Blick aus dem Westfenster des Goetheanums. Foto: Info3

Blick aus dem Westfenster des Goetheanums. Foto: Info3

 

Von Wolf-Ulrich Klünker

 

 

Dieses Buch wirkt in jeder Hinsicht bescheiden. Aber in der Bescheidenheit verbirgt sich ein großer Wurf: die Verbindung zu Rudolf Steiner nach nahezu 100 Jahren, die Verbindung von Geisteswissenschaft und Wirklichkeit, die Verbindung von Anthroposophie und Welt; und schließlich die Verbindung von Anthroposophie und Mensch (und darin auch die Versöhnung von Subjekt und Objekt, die Überwindung der Isolation des inneren Menschen).

Anthroposophie besitzt als Weg der Erkenntnisschulung eine unverwechselbare Identität; aber sie kann sich in Gegenwart und Zukunft nicht als Sonderweg, sondern nur im Zusammenhang einer weltweiten geistigen Orientierung selbst finden. In diesem Prozess liefert der Ansatz von Jens Heisterkamp einen wichtigen Beitrag. Die Identität des „anthroposophischen Weges“ beruht auf der Kraft des Denkens, die von Rudolf Steiner als Substanz des Ich und als Grundlage zukünftiger Spiritualität herausgearbeitet wurde. Die Intention des Autors richtet sich auf die Wurzeln der Anthroposophie im Schulungswerk Rudolf Steiners. Die Durchführung ist so angelegt, dass die Verbindung zu diesen „Quellen“ heute wieder deutlich ins Bewusstsein treten kann und dass gleichzeitig die Verbindung mit Rudolf Steiner selbst wie im Hintergrund der Themenstellung neu geknüpft wird. Denn die inhaltlichen und entwicklungsgeschichtlichen Darstellungen orientieren sich in knapper, aber einfühlsamer und menschlich überzeugender Weise an den biografischen Etappen Rudolf Steiners.

 

Erkenntnis als konstitutiver Faktor

 

Der begriffsrealistische Ansatz des anthroposophischen Erkenntnisweges wird deutlich herausgearbeitet. Erkenntnis selbst ist Bestandteil der Wirklichkeit, Begriffe sind Kraftelemente der Weltwirklichkeit, an denen das denkende Bewusstsein Anteil gewinnen kann. An Begriffen kann sich das denkende Bewusstsein des Menschen selbst zur Wirklichkeit gestalten. Das entsprechende spirituelle Erleben löst die Trennung des Bewusstseins von der Welt auf, Subjekt und Objekt kommen zusammen – Erkenntnis selbst wird zum konstitutiven Faktor von Wirklichkeit.

In diesem Zusammenhang weist Jens Heisterkamp auf die Nähe der Anthroposophie zu phänomenologischen Ansätzen hin; Rudolf Steiner selbst hatte ja bekanntlich am Werk Franz Brentanos angeknüpft. Aus dieser Tradition heraus kann man sich verdeutlichen, was Anthroposophie als Kernaussage in die Welt gebracht hat: es ist ein neues Leben aus neu zu entwickelnder Erkenntnishaltung heraus möglich; Erkenntnisausrichtung kann zur Lebenshaltung und zu neuem Lebensprozess werden. Spiritualität und Selbstentwicklung, Spiritualität und das Neuschaffen eigener Lebensvoraussetzungen, Spiritualität und Zukunftswelt gehören untrennbar zusammen.

 

Anthroposophie des Wir

Jens Heisterkamp schaut auf eine Anthroposophie des Wir, das aus der Individualität hervorgeht – weniger auf eine Anthroposophie des Ich. Die Individualität erscheint vielmehr als „Repräsentant der Menschheit“, das Individuum wirkt wie eine Durchgangsstufe zur neuen Gemeinsamkeit. Auch das Ich wird auf diese Weise zu einer Verbindung, es bleibt nicht in der Ablösung vom Anderen. Das Anliegen des Autors besteht darin, diese Verbindungskraft der Anthroposophie zur Geltung zu bringen und aus ihr heraus den „Beitrag der Anthroposophie zu einer spirituell-humanistischen Erneuerung unserer Gesellschaft“ (S. 127). Dazu sollen gerade die „theosophischen“ und „christlichen“ Inhalte der Anthroposophie aus der Perspektive des beginnenden 21. Jahrhunderts betrachtet und damit auch einer gewissen (notwendigen) geistesgeschichtlichen Überprüfung unterzogen werden. Mit dieser Haltung schließt das Buch eine immer deutlicher spürbar werdende Lücke und stellt eine letzte wichtige Verbindung her: diejenige zwischen der begonnenen „objektiven“ wissenschaftlichen und geistesgeschichtlichen Aufarbeitung des Werkes Rudolf Steiners und seiner inneren Bedeutung für die sich aus eigenen Kräften heraus erneuernde Individualität. Im Grunde entwickelt Jens Heisterkamp einen vernünftig und geistig verantworteten Empfindungszugang zur Anthroposophie und gibt ihr damit eine zeitgemäße menschliche Gestalt.

Wolf-Ulrich Klünker

Der Autor ist Professor für Philosophie und Erkenntnisgrundlagen der Anthroposophie an der Alanus Hochschule.

 

jens-anthrospiri

Jens Heisterkamp: Anthroposophische Spiritualität. Denken, Meditation und geistige Erfahrung bei Rudolf Steiner. Eine Einführung. Mayer Info3 Verlag 2014, Broschur, 12,80 €. Auch als E-Book erhältlich.

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