Otto Scharmer Foto: AMA

Otto Scharmers „Theorie U“, die sich im Untertitel darauf beruft, „von der Zukunft her zu führen“, verlangt ihren Anwendern den Weg des U zur Regeneration eines neuen Selbst ab. Und das ist nicht ohne den Tod des alten Selbst am Umkehrpunkt zu haben. Erst danach lassen wir von dem immer Gleichen, dem „Downloading“, wie es Otto Scharmer nennt, und können neues Denken hervorbringen. Diese „Theorie U“ machte ihren deutschen Erfinder am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) trotz solcher Maximalforderungen zum weltweiten Berater von

Heute spitzen sich weltweit die gesellschaftlichen, ja planetarischen Krisen zu. Wie organisieren wir die Wirtschaft, wie entwickeln wir die Demokratie weiter? Wie ist die aktuelle Krise zu beschreiben? So, dass wir in einem Zeitalter leben der „Nach-Wahrheit“ (Post-Thruth), der „Nach-Demokratie“ (Post-Democracy) und dem „Nach-Planet“ (Post-Planet), erklärte Scharmer in seinem Webinar. Die „Nach-Wahrheit“ sei gefangen in einer digitalen Echo-Kammer. Wir finden nicht mehr heraus aus unserer digitalen Blase. Die „Nach-Demokratie“ sei zusammengesetzt aus Gesellschaften, die sich ihrer Bindungen entledigen und andere beschuldigen, wie es die USA tut. Der „Nach-Planet“ zeichne sich dünkelhaft durch lauter gekappte Verbindungen aus. Man könne in beinahe keinen Kinofilm mehr gehen, meint Scharmer, der nicht düsterste Szenarien über die nahe Zukunft der Erde entwirft.

Im Buch werden Möglichkeiten zur Ausrichtung der Reise vom „Ego zum Eco“, auf der wir uns befinden, visualisiert, um den Krisenpunkt zu überwinden: einerseits durch Zurückblicken auf ein Früher, als alles noch so viel besser schien. Das erzeuge verstockte Bestrebungen und Angst, verschlossene Herzen und Hass, einen blockierten Geist und Ignoranz. Denn von allem benötigen wir das Gegenteil: Wir brauchen offenen Geist und damit Neugier, ein geöffnetes Herz und darin Mitleid und einen freien Willen, den wir auch als Mut bezeichnen können.

Die Hauptelemente der „Theorie U“ sind: erstens eine Struktur, um den blinden Fleck in Führung und Systemwandel sichtbar zu machen; zweitens eine Methode, den auf Aufmerksamkeit beruhenden Wandel zu implementieren – im Prozess, in den Prinzipien und in der Praxis – sowie drittens ein neues Narrativ für den evolutionären gesellschaftlichen Wandel, der sämtliche unserer mentalen und institutionalen Betriebssysteme updated.

Dies behandelt in erfrischter Sichtweise der vorliegende Band, indem er auf das Motto „Wunder versus Downloadmuster“ referiert und rät, uns mit den Orten höchster Potenzialität zu verbinden (Co-sensing), da in ihnen die Samen der Zukunft in die Welt kommen, oder anregt, „Landebahnen“ für zukünftige Projekte zu errichten, die den Impuls in sich tragen, sich beinahe wie von selbst zu entfalten (Co-creating).

Mit dieser neuen Veröffentlichung kommt ganz unangestrengt das Buch zur Zeitlage – eines, das mit dem bewährten Werkzeugkasten der „Theorie U“ Anstoß zur Veränderung schaffen will, indem es die notwendigen Voraussetzungen, Transparenz und Weichheit, zu erhalten sucht. Immer wieder, oft nur in winzigen Anspielungen, ist das Gegenteil davon Thema: die Politik des amerikanischen Präsidenten etwa, ohne zu vergessen, dass auch viele andere Länder eine ignorante Politik der Naturzerstörung betreiben. Wir alle befinden uns auf dem Weg der Selbstzerstörung, da wir mehr verbrauchen, als auf unserem Planeten nachwachsen kann.

Dazu herrschen nun auch noch Fake News und Lüge. Wobei wir wissen, dass die Wahrheit sich durchsetzen wird. Doch die Frage ist, wann sie es tut. Wie viele unserer zivilisatorischen Errungenschaften erst wieder geopfert werden müssen, damit der Raum für Besinnung sich öffnen kann?

Auf eine weitere Hoffnung spielt Scharmer an: Dass wir in einer Bewusstseinsentwicklung stehen, die nicht mehr einfach rückgängig gemacht werden kann. Das Vermessende der Verstandesseele, mit dem der gewöhnliche Kapitalismus seine Deals auf den Weg bringt, ist in seiner Verhärtung am Ende.

Dazu zitiert Scharmer in einem kürzlich veröffentlichten Artikel in der „Huffington Post“ Robert Kennedy kurz vor dessen Ermordung vor 50 Jahren. Kennedy spricht über den Fehler, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als ausschließlichen Erfolgsmaßstab zu nutzen: „Es misst weder unseren Verstand noch unseren Mut, weder unsere Weisheit noch unsere Bildung, weder unser Mitgefühl noch unsere Liebe zu unserem Land. Kurz: Es misst alles, nur nicht das, was unser Leben lebenswert macht.“

Wie wir das Lebenswerte systematisch einbeziehen, ja es feiern, davon handelt die Arbeit Otto Scharmers. ///

Ein Text aus der Juni-Ausgabe der Zeitschrift Info3. Hier kaufen.