Neudeck

Sein Name steht für einen unbeugsamen Helferwillen: Rupert Neudeck, der in den 70er und 80er Jahren mit der Cap Anamur Tausende vietnamesische Flüchtlinge rettete, ist seither fast immer vor Ort, wo es zivilen Opfern zu helfen gilt: in Asien, Afrika, Kosovo, Afghanistan, Irak, und eben jetzt in Syrien. Als vor genau einem Jahr die Rebellen erste Gebiete im Norden Syriens erobern, reist Neudeck auf eigenes Risiko in das Grenzgebiet zur Türkei, um dort Einsatzmöglichkeiten für seine humanitären „Grünhelme“ zu sondieren. Mit einer „Hosentasche voll Bargeld“ beginnt unser inzwischen 74 Jahre zählender Haudegen sofort nach seiner Ankunft in der befreiten Staat Azaz, den Wiederaufbau eines zerstörten Krankenhauses zu organisieren. Er verbringt Bombennächte zusammen mit Helfern und Soldaten der Freien Syrischen Armee und erlebt in nächtlichen Diskussionen mit den Aufständischen, dass „Rauchen offenbar zur Revolution gehört“.

Ganz klar ergreift Neudeck Partei für die Gegner Assads, vor allem aber für die notleidende Zivilbevölkerung. Eine einfache Gleichsetzung der Konfliktparteien, wie sie in westlichen Medien oft stattfindet, kann Neudeck „nicht billigen“: Denn nur eine Seite „besitzt all die schweren Waffen, Panzer, Flugzeuge, Raketen und Bomben“ – Nervengas, wäre inzwischen noch zu ergänzen – und macht auch skrupellos Gebrauch davon.

Zerstrittene Opposition

Das Buch mit seinen unzähligen persönlichen Begegnungen, mit mutigen Ärzten vor Ort, den Beschreibungen der syrischen Schmuggelökonomie und vielen erschütternden Einzelschicksalen ist spannend zu lesen wie ein Roman. Und wie nebenbei klärt sich bei der Lektüre immer wieder ein wenig das verworrene Bild der unterschiedlichsten Parteien in diesem Krieg, deren Einflüssen Neudeck aus der Nahperspektive begegnet: die Türkei, die Kurden, Katar, saudische Organisationen, Christen, Alawiten, Sunniten, Schiiten, Hisbollah-Kämpfer, Dschihadisten – sie alle sind konkret involviert, während aus der Distanz Russland, Iran und die USA ihre Fäden im Spiel halten. Nach anfänglichen Hoffnungen auf einen schnellen Sturz von Assad beginnt sich Anfang 2013 das Blatt zu wenden. Die syrische Opposition ist zerstritten, sie scheitert, wie Neudeck bedauernd feststellt, an der Organisation eines einheitlichen Oberkommandos, Schießereien der Rebellen untereinander häufen sich. Schon gewinnt im Lande die Angst vor Assad wieder Überhand, vielleicht sei er doch der einzige, der die ausufernde Gewalt der Syrer untereinander bändigen könne. Die wachsende Chaotisierung auch der aufständischen Seite lässt sich im Tagebuch von Woche zu Woche mitverfolgen, bis hin zu grässlichen Gewaltorgien, auch auf der Rebellenseite. Neudecks Kritik gilt aber vor allem der Zögerlichkeit des Westens, der durch die Verweigerung jeglicher Hilfe die Rebellion mehr und mehr in die Arme von Radikalen treibt und die Syrer zum „verlassensten Volk der Erde“ macht. Jetzt kommen „Busladungen ausländischer Gotteskrieger ins Land, die Spirale der Gewalt dreht sich immer schneller“, notiert Neudeck Ende März. „Die Bewegung zerfasert nicht nur, sie radikalisiert und brutalisiert sich auch“, heißt es später.

„Sind wir alle Waschlappen?“

Obwohl Azaz und andere Orte in der Nähe zur türkischen Grenze nicht zu den am heftigsten umkämpften Gebieten gehören, ist es schlicht unglaublich, welches Risiko Neudeck und seine Freunde auf sich nehmen. Dass sie dies ohne jeden offiziellen Auftrag aus eigenem Antrieb tun, können auch die Menschen vor Ort oft nicht glauben. Aus was für einem Holz ist dieser Rupert Neudeck geschnitzt, der in seinem Tagebuch fragt: „Warum macht sich 2012 nicht das junge Europa auf den Weg nach Syrien, wie es das 1936 nach Spanien tat, um dort den Faschismus zu bekämpfen? (…) in Zeiten von Facebook und Billigflügen müsste das alles viel leichter sein als zu Zeiten von George Orwell und Willy Brandt. Sind wir alle Waschlappen geworden?“ Auch organisierte humanitäre Hilfe bleibt aus: „Die großen UN-Organisationen und das Internationale Rote Kreuz sucht man hier vergebens“, bemängelt Neudeck. Stattdessen punkten radikale islamische Organisationen mit Unterstützung, die der Westen hier aus Sicherheitsgründen nicht zu geben wagt.

Im Bann der Dschihadisten

Das hat jedoch verständliche Gründe und auch die Grünhelme wurden wegen ihrer  Waghalsigkeit vom Roten Kreuz und in den Medien kritisiert. Böse Erfahrungen der Grünhelm-Mitarbeiter mit – deutschsprachigen! – Dschihadisten, die ihnen in ihrem Krankenhaus drohten, Ungläubige seien hier nicht erwünscht, führen schließlich auch bei den Grünhelmen zur Einsicht, dass ein „geordneter Rückzugs“ aus Syrien angesagt ist. Der aber kommt zu spät, denn Mitte Mai werden drei der engsten Mitarbeiter Neudecks, die gerade einen Kindergarten aufbauen, entführt. Wochenlang gibt es keine einzige Spur, kein Lebenszeichen von den Freunden. Unklar bleibt, ob es radikale Islamisten oder Kriminelle oder beides sind, die hinter der Entführung stehen. Sehr wahrscheinlich sind deutschstämmige Extremisten beteiligt. Schließlich können sich zwei der Entführten in einem unbeobachteten Moment selbst befreien und in die Türkei fliehen. Der dritte Entführte wird erst nach Abschluss des Tagebuchs freikommen – auch er verdankt sein Leben nur einer Nachlässigkeit seiner Entführer.

„Diese Entführung war für mich persönlich das Schlimmste, was ich in 34 Jahren humanitärer Arbeit erlebt habe“, sagt Neudeck, der unter diesem Eindruck zum ersten Mal seinen humanitären Ansatz komplett in Frage stellt. Dass auch seine eigene Arbeit der – nicht zuletzt religiösen – Radikalisierung zum Opfer fallen soll, damit kann und will sich der ebenso konsequente wie tolerante Christ Neudeck nicht abfinden. Die Grünhelme werden ihre Arbeit zunächst im Bereich der Flüchtlingslager auf der türkischen Seite fortsetzen. Ob sie je wieder auf syrischem Boden aktiv werden, steht in den Sternen.

Neudeck Syrienbuch

Rupert Neudeck: Es gibt ein Leben nach Assad. Syrisches Tagebuch. Verlag C.H. Beck, München , September 2013, 192 Seiten mit Abbildungen und Karten,  €14,95.