Als langjähriger Begleiter, Sympathisant und nicht zuletzt Kunde will man es immer noch nicht ganz glauben: Da soll ein ökologisch und sozial vorbildliches Unternehmen wie hessnatur, einst aus anthroposophischen Wurzeln hervorgegangen und heute als Pionier in Sachen Nachhaltigkeit anerkannt, den kapitalistischen Weg allen Fleisches gehen und nach Heuschreckenart an einen Investor verscherbelt werden. Und der macht erst gar keinen Hehl daraus, dass er das Unternehmen – das unter Geschäftsführer Wolf Lüdge die besten Ergebnisse seit seinem Bestehen einfuhr – rationalisieren und nach einigen Jahren mit dem dadurch entstandenen Gewinn wieder verkaufen will.

Die Tatsache, dass sich die MitarbeiterInnen von hessnatur gegen dieses Schicksal trotz bereits erfolgter Verkaufszusage wehren, ist daher aller Solidarität wert. Man fühlt sich dabei ein wenig an Asterix und Obelix und ihren Mut erinnert: „Wir befinden uns im Jahre 50 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ Wir befinden uns im Jahr 2012, doch was sich derzeit im hessischen Butzbach, dem Unternehmenssitz von hessnatur, abspielt, erinnert ein bisschen an die unbeugsamen Gallier: Auch nachdem am vergangenen Freitag der Schweizer Finanzinvestor Capvis als neuer Eigentümer des Ökotextil-Versenders präsentiert wurde, halten MitarbeiterInnen und KundInnen von hessnatur an ihrer Idee einer Genossenschafts-Lösung fest.

Als die Aktivisten um den hessnatur-Betriebsrat Walter Strasheim-Weitz Anfang 2011 mit der Gründung der Mitarbeiter-Genossenschaft hnGeno an die Öffentlichkeit traten, fanden sich schnell zahlreiche Unterstützer. Die Option, hessnatur dem Zugriff des Kapitals zu entziehen und in eine Mitarbeiter-geführte Firma zuverwandeln, steht immer noch. Wäre es nicht tatsächlich stimmig, wenn das 1976 von Heinz Hess gegründete Pionier-Unternehmen mit einer solchen Genossenschafts-Lösung wiederum Vorreiter für einen Wandel im Wirtschaftsleben würde?

Bewundernswert ist jedenfalls, mit welcher offenbar ungebrochenen Energie die Kämpfer für ein unabhängiges Unternehmen den Verkauf anfechten und weiterhin nach alternativen Lösungen streben. In einem offenen Brief an Capvis drücken die hessnatur-Mitarbeiter ihre „große Sorge“ darüber aus, dass ein auf Gewinnmaximierung ausgerichteter Investor dem Unternehmen von Schaden sein wird: „Unsere Kunden bringen bisher ein außerordentliches Maß an Interesse für den hessnatur-Markenkern und unsere Unternehmenswerte auf“, heißt es im Schreiben der Belegschaft. „Zweifel an dessen Erhalt, wie sie durch die Eigentümerschaft eines allein renditeorientierten Private Equity-Unternehmens entstünden, würden zu Kundenverlusten, massiven Umsatzeinbrüchen und damit mittelfristig nicht nur zu einer Gefährdung unseres Unternehmens sondern auch Ihrer Gewinnerwirtschaftungsmöglichkeiten führen.“

Eine dauerhafte Lösung ist mit Capvis ohnehin nicht in Sicht: Das Unternehmen macht nach Aussagen eines Sprechers in der taz „keinen Hehl daraus“, dass hessnatur „irgendwann“ weiterverkauft werden soll – das ist nun mal das Geschäft einer solchen Beteiligungsgesellschaft. Es bleibt also noch weiter spannend: Ob die Bitte der hessnatur-Belegschaft, dem „einzigartigen Markenkern, Mitarbeitern und Kunden Respekt zu zollen und vom Kauf von hessnatur zurückzutreten“, Gehör finden wird?

„Werde ein Mensch mit Initiative!“, heißt es bei Rudolf Steiner. Da ein Zaubertrank zur Unterstützung der rebellischen Butzbacher nicht in Sicht ist, sind sie auf andere Hilfe angewiesen: Viele tatkräftige Unterstützer haben sich bereits in den letzten Tagen auf dem Online-Portal www.wir-sind-die-konsumenten.de geäußert, auch auf der Website des Instituts für soziale Dreigliederung gibt es kreative Anregungen. Also, da geht sollte doch noch was gehen, beim Teutates! Wir drücken die Daumen!