Russland, die Ukraine und wir

„Es ist real – sehr real sogar“

Die Ukraine befindet sich – auch wenn das bislang kaum jemand schreiben will – im Kriegszustand mit Russland. Der Slawist Lars Kascha reist derzeit durch Osteuropa, hat gerade den Kiewer Maidan besucht und für Info3 die aktuelle Stimmung dort eingefangen.

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Maidan, Kyiv, Juli 2014 – © Lars Kascha / Info3-Verlag 2014

Ich bin eigentlich gar nicht nach Kiew gefahren, um darüber zu schreiben. Urlaub sollte es sein. Ich dachte mir, die Ukraine könnte Touristen in der gegebenen Situation ganz gut gebrauchen und außerdem wollte ich mein Russisch pflegen und nach Russland selbst zieht es mich derzeit einfach nicht.

Apropos „Russisch pflegen“: die Sprache ist in Kiew allgegenwärtig und ausnahmslos alle, mit denen ich gesprochen habe, ob alt oder jung, Mann oder Frau, russisch- oder ukrainischsprachig und durch alle sozialen Schichten hindurch, haben mir eines versichert: Der von Russland hochstilisierte Sprachenkonflikt besteht nur in Putins Phantasie. Sollte er selbst überhaupt tatsächlich daran glauben.

Am Tag nach meiner Ankunft war ich auf dem Maidan. Die Zelte der Demonstranten stehen noch dort und auch viele der Barrikaden. An einigen der Zelte kann man sich für Freiwilligenbataillone einschreiben oder Briefe an die Front schicken. In anderen haben sich Flüchtlinge aus dem Osten des Landes versammelt. An vielen Wänden lehnen die provisorischen Schilde, hinter denen die Kämpfer in den Tagen der Gewalt Schutz suchten. Überall stehen Spendenboxen. Ein junger Mann drückt mir einen Zettel in die Hand, auf dem um Sachspenden wie Zucker, Kaffee und Zigaretten für das Bataillon „Aidar“ gebeten wird. Der Platz sieht aus wie die Kulisse für einen Endzeitfilm mit beschränktem Budget. Alles wirkt unglaublich surreal, aber das ist es nicht. Es ist real – sehr real sogar. All die kleinen Gedenkstätten für jene, die hier für ihre Freiheit starben, rufen mir das auf bedrückende Weise immer wieder ins Bewusstsein. Ich kann nur erahnen, was hier wirklich alles vorgefallen ist und wie es sich angefühlt hat, dabei gewesen zu sein.

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„Es ist wichtig, dass der Maidan vorerst noch besetzt bleibt. Denn so lange hat die Bewegung auch noch Einfluss.“ – © Lars Kascha / Info3-Verlag 2014

Es ist schwer, den Maidan nach dem ersten Besuch frohen Mutes zu verlassen. Er macht sehr nachdenklich. Zu Hause stelle ich fest, dass kein Foto die Atmosphäre auf dem Platz auch nur im Ansatz wiedergeben kann. Dann kommt die Anfrage von Info3, ob ich nicht einige O-Töne einsammeln und einen Bericht schreiben will. Ich sage, ich denke drüber nach. Am Folgetag erkunde ich andere Ecken des durchaus ansehnlichen Kiew. Den Tag darauf schlendere ich durch das Regierungsviertel und überlege, ob ich Richtung Maidan gehen und den Auftrag annehmen soll. Neben dem Parlament ist eine Kundgebung. Rund hundert Leute haben sich dort versammelt und einige von ihnen tragen Fahnen mit dem Logo „5.10“. Sie lauschen Genadij Balashov, einem Internetunternehmer, Fernsehmoderator, Buchautor und jetzt auch Politiker, der – auf Russisch – von seinem Idol, der libertären Ikone Ayn Rand, erzählt und für ein radikal vereinfachtes Steuerrecht wirbt. „5.10 “ ist ganz offenbar Name seiner Partei und verweist auf die Höhe der einzigen beiden Steuerätze, die es in seiner Ukraine noch geben soll.

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Noch immer finden sich auf dem Maidan die Barrikaden aus dem blutigen Frühjahr. – © Lars Kascha / Info3-Verlag 2014

Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich bereits entschieden, diesen Artikel zu schreiben und bin auf der Suche nach Stift und Schreibblock. Am Rande der Veranstaltung werde ich fündig. Ein junger Mann verkauft dort ebendieses in den Farben der Partei. Sein Name ist Aljaksandr Matwiets. Wir kommen ins Gespräch. Erst über die Partei, dann über Politik im Allgemeinen. Ich frage ihn, ob er auf dem Maidan dabei war. „Ja,“ antwortet er „im Dezember und Januar“. Die Kundgebung geht derweil zu Ende und Aljaksandr bietet mir an, mich zum Maidan zu begleiten und mir über seine Erlebnisse zu berichten. Auf dem Maidan zeigt Aljaksandr mir, wo er mitgeholfen hat, die Barrikaden zu sichern, wo er seinen Plastikhelm bekommen hat und er erzählt mir, dass sie den Räumungsangriff der Polizei sooft geübt hätten, dass er den tatsächlichen Alarm für einen Probealarm hielt. Als er die Berkut dann kommen sah, hätten ihm das erste Mal in seinem Leben die Knie geschlottert. Aber die Angst habe mit jedem Tag nachgelassen. All das berichtet Aljaksandr mit einer gewissen Verwunderung darüber, dass all dies geschehen ist und dass er selbst mitten drin war. Eines wird dabei sehr deutlich: Der schmächtige, höfliche junge Mann, mit dem ich es hier zu tun habe, ist kein Berufsrevolutionär, der das Abenteuer suchte, sondern ein gewöhnlicher 30-Jähriger, der die Notwendigkeit sah, sich an diesem Punkt zu engagieren.

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Aljaksandr Matwiets – © Lars Kascha / Info3-Verlag 2014

Aljaksandr zeigt mir auch, wo die ersten Menschen starben, im Januar, vor dem Stadioneingang von Dinamo Kiew, in der Straße, die zum Parlament führt. Die Demonstranten hatten damals angekündigt vor das Parlament zu ziehen und vor dem Stadioneingang kam es dann zu Zusammenstößen mit der Polizei. Damals war Aljaksandr noch dabei, aber als die Gewalt immer mehr wurde und auch unter den Demonstranten einige übertrieben, ist er gegangen. „Drei Nächte hintereinander Molotow-Cocktails und Feuerwerksraketen auf die Polizei zu werfen und zu schießen, war nicht notwendig. Da ist es mit einigen durchgegangen“, erzählt er mir. Alles Weitere hat er dann im Internet verfolgt.

Was denkt er über jene, die geblieben sind, als die Gefahr immer größer wurde, die gekämpft haben und auch gestorben sind? „Man kann nur sagen, das waren schlicht und einfach Helden. Die sind mit Holzschildern in Kugeln gerannt.“ – „Vielleicht hätte sie jemand zurückrufen sollen“, fügt er nachdenklich an. Er weiß es nicht. Ich frage ihn, was er über die damaligen Oppositionspolitiker denkt und ob er mit der Entwicklung seitdem zufrieden ist. Über die so genannte organisierte Opposition hat er nichts Gutes zu sagen: „Die haben uns nicht vertreten! Als es gefährlich war, wollten sie keine Verantwortung übernehmen und später haben sie die Posten unter sich aufgeteilt.“

Aljaksandr ist sehr skeptisch, denn bisher habe sich noch nicht viel getan. Es seien neue Gesichter, aber das alte System. Deshalb sei es auch wichtig, dass der Maidan nach wie vor besetzt bleibe, denn so lange habe die Bewegung auch noch Einfluss. So, hofft er, kommt niemand, der jetzt an der Macht ist, auf die Idee in alte Muster zu verfallen.

Einer, der den Maidan nach wie vor besetzt hält, ist Denis Kowal, genannt „Bison“. Er sitzt vor einem Zelt auf dem Maidan und registriert, soweit ich das erkennen kann, Freiwillige für die Front. Als ich ihm erzähle, dass ich aus Deutschland komme und einen Artikel schreiben will, wird das allerdings zur internen Stabsangelegenheit erklärt und weitere Auskünfte kann er mir nicht geben. Ansonsten ist Bison aber sehr freundlich und redselig. Er ist ein Veteran des Maidan und seit Anbeginn am 28.11.2013 dabei. Sein Einsatz hat Spuren hinterlassen. Denis ist deutlich versehrt. Er spricht abgehackt und seine linke Hand zittert unentwegt. Zum Gehen braucht er einen Stock. Er hustet oft. Das komme vom Gas, sagt er. Auch er ist 30 Jahre alt.

Denis "Bison" Kowal

Denis „Bison“ Kowal – © Lars Kascha / Info3-Verlag 2014

Seine erste Verletzung habe er schon im Dezember davongetragen, berichtet er mir. Er wurde mit Schlagstöcken verprügelt, ins Bein geschossen, mit Gas attackiert und eine Granate habe ihn am Kopf getroffen. Dabei hat er sich eine Gehirnerschütterung zugezogen, seinen Kiefer gebrochen und Zähne verloren. Jetzt müssten die Wunden heilen und dann gehe es wieder in die Schlacht. „Ohne Kampf kein Sieg“, sagt er. Er habe schon früher für die Ukraine im Ausland gekämpft und eigentlich wollte er zu Hause den Frieden finden. Aber wenn das Vaterland ruft, dann kann er nicht weghören, dann muss er ran.

Denis ist Soldat durch und durch und als solcher hasst er den Krieg. Er kämpft nicht, weil er es genießt, sondern weil er fühlt, dass es getan werden muss. Das wird sehr deutlich, wenn man ihn danach fragt, ob er mit den Ergebnissen des Maidans zufrieden ist. Für einen kurzen Moment sieht man Stolz und Freude in seinem Gesicht, aber diese weichen schnell etwas anderem. Ja, sie hätten mehr erreicht, als sie erwartet haben, doch dann fragt er mich immer wieder „Zu welchem Preis, zu welchem Preis?“ Es ist eine rhetorische Frage und die nächste folgt sogleich: „Wer bringt mir meine Kameraden zurück?“. Er hat aber keine Rachegefühle und erklärt das mit seinem Vertrauen darauf, dass Gott diese Verbrecher schon richten werde. All die Verantwortlichen werden sich früher oder später verantworten müssen, davon ist er überzeugt.

Die Frage nach dem Warum treibt den jungen Mann sichtlich um, die Frage nach dem Wofür kann er aber umso deutlicher beantworten. Für eine bessere Zukunft haben sie gekämpft und kämpfen sie auch weiterhin, für ehrliche Richter, gerechte Preise, Gerechtigkeit im Allgemeinen und dafür, dass die Vertreter des alten Regimes zur Rechenschaft gezogen werden. Für europäische Werte ist er in die Schlacht gezogen, für eine Idee von einer besseren Ukraine, nicht für Geld. „Schreib das,“ sagt er mir. Es ist ihm wichtig.

Eine der vielen Gedenkstätten für die Maidan-Toten. - © Lars Kascha / Info3-Verlag 2014

Eine der vielen Gedenkstätten für die Maidan-Toten. – © Lars Kascha / Info3-Verlag 2014

Die Behauptung, dass der Maidan von außen finanziert worden sei, nennt er „schmerzhaft, beleidigend und demütigend“. Hass auf Russland oder Russen? Überbordender Nationalismus? Fehlanzeige. Nichts dergleichen spielt in unserem Gespräch eine Rolle. Bison sagt Dinge wie „Wir sind alle verschieden, aber eine große Familie“ und „Hier siehst du die besten Vertreter unseres Landes. Veteranen, die bereit sind zu sterben, damit andere leben können“. Vieles von dem, was er zu sagen hat, mag für den freiheits- und friedensverwöhnten Westler pathetisch, aufgesetzt oder überzogen klingen, aber Denis „Bison“ Kowal ist kein Schnacker, kein Wichtigtuer. Er trägt die Narben, innen wie außen, die beweisen, dass er genau das meint, was er sagt.

Es ist Zeit für mich zu gehen. Bison ruft mir hinterher „Wir hoffen auf euch!“ Er meint die Deutschen. Gerne würde ich ihm zum Abschied aufrichtig Zuversicht spenden, dass diese Hoffnung nicht vergebens ist, doch das kann ich nicht. Aber eines kann ich tun: Ich kann seine Geschichte weitererzählen.

 

Alle Fotos: © Lars Kascha / Info3-Verlag 2014

 

lars4Autorennotiz:

Lars Kascha, geb. 1981. Der Politologe und Slawist hat zwar einen Hintergrund im Journalismus, aber Schreibblock und Fotoapparat eigentlich schon lange an den Nagel gehängt. Für Info3 hat er jetzt beides nochmals zur Hand genommen, um zwei Aktivisten des Maidan zu porträtieren und seine Eindrücke zu dokumentieren. Derzeit arbeitet er im International Office einer Universität in der englischen Provinz.

 
 
 
 

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