Als langjährige alleinerziehende Versorgerin zweier mittlerweile recht großer Jungs möchte ich Ihnen etwas erzählen von meinem Partner in Erziehungsdingen. Er ist immer für mich da, widerspricht teils heftig, übt – keineswegs immer sanft –  Druck aus, erteilt keine Ratschläge, zwingt aber zur Einsicht. Er heißt: Realitätsprinzip. Das mag jetzt zynisch klingen, aber ich habe es mir zum Verbündeten in allen Lebensfragen rund um das Leben mit Kindern auserwählt und habe eine langjährige, gut erprobte kooperative Beziehung mit ihm, die keinesfalls – wie man denken könnte – eine Einbahnstraße ist.

Erste Schritte

Es fing an, als meine Söhne beide den Rubikon überschritten hatten, der eine zehn, der andere dreizehn Jahre alt. Da merkte ich, dass ich ziemlich große Lust hatte, meine Wäsche alleine zu waschen, sprich: eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, auch einmal nur für mich zu sorgen, nicht immer für alle mitzudenken. Ich beschloss, dass jeder Mensch spätestens ab dem 13. Lebensjahr in der Lage ist, seine Wäsche selbstständig zu waschen und sich über deren Rückführung in den Kleiderschrank zu kümmern. Das bedeutet nicht, ohne Unterstützung auskommen zu müssen, aber es bedeutet, dass man prinzipiell dafür verantwortlich ist, in diesem Lebensbereich selbst für sich zu sorgen. Emanzipation ist nicht nur ein Thema von Frauen gegenüber Männern, sondern auch von Müttern gegenüber Kindern. Wir dürfen unsere Bedürfnisse genauso ernst nehmen wie ihre.

Wenn für die Kinder das Wochenende beim Vater ins Wasser fiel, ich aber arbeiten musste – ja, natürlich: habe ich mich lange Zeit mit diesem in sehr unfruchtbare Streitigkeiten über Zuständigkeiten verstrickt. Das Realitätsprinzip wiegte den Kopf und sagte: Du wirst es nicht ändern können. Das wollte ich nicht hören. Es fügte hinzu: Aber Du hast mehrere Karten in der Hand, schau mal genau hin. – Je älter die Kinder wurden, umso einfacher wurde es zu sagen: „Hört mal zu, es ist so: Euer Vater hat keine Zeit, aber ich muss arbeiten. Es gibt folgende Möglichkeiten. Ihr könnt zu Hause bleiben und die Nachbarin kommt. Ihr könnt bei Euren Freunden übernachten oder über das Wochenende zu Oma und Opa fahren. Wie wollen wir es machen?“ Diese Haltung änderte nichts daran, dass ich für Vereinbarkeit allein zuständig war, aber ich war nun freier in meinen Handlungsmöglichkeiten. Der Zusammenstoß mit der Realität ließ die Mauer in meinem Kopf zerbröseln und dahinter taucht eine Vielzahl an Möglichkeiten auf. Freiheit meint nicht Unbeschwertheit.

Das Denken befreien

Wirklich anstrengend fand ich häufig gerade die Freizeitgestaltung, fast mehr noch als den Alltag mit Arbeit, Schule, Hausaufgaben, Kochen und Einkaufen. Vieles ist eine Frage effektiver Organisation, aber sich am Strand in der Sonne auszuruhen, wenn man für zwei kleine Kinder zuständig ist: unmöglich. Das geht, soweit ich weiß, nicht nur Alleinerziehenden so. Möglich ist, gelegentlich dafür zu sorgen, dass die Nachbarn die Kinder zur Bootstour mitnehmen, andere Hotelgäste mit ihnen spielen, während man im Liegestuhl chillt, oder einen ortsansässigen Teenager als Babysitter anzuheuern. Nicht immer gibt es eine Vielzahl von Handlungsoptionen, dann wird Vereinbarkeit ein steiniger Weg. Worum es aber geht, ist diese Möglichkeiten immer wieder neu aufzuspüren und neue Strategien der Vereinbarkeit zu entwickeln.

Ich kam dem Realitätsprinzip nach und nach auf die Schliche. Ich erkannte, dass es heimliche Unterstützer hatte. Zu diesen gehört meines Erachtens unzweifelhaft das Bedürfnis nach einer Intimsphäre – wie es etwa in meinem Wunsch, meine Wäsche alleine zu waschen, zum Ausdruck gekommen war. Dieses Bedürfnis habe nicht nur ich, dieses Bedürfnis hat jeder Mensch und zwar – so meine Beobachtung – von klein auf. Das mag von Kind zu Kind verschieden sein, aber es ist sehr deutlich, wann ein Kind seine Intimsphäre zu behaupten beginnt – etwa wenn es beim Baden keinen Besuch mehr möchte, beim Umziehen die Tür zumacht oder ein großes Schild mit „Bitte klopfen“ an seine Zimmertür heftet. Das Bedürfnis nach diesem Raum der Intimität ist nach meiner Erfahrung ein großer Motor: dafür, sein Bett irgendwann selbst beziehen zu wollen, sein Zimmer selbst saubermachen und aufräumen zu wollen, seine Wäsche selbst zu waschen und anderes mehr. Einmischung unerwünscht. Darauf können wir bauen. Diesen Prozess können wir unterstützen, indem wir unsere eigene Intimsphäre deutlich abgrenzen und die jedes Einzelnen deutlich respektieren.

Dem Lauf der Dinge folgen

Das bedeutet nicht, dass die Selbstfürsorge beim Nachwuchs von heute auf morgen funktioniert. Wir müssen damit leben, dass wir eben nicht alles im Griff haben, wenn wir möchten, dass unsere Kinder selbständig werden. Und umgekehrt: Wir müssen uns nicht abmühen, wir müssen nicht ständig ausgeklügelte Pläne entwerfen, wer wann für was zuständig ist im Haushalt, um uns dann auch noch damit aufzureiben, dass die Pläne eingehalten werden. Wir dürfen abwarten, bis das Realitätsprinzip wirkt: Dann entsteht der Druck von selbst, die Bedürfnisse melden sich von alleine, Notwendigkeiten stellen sich ein. Die kognitive Entwicklung hilft mit, es wird möglich darüber zu reden: Was kannst Du tun? Welche Möglichkeiten hast Du? Vereinbarkeit ist zu einem Teil vielleicht die Fähigkeit, Handlungsoptionen realistisch einzuschätzen und im eigenen Interesse optimal zu nutzen. Das braucht Übung. Aber auch für Kinder gilt (natürlich altersentsprechend gestaffelt): Aus einer Überforderung, die entsteht, weil man mit einer Sache – beispielsweise kochen – allein zurechtkommen muss, kann die Erkenntnis erwachsen: Ich habe verschiedene Möglichkeiten, die Sache auf meine ganz eigene Art und Weise anzugehen. Das macht stolz und zufrieden und eröffnet eine neue Perspektive auf Genuss, der entsteht, wenn man davon entlastet ist – weil andere das Kochen übernehmen.

Wofür wir Sorge tragen können, ist, dass das Bedürfnis nach Essen, frischer Wäsche oder einem sauberen Bad im Rahmen einer gesunden Selbstbeziehung auch als eigenes Bedürfnis erkannt werden kann und nicht nur als Negativrauschen, für dessen Abschaltung eine Putzfrau oder Mutter nötig ist. Dann bringt der Nachwuchs seine kreative Energie auch an diesem Punkt ein. Eigenverantwortung wächst, wenn Bedürfnis und Notwendigkeit von allein ins Bewusstsein treten dürfen. Realitätsprinzip bedeutet also auch: Grenzen der Einflussnahme anerkennen. Das entlastet uns und bringt die Vielfalt zum Blühen: Der eine fühlt sich damit wohl, zwischendurch immer mal schnell etwas abzuwaschen, der andere stapelt das Geschirr, um dann in einer gut geplanten Aktion die ganze Küche blitzblank aufzuräumen und zu putzen. Beides ist gut für alle.

Haushalten lernen

Kooperation mit dem Realitätsprinzip ist eine Strategie, die Beziehungen enorm entlastet. Das würde ich fast als evolutionären Vorteil des Prinzips „Alleinerziehend“ – wenngleich nicht als Alleinstellungsmerkmal – werten. Für alles allein verantwortlich zu sein gelingt nur mit einem realistischen Blick, der sehr konzentriert und pragmatisch das Wesentliche erkennen kann: Was ist Sache, was geht, was geht nicht. Verantwortung zu übernehmen ist jedoch nicht nur anstrengend, sondern bringt auch Entscheidungsfreiheit. Das können wir unseren Kindern sehr gut vorleben. Hinzu kommt: Eigenverantwortung stiftet eine Grundlage des Gebens und Nehmens. Hausarbeit ist dann nicht ausschließlich ein Schwarzer-Peter-Spiel, sondern Nährboden für eine Ökonomie des Schenkens. Das Realitätsprinzip kann Fürsorge begründen. „Geh ruhig, Mama, ich räum‘ die Küche auf“ – so ein Geschenk kann ein Vierzehnjähriger machen. Ich hatte mal das Glück.

Vereinbarkeit beginnt nicht selten damit, Wunsch und Wirklichkeit vereinbaren können. Wer das kann, hat eine gute Lebensgrundlage und kann sich weiterentwickeln. Für meine Kinder möchte ich, dass sie Raum haben um herauszufinden, was sie wollen, um zu erkennen, was möglich ist und zu begreifen, was nötig ist. Sie müssen haushalten können mit dem, was ihnen zur Verfügung steht, haushalten im übertragenen wie im ganz konkreten Sinne. Nur dann können sie – jetzt im kleinen, später im großen Kontext – Vereinbarkeit leisten. Einen Haushalt führen zu können ist genauso wichtig wie der Schulbesuch, die Entwicklung eigener Interessen und das Erlernen eines Berufes. Was einen eigenen Ort im Leben beanspruchen darf, sinnvoll ist, selbstständig und auch kreativ gemeistert werden kann und Bedürfnisse stillt, hat eine gute Chance, zu einer Gewohnheit zu werden, die wir nicht mehr missen möchten. ///

Ein Text aus der Schwerpunktausgabe „Mütter – Kinder, Küche und Karriere?“, Info3 3/2018 hier bestellen.