Andreas Laudert und Philip Kovce (rechts) im Gespräch

Andreas Laudert und Philip Kovce (rechts) im Gespräch im Mendelssohn-Haus

Kurze Texte, dass wissen alle, die beruflich schreiben, sind häufig die schwersten. Fehlt der Raum, die Gedanken mäandern zu lassen, muss der Schreibende gnadenlos Wichtiges von Unwichtigem trennen und für Ersteres präzise Worte finden. Aphorismen sind die Königsdisziplin der kurzen Form – zugespitzte Gedanken in verdichteter Sprache mit Aha-Effekt. „Donnerwetterleuchten“ oder „Wortspielgefährten“ nennt sie der junge Autor Philip Kovce, Jahrgang 1986. In einem Gespräch mit dem Autor Andreas Laudert stellte der Rising Star der anthroposophischen Publizisten bei einem Buchmessen-Abend des Futurum Verlags (Basel) in Leipzig seinen kürzlich erschienenen Aphorismen-Band Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall vor. Die Zuhörerschaft war handverlesen – das ist die Crux des überbordenden Angebots während der Messe –, doch das machte nichts: Im Musikzimmer des Mendelssohn-Hauses entstand in kürzester Zeit und mit reger Publikumsbeteiligung eine fruchtbare, geradezu private Salon-Atmosphäre.

Es gibt ja diese Aphorismen zum Niederknien, bei denen wir die Meisterschaft ihrer Urheber einfach neidlos anerkennen müssen. Andererseits gibt es ein weit verbreitetes Ressentiment: Manchmal drängt sich der Verdacht auf, der Aphoristiker schreibe in einem Zustand der Selbstverliebtheit. „Kill your darlings!“, so lautet eine alte Texter-Regel. Doch wenn der Text lediglich aus einem oder zwei Sätzen besteht, deren Wirkung zudem von der Verknappung abhängt, ist das ein noch schwierigeres Unterfangen als sonst schon. Kein Wunder also, dass stets die Gefahr allzu geschliffener Pointen, selbstzufrieden wirkender Wortspiele oder effektheischender Konstruktionen droht.

An diesem Abend nun wurden nach einem Zufallsprinzip einzelne Aphorismen ausgewählt, vorgelesen und im anschließenden Gespräch zwischen Laudert und Kovce, aber auch durch zahlreiche Beiträge aus dem Publikum bewegt und kommentiert. Ist es überhaupt angemessen, sich auf diese Weise einem Aphorismus zu nähern? Darf man ihn so auseinandernehmen – oder ist es so, dass er entweder „funktioniert“ oder eben nicht? Obwohl solche Fragen durchaus im Raum standen, hatten alle Beteiligten doch eine spürbare Freude an genau diesem Vorgehen und dem damit verbundenen Austausch. „Aphoristiker schlagen sich eindeutig auf die Seite der Mehrdeutigkeit“, schreibt Kovce. Unter den in seinem Buch versammelten Textperlen finden sich in dritter Person erzählte Mini-Geschichten ebenso wie Verfremdungen oder Fortführungen bekannter Sprichwörter oder auch philosophisch-literarische Wortspiele. „Nicht jeder große Wurf ist auch ein großer Fang“, gibt der Autor dort selbst zu bedenken. Dass nicht jeder Aphorismus im Plenum gleichermaßen überzeugte, dass sich die Geister durchaus manches Mal schieden – geschenkt! Die heitere Stimmung des intellektuellen Austauschs beflügelte diesen Leipziger Abend und kann sich gewiss ebenso den hoffentlich zahlreichen Leserinnen und Lesern des Buches mitteilen: eine Einladung, hinter die Worte zu schauen und sich am Funkeln des Geistes zu erfreuen.

 

Cover_Kovce

 

Philip Kovce:
Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall
Futurum Verlag 2015, 124 Seiten, Hardcover, 14,95 €