde und eine ähnlich skandalumwobene Enthüllungsgeschichte zeitigte wie heute die Aktivitäten von WikiLeaks.  So wie die Kolonnen der Buchstaben- und Ziffernfolgen auf Ehrendenkmälern oder Friedhöfen macht Vitones Liste ununterscheidbar, ob hier einzelne Personen durch Angabe ihres Wohnortes identifizierbar werden oder in einer endlosen Flut von Informationen untergehen. Auf erschütternde Weise zeigt sich, wie das machtvolle Spiel von Ent- und Verhüllung unsere mediale Kommunikation bestimmt.

Silke Kirch

Der Audio Essay „Nichts ist wahr“: Eine kurze Geschichte der Geheimgesellschaften von Gary Lachman steht als Download zur Verfügung. 

Die Ausstellung „Geheimgesellschaften“ in der Kunsthalle Schirn ist bis zum 25. September 2011 zu sehen.

Der gleichnamige Katalog ist unter der ISBN 978-3-940953-82-7zu beziehen und kostet 29,90 €.