Gänse

An einem Vormittag in der Adventszeit lief ich meine üblichen zwölf Kilometer am Rande der Großstadt, wo die Wohngebiete in Felder und Brachland und kleinere Waldflächen übergehen, der Horizont allmählich weiter wird und die Landschaft zu sprechen beginnt. Der Winterhimmel strahlte monochrom blaugrau wie die Hintergrundbeleuchtung eines Flachbildschirms. Die Luft war klar, es wehte kein Windchen. Plötzlich drangen an meine Ohren die Rufe von Gänsen. Kurz darauf vernahm ich das Rauschen von Flügelschlägen. In großer Höhe zog eine Gruppe dieser majestätischen Vögel in perfekter Keilform über den Himmel, das geometrische Design ihrer Formation ein höchster Ausdruck von Schönheit und Zweckmäßigkeit. In diesem Moment hatte ich eine Epiphanie. Die Signatur des Gänsefluges war für mich in diesem Moment so etwas wie eine weihnachtliche Friedensbotschaft, ein Wort unmittelbar aus Gottes Herz quer über den Himmel geschrieben.

Vor meinem inneren Auge jedoch tauchten die verbrutzelten und verschmorten Objekte auf, die ich kurz zuvor bei einem Weihnachtsessen in einer fränkischen Wirtschaft gesehen hatte. Ich mümmelte an jenem Abend am einzigen, wenig empfehlenswerten vegetarischen Alibi-Gericht des Hauses. Dazu hatte ich ein Glas Silvaner mit Bioland-Siegel – immerhin. Alle anderen hatten Gans. Die verstümmelten kleinen Körper zogen meine Blicke wie magisch an; fast erwartete ich, dass sie beim Hineinschneiden mit den Flügeln schlagen wie in einem Film von David Lynch. Aber nichts tat sich, kein Flattern, nur ein dumpfes Schneidegeräusch, das mich vage an meinen Anatomiekurs vor 35 Jahren erinnerte, als wir Körperhöhlen öffneten, um die menschliche Morphologie von innen zu bestaunen. Erst einige Tage später, beim Laufen, wurde mir klar, worauf mein Unbehagen beruhte: Was für eine Respektlosigkeit doch darin liegt, solch himmlische Geschöpfe zu essen. Sie vorher der Hölle qualvoller Massenhaltung auszusetzen, um sie dann rechtzeitig in einer Orgie der Gewalt, zehn Millionen davon alle Jahre wieder nur für die Deutschen, zu töten. Das kann nur gelingen, wenn man jeden Sinn für die kraftvolle Anmut dieser erhabenen Vögel ausblendet. Ähnliches gilt natürlich für alle Speisetiere, etwa für die 1000 Hühner, 50 Schweine und vier Kühe, die ein Deutscher durchschnittlich im Laufe seines Lebens isst.

Wie unterscheiden sich Menschen, bei denen Fleisch auf den Tisch kommt, von Vegetariern oder Veganern? Wir wissen, dass Vegetarier beziehungsweise Veganer gesünder sind – aber fühlen und denken Menschen auch anders, je nachdem, ob sie Fleisch essen oder nicht? Eine aktuelle Studie der Universitäten Mainz und Wuppertal, bei der fast 1400 Personen befragt wurden, lässt auf andere Werte und Grundeinstellungen bei beiden Gruppen schließen. So haben Fleischesser häufiger Vorurteile, befürworten autoritäre Strukturen und sind insgesamt stärker konservativ oder reaktionär gesinnt. Wer seinem Respekt und Mitgefühl den Tieren gegenüber dadurch Ausdruck gibt, dass er auf ihren Verzehr verzichtet, neigt hingegen mehr zu gleichberechtigten statt hierarchischen Beziehungen und ist insgesamt toleranter.

Auf den Zusammenhang zwischen seelischer Entwicklung und Vegetarismus hatte schon Rudolf Steiner hingewiesen. Deutlich sprach er das etwa in einem Vortrag am 20. März 1913 aus, in dem er feststellte, dass die innerliche geistige Entwickelung von sich aus zum Vegetarismus führe, weil sie Ekel und Abscheu gegenüber tierischer Nahrung erzeuge.

Dr. med. Frank Meyer ist integrativer Hausarzt und Gesundheitsautor. Er lebt und arbeitet in Nürnberg.