Stefan Stark, Künstler und Dozent an der Alanus Hochschule, lebt seit vielen Jahren vegan.

Stefan Stark, Künstler und Dozent an der Alanus Hochschule, lebt seit vielen Jahren vegan.

Stellen Sie sich einmal vor, wir würden in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen genügsam und zufrieden von dem leben würden, was auf der Erde wächst und gedeiht. Jede Form von Gewalt wäre in der menschlichen Nahrungskette unbekannt. In dieser Welt käme nun einer auf die Idee ein Tier zu töten, es ausbluten zu lassen, das Fleisch zu zermahlen, es in dessen Darm zu stopfen, zu braten und genüsslich zu verspeisen. Damit nicht genug, er würde auch noch die Muttermilch von Kühen trinken und unausgebrütete Hühner als erste Mahlzeit des Tages essen – wir wären empört!

Mindestens genauso schockiert war ich bei meiner ersten Begegnung mit einem „Veganer“ vor 15 Jahren. Er saß mit uns zu Tisch und weigerte sich, mehr als trockenes Brot und Salat zu essen, weil alles andere, was wir anzubieten hatten, für ihn nicht in Frage kam. Ich war wütend auf ihn, weil er durch diese Haltung meine Essgewohnheiten in Frage stellte. Darüber hinaus ahnte ich wohl bereits: zu Recht! Für dieses Erlebnis bin ich heute, selbst von veganer Ernährung und Lebensweise überzeugt, sehr dankbar, da ich dadurch die Reaktionen, die ich damit häufig auslöse, besser nachvollziehen kann.

Ich hatte bereits ein paar Jahre vegetarisch gelebt, als ich mein pflanzenbasiertes Leben als kurzen Projektversuch startete. Aus einer Woche wurden zwei, dann ein Monat und bis heute sind es acht Jahre. Warum? Weil es sich anfühlte wie die beste Entscheidung, die ich in dieser Hinsicht treffen konnte. Ich war beschwingt von einem neuen Körpergefühl, einem Mehr an Energie, einem hohen Maß an Gesundheit und Lebensfreude, reinerer Haut, ganz neu definierten Muskelpartien und dem Bewusstsein, den Lügen der Lebensmittelindustrie entkommen zu sein. Es war ein gutes Gefühl, Tierhaltung zu Zwecken der Nahrungsmittelproduktion und den Betrieb von Schlachthöfen nicht mehr mitzufinanzieren und darüber hinaus mit jedem Bissen das Klima zu schützen. Es gab einfach keinen Grund mehr, es anders zu machen. „Anders machen“ ist auch nach wie vor ein Ansporn für mich – ein Rebell mit dem Kochlöffel, der mit den Kochgewohnheiten voriger Generationen bricht und daran große Freude hat. Pfannkuchen ohne Ei – überhaupt kein Problem!

Was kann man dann eigentlich noch essen?

Es ist ein Missverständnis, dass pflanzliche Ernährung einfach nur reduziert – im Gegenteil, der Rahmen wird zwar streng definiert, aber die darin enthaltene Vielfalt bewusster ausgekostet. Die große Anzahl an essbaren Früchten, Gemüsesorten, Nüssen, Saaten, Kräutern, Pilzen und natürlich auch die verschiedenen Soja- und Weizeneiweißprodukte (Seitan) lassen schnell vergessen, dass bei veganer Ernährung „irgendwas fehlt“.

Ich sähe nicht aus wie ein „typischer Veganer“, höre ich immer wieder. Als ich von diesem Klischee entnervt einmal erwiderte, dass man meinem Gegenüber allerdings das eine oder andere Schnitzel durchaus ansehen würde, war das Gespräch schnell beendet. Das tat mir leid – es war ein, wenn auch sehr ehrlicher, so doch eher geschmackloser Kommentar und das, obwohl ich doch so gerne mit Geschmack überzeuge … Es ist eben immer wieder merkwürdig, der Erwartung zu begegnen sich dafür zu rechtfertigen, dass man etwas nicht tut …

Neben Verständnis und Einsicht begegnet mir aber oft auch das Gegenargument, dass Milch, Käse und Quark doch so wichtig für das Wachstum seien. Das wird allerdings mittlerweile von der Forschung bezweifelt. Vegan aufwachsende Kinder beweisen als sprichwörtlich lebendige Beispiele das Gegenteil dieser Sorge  Milchprodukte stehen darüber hinaus im erhärteten Verdacht, neben Allergien auch für eine Großzahl von Krankheiten verantwortlich zu sein.

Aber man braucht doch ab und an diese Energie, die von einem Stück Fleisch kommt –  das ist auch so ein recht seltsames Argument, wenn man bedenkt, dass die letzten Empfindungen von sogenannten „Nutztieren“ bei ihrer Tötung und deren ins Fleisch gebannte Energie wohl kaum etwas darstellen, was man zu sich nehmen möchte. Denn egal aus welcher Haltung sie stammen, Todesangst gibt es immer, auch wenn das Tier einen Namen und eine grüne Weide hatte. Im Falle von Milchprodukten, wird man entgegnen, ist immerhin nicht der Tod im Spiel (wenigstens nicht unmittelbar). Die Frage aber, ob es naturgewollt ist, die Muttermilch einer anderen Spezies zu beanspruchen, die ihrer Substanz nach speziell für Kälber bestimmt ist und natürlicherweise auch nur in der Aufzuchtszeit vom Muttertier erzeugt wird, bleibt auch völlig unabhängig von der Art der Haltung der Tiere kritisch zu beantworten.

Tierfreie Landwirtschaft?

Spätestens hier wird aber deutlich, wie unglaublich komplex das Thema ist und welche Widersprüche es in sich birgt. Ich kaufe beispielsweise ausnahmslos biologisch erzeugtes Obst und Gemüse, gerne auch aus Demeter-Anbau. Diese Lebensmittel enthalten zwar keinerlei tierische Substanzen, sind aber strenggenommen nicht vegan produziert, wenn man die zentrale Rolle bedenkt, die Tiere vom Dünger bis zum Kuhhorn-Präparat nicht nur, aber besonders bei Demeter spielen. So gibt es zwar auch kleine Anbaugemeinschaften, die konsequent  „tierfreie“ Landwirtschaft betreiben, allerdings haben diese Erzeugnisse einen deutlicher höheren Preis, der sich der alltäglichen Praktikabilität entgegenstellt. Sie sind wegen der schwindend geringen Nachfrage auch leider nicht konkurrenzfähig.

Eine weitere Schwierigkeit einer verantwortungsvollen und nachhaltigen Ernährung zeigt sich auch am Beispiel des Honigs. Ich verzichte auf Honig, sehe aber die große Notwendigkeit, dass sich liebevolle und fürsorgliche Imker um diese wundervollen Tiere kümmern, deren Dienst als Bestäuber von existenzieller Bedeutung ist. Dafür braucht es aber anscheinend den Handel mit Honig und somit stellt dieses Produkt auch für mich eine herausfordernde Frage dar.

Ist also vegane Ernährung sowieso nur eine Utopie? Und soll deshalb doch jeder einfach machen, was er will und wie es ihm schmeckt? Das sind nun allerdings Denkweisen, die heute in der gemeinsamen Verantwortung um unsere Erde und unsere Lebensgrundlage absolut nicht mehr gelten können, wenn man etwa daran denkt, dass täglich irgendwo auf der Welt der Regenwald weiter (brand-)gerodet wird um Anbauflächen für Futtersoja zu gewinnen, dass wir Unmengen von Getreide an Rinder und Schweine verfüttern, während immer noch Menschen an Hunger sterben, dass wir uns an mit großem Flüssigkeitsaufwand produzierter Milch laben, während es anderswo nicht mal sauberes Trinkwasser gibt. Und schließlich ist Nutztierhaltung inzwischen für mehr als die Hälfte der Klimagase verantwortlich.

Anhand dieser angedeuteten Komplexität wird deutlich, um was es hauptsächlich geht. Nicht um eine neue Permanent-Diät, der – angeführt von Brad Pitt – halb Hollywood bereits verfallen ist, sondern um eine zeitgemäße, intelligente Ernährungs- und Lebensweise, die für das Leben und das Wohlergehen aller Wesen Verantwortung übernimmt. Die uns nicht nur alle satt, sondern auch gesund macht, die im Gleichgewicht mit den Ressourcen steht und die letztlich auch die Ethik einer bewussten und achtsamen zivilen Gesellschaft widerspiegelt. Was uns täglich auf den Teller kommt (oder auch nicht), ist eine der weitreichendsten Entscheidungen, die wir im Alltag treffen können. Nutzen wir sie – guten Appetit!

Stefan Stark ist ist Künstler, Dozent und Student an der Alanus Hochschule. In einem Beitrag für den WDR entkräftet er die fünf meistverbreiteten Vorurteile gegen Veganer.