Aquarell von Hendrik Vögler

Aquarell von Hendrik Vögler

Über unseren Info3-Autor Dr. med. Frank Meyer hatte ich im Sommer 2013 erfahren, dass der anthroposophische Arzt Dr. med. Hendrik Vögler an einem Buch zum Thema Meditation arbeitete, was mich sofort interessierte. Ich kannte Hendrik Vögler als Autor unserer Zeitschrift Info3 und auch von wenigen, weiter zurückliegenden persönlichen Begegnungen her. Auf meine Anfrage bezüglich seines Buch-Vorhabens antwortete er mit einiger Verzögerung, die er mit gesundheitlichen Problemen erklärte. Wie ernst diese waren, ahnte ich damals freilich nicht.

Jedenfalls erhielt ich einige Monate später von ihm per Email einen ersten Text, dem dann kapitelweise weitere folgten. Es befand sich allerdings das alles noch so sehr in einem Rohstadium, dass für mich zunächst eine Buchveröffentlichung weit entfernt schien. Da auch der Autor selbst ankündigte, das vorhandene Material noch einmal gründlich überarbeiten zu wollen, hielt ich mich erst einmal mit meinem Lektorat zurück. In der Adventszeit 2014 schickte mir Hendrik Vögler dann vier kurze Kapitel. Ein spannender Ansatz wurde darin sichtbar: Der Autor hatte von Jugend an meditiert, war zunächst mit östlichen Praktiken in Berührung gekommen und wurde später mit der Anthroposophie vertraut. Der Versuch einer Synthese von Ost und West lag ihm am Herzen. Beeindruckend war für mich, dass er dabei nicht von vorausgesetzten Schemata ausging, sondern die unterschiedlichen Erfahrungen sprechen ließ, wie ein Phänomenologe des Innern. In den Mittelpunkt seines Buches stellte er eine meditative Übung, die er im Aufgreifen von Anregungen Rudolf Steiners eigenständig entwickelt und gemeinsam mit den Teilnehmenden seiner Kurse erprobt hatte.

Gelassenheit

Bei der Lektüre stieß ich aber auch auf ein Problem. Der Autor hatte über viele Jahre in seiner Arztpraxis ganz konkret Meditationskurse unter dem Titel „Sinn und Sein“ durchgeführt und konnte sich somit vielfach auf seine reichen Erfahrungen im Anleiten von Meditation beziehen. Was auf der einen Seite seinen Ausführungen zweifellos eine besondere Wirkung verlieh, hatte auf der anderen Seite den Nachteil, dass eine Fokussierung auf bereits stattgefundene Erfahrungen für neu Interessierte eher den Eindruck eines abgeschlossenen Prozesses machen würde. Als Lektor schien mir das Potenzial dieser Erfahrungen aber weit besser zu erschließen, wenn es nicht wie in einem Forschungsbericht über Vergangenes, sondern mehr wie in einem Anleitungsbuch erzählt werden würde. „Ich wollte vermeiden, dass der Eindruck entsteht, dass es sich bei dem Text um Absichtserklärungen handelt. Stattdessen um Erfahrungen,“ schrieb mir Hendrik Vögler. Er könne aber gut mitmachen bei meiner Idee, dass die Leser des Buches mehr als Teilnehmende eines aktuellen Kurses angesprochen werden sollten. Er stimmte meinem Vorschlag zu, das Manuskript im angedeuteten Sinne zu bearbeiten, selbstverständlich ohne den Inhalt zu verändern. Zu Weihnachten 2014 war es allerdings noch offen, ob der Autor selbst diese Umarbeitung vornehmen würde. Wir waren so verblieben, dass wir diese und andere Fragen bei einem persönlichen Treffen in Dortmund klären wollten. Unsere Begegnung sollte nach seiner Rückkehr von Lanzarote Anfang Februar 2015 stattfinden, wo er sich von den Folgen seiner Krebsbehandlung erholen wollte.

Zu unserem Treffen sollte es nicht mehr kommen. Stattdessen übermittelten mir am 10. Februar 2015 seine Angehörigen die Nachricht seines Todes vom selben Tag.

Zuversicht

Ich war vollkommen überrascht, weil ich zwar von seiner schweren Erkrankung gewusst, das fortgeschrittene Stadium seines Leidens aus der Distanz aber vollkommen unterschätzt hatte. In meine Trauer mischten sich Vorwürfe, nicht schon viel früher ein persönliches Treffen organisiert zu haben. Nun blieben mir seine Frau Anke von Meding und zwei seiner Söhne als Ansprechpartner. Als ich der Familie zu ihrem Verlust kondolierte, schrieb mir Anke von Meding zurück: „Es war sein vordringlichster Wunsch, das Skript für sein Buch noch fertigzustellen und er erzählte uns von dem Vorhaben, sich im Februar an die Änderungen zu machen mit Ihrer Unterstützung. Er war in den letzten Wochen so müde, dass er es sich selbst nicht zutraute. In den Tagen seit seinem Tode und den zahllosen Gesprächen über sein ‚Lebenswerk’ hat sich für uns Angehörige der ganz große Wunsch herauskristallisiert, dass wir Sorge tragen und unser Möglichstes beitragen wollen dazu, dass sein Vermächtnis veröffentlicht wird.“

Den für mich so überraschenden Tod Hendrik Vöglers und auch diesen deutlichen Wunsch der Familie verstand ich als klaren Aufruf an mich. Es stand für mich für keinen Moment in Zweifel, das Buch im Sinne seines Autors herauszubringen. Die wesentlichen Richtlinien dazu hatte ich ja noch mit ihm besprechen können, er selbst hatte noch eines der Kapitel in der von mir bearbeiteten Weise angesehen und für gut befunden – und doch wurde es eine sehr besondere Aufgabe für mich, die verbliebenen Teile seines Manuskripts so zu bearbeiten, dass ich wusste: er wird diese letzte Fassung mit ihren Änderungen, Umformulieren und Kürzungen nicht mehr autorisieren können. Die Arbeit am Text wurde für mich zu einem besonderen Zwiegespräch mit dem Autor, den ich innerlich ständig auf sein Einverständnis hin befragte.

Die Familie war in den Prozess der Fertigstellung einbezogen: Bei einem Gespräch in Hendrik Vöglers Arbeitszimmer, das noch ganz von seiner Präsenz erfüllt wirkte, kam die Idee auf, ehemalige Teilnehmer seines Kurses „Sinn und Sein“ um kurze Erfahrungsberichte zu bitten, die wir in den Anhang des Buches aufnehmen wollten. Aus einer nachgelassenen Mappe kamen schlichte, zarte Aquarelle des Autors zum Vorschein, die wir uns gut bei der grafischen Gestaltung des Buches denken konnten. Im Verlag waren wir uns schnell einig, dass die äußere Form dieses Buches ganz dem Inhalt entsprechen sollte: ein schlankes, aufrechtes Format in Klappenbroschur, das schon beim Anfassen eine intime Atmosphäre vermittelt. Als dann noch die anthroposophischen Ärzte-Freunde von Hendrik Vögler, Dr. Thomas Breitkreuz und Dr. Georg Soldner, ein Vorwort beisteuerten, war der Rahmen für dieses kleine Werk perfekt.

Hendrik Vögler letzte Aufnahme farbig

Das letzte Foto von Hendrik Vögler, kurz vor seinem Tod aufgenommen in Lanzarote.         (Aufnahme: Lukas Vögler)

Am 16. Oktober 2015, rund acht Monate nach dem Tod des Autors, konnte in der Herdecker Bücherstube (mit ihr verband Hendrik Vögler eine lange Beziehung) das gerade erschienene Buch einem großen Kreis von Angehörigen, Freunden und ehemaligen Patienten vorgestellt werden. Anke von Meding und Thomas Breitkreuz sprachen Worte des warmherzigsten und lebendigsten Gedenkens, und der Sohn Nils-Christopher sang zur Gitarre Kompositionen seines Vaters. Für mich als Lektor und Verleger war es ein tief befriedigender Moment, gemeinsam mit den Anwesenden das deutliche Gefühl teilen zu können, dass dieses Buch in der Welt eine Spur hinterlassen wird.

 

Sinn und Sein

 

 

 

Hendrik Vögler: Sinn und Sein meditieren. Eine Skizze

Mit einem Geleitwort von Georg Soldner und Thomas Breitkreuz

112 Seiten, Klappenbroschur, Info3 Verlag 2015, € 12,-.

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