Entdecker des Dreigliederungs-Prinzips: Rudolf Steiner Foto: Reitmann / Steiner Archiv

In gesellschaftlichen Fragen hatte sich Rudolf Steiner lange Zeit abstinent gehalten. Sieht man von den wenigen zaghaften und mangels Zuspruch sogar abgebrochenen Versuchen ab, wie etwa 1905/1906 seine Formulierung eines „sozialen Hauptgesetzes“ über das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen, kann man sich des Eindruck nicht erwehren, dass die soziale Frage – oder wie wir heute sagen würden: die Politik – für den Geistesforscher kein Thema war. Das änderte sich schlagartig und für viele seiner Anhänger auch, gelinde gesagt, irritierend, als Steiner sich während  und nach dem Ende des Ersten Weltkrieges für eine neue soziale Ordnung stark machte. Jetzt ging es nicht mehr um zusammenarbeitende Menschen, nicht um das Phänomen der Begegnung Einzelner, schon gar nicht um das Einüben sozialer Verhaltensweisen – sondern es ging ums soziale Ganze. Heute würden wir von Politik in einer europäischen Dimension sprechen oder – im positiven Sinne – von Globalisierung.

Kollektives Selbstbestimmungsrecht ?

Was war der Anlass, was der Ansatz für die unerwartete Kehrtwendung? Der damalige Präsident der USA hatte, anders als sein jetziger Nachfolger, eine famose Vision für den Weltfrieden – allerdings fehlte auch ihm tragischerweise jedes Verständnis für die neu zu ordnende Welt außerhalb der USA. Woodrow Wilson proklamierte das auf den ersten Blick verheißungsvolle Selbstbestimmungsrecht der Völker. Was gut klingt, oder? Seine berühmten „vierzehn Punkte“, mit denen er das Nachkriegs-Europa ordnen wollte, gingen aber an den realen Verhältnissen vorbei, wie sie in Europa, insbesondere auf dem Balkan, anzutreffen waren. Die irrwitzige Vorstellung, ein Volk könne sich durch Staatsgründung und Grenzsicherung selbst bestimmen, wäre, wenn überhaupt, nur praktikabel, wenn es sich um homogene Bevölkerungsstrukturen handelte: wenn es in jeder Region nur eine Sprache, eine Kultur, eine Religion, ein Wertesystem, sprich: eine einheitliche „Nation“ gäbe. Auch wenn der Begriff Nation (Englisch: nation) keineswegs eindeutig definiert ist ‒ in ganz Europa gibt es so etwas fast nirgends. Vielmehr leben Menschen mit unterschiedlichen Sprachen, Religionen, Kulturen etc. nebeneinander in einem Landstrich: Rumänen und Ungarn in Siebenbürgen, Serben und Albaner im Kosovo, italienisch- und deutschsprachige Menschen in Südtirol, Deutsche und Polen in Schlesien und so weiter. Jeder durch eine einzelne Bevölkerungsgruppe ausgerufene Nationalstaat schließt somit die Angehörigen anderer, ebenfalls dort ansässiger Kulturen aus, macht sie zu – meist benachteiligten – nationalen Minderheiten. Ist denn die Kultur als identitätsstiftendes Fluidum so schwach, dass sie die Staatsgewalt braucht um bestehen zu können? Wenn auch die alten Vielvölkerstaaten nicht ohne Konflikte existierten, Wilsons Jahrhundertillusion stand an der Wiege eines „modernen“ Nationalstaatsdenkens, und dieses war eine der Vorbedingungen des nächsten Weltkrieges.

Unter Präsident Woodrow Wilson traten die USA in den Ersten Weltkrieg ein

Steiner setzte ein gegliedertes Gemeinwesen dagegen. In seiner Vision sollte es eine staatsfreie Kultur und kulturneutrale Staaten geben. Ebenso wie man heute der katholischen oder evangelischen Kirche oder einer anderen religiösen Gemeinschaft angehören kann, sollte jeder Mensch sich nach eigenem Belieben (in Freiheit also) einer Kulturorganisation anschließen können. Das Unterrichtswesen zum Beispiel wäre damit nicht Ländersache, sondern Angelegenheit der verschiedenen sich selbst verwaltenden Kulturhoheiten. Diese würden nebeneinander und (Staats-) Grenzen überschreitend tätig sein. Im Gegensatz dazu wären die Angehörigen der Einwohnergemeinden, in größerem Maßstab das Staatsvolk, weder durch Abstammung noch durch Sprache oder ähnliches, sondern ausschließlich durch den Wohnort definiert. Hier gälte gleiches Recht für alle, unabhängig von der Kulturzugehörigkeit. Als Drittes gäbe es die Wirtschaft, die tendenziell erdumspannend ist und in der durch die Arbeitsteilung jeder für die Bedürfnisse anderer arbeitet.

Zwischen Idee und Ideologie

Das war der große „Wurf“ Rudolf Steiners, nachzulesen in seiner flüchtig niedergeschriebenen, sich insbesondere auf die süddeutschen Verhältnisse beziehenden Schrift Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. Das Büchlein erreichte in den beiden Jahren nach Erscheinen (1919) eine Auflage von 80.000 Exemplaren. Es war keineswegs als Manifest gemeint, das ja eine gewisse Endgültigkeit für sich in Anspruch nehmen würde, sondern vielmehr als „Ideen zu einem Versuch“, eine dem Menschen und den gewachsenen Verhältnissen gemäße Sozialordnung zu beschreiben. Allerdings ist der Text nicht frei von Widersprüchen.

All das macht den Umgang mit Steiners sozialer Dreigliederung heute so schwer. Auf der einen Seite ist da diese faszinierende Weitsicht, die gesellschaftlichen Zusammenhänge nicht als einheitliche staatliche Organisation, sondern als gegliederten, mehrschichtigen Organismus zu verstehen. Auf der anderen Seite beziehen sich die von Steiner genannten Beispiele, seine Formulierungen sowie das historische Umfeld, in dem sie beschrieben wurden, auf heute längst überholte Verhältnisse. Auf der einen Seite mutet Steiners anti-nationalistischer Ansatz hochmodern an, auf der anderen Seite sind viele seiner Forderungen längst von den Verfassungen der europäischen Staaten, dem Minderheitenschutz der EU und insbesondere der Etablierung der Grundrechte durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen Allgemeingut geworden, eindeutiger formuliert oder gar überholt. Auf der einen Seite handelt es sich bei Steiners Dreigliederung also um eine geniale Idee – auf der anderen Seite erstarrt fast jeder Versuch, heute für sie einzutreten, zur Ideologie.

So erlebe ich es zumindest bei einem Großteil der Veröffentlichungen, die heute online oder in Buchform beziehungsweise in unseren Gazetten erscheinen – meine eigenen Beiträge inklusive. Ich konnte bisher keinen schlüssigen Grund dafür finden, aber immerhin ein paar Umstände, die dazu beigetragen haben könnten: Bei den sich rasant entwickelnden gesellschaftlichen Verhältnissen kann eine Idee, die vor hundert Jahren formuliert wurde, nur glaubhaft vertreten werden, wenn sie vom jeweiligen Autor oder Redner eigenständig und neu gedacht wird. Dann aber ist sie möglicherweise gar nicht mehr als Steiners Dreigliederung zu erkennen. Mangels Realisierung im gesamtgesellschaftlichen Kontext wurden Abwandlungen auf der Organisationsebene (also in Unternehmen und Einrichtungen) oder gar auf der Mikroebene im Zwischenmenschlichen entwickelt. Das ist legitim, handelt es sich doch laut Steiner um soziale Gesetzmäßigkeiten, die folglich nicht an eine bestimmte Größenordnung gebunden sind. Dennoch ist dadurch vielerorts die Aufmerksamkeit für den gesamtgesellschaftlichen Impuls abhanden gekommen. Dreigliederung wird so als Spielwiese für Sozialpraktiker und Organisationsberater missverstanden. Weiterhin leben wir mit einer gewissen historischen Last, die womöglich „energetisch“ weiterwirkt, zu Unglaubwürdigkeit führt oder zumindest über Jahrzehnte die Begeisterung in den eigenen anthroposophischen Kreisen gedämpft hat: Nachdem Steiner sich beispielsweise in unzähligen Vorträgen den Mund fusselig geredet und auch in den Kernpunkten begründet hat, warum Unternehmenskapital nicht käuflich sein darf, startete der erste Versuch, einen dreigliederungsgerechten Unternehmensverbund zu gründen, noch unter Mitwirkung Steiners ausgerechnet mit dem Kauf der beteiligten Unternehmen (und deren Verkauf, als die Insolvenz drohte). Das Vorhaben ist grandios gescheitert, nachzulesen in der großartigen Emil Molt-Biographie von Dietrich Esterl.

Fehlender Dialog

Anders als der immense Umfang der Dreigliederungsliteratur vermuten lässt ‒ ich meine damit sowohl die Originalvorträge Steiners als auch die Sekundärliteratur – ist über die Jahrzehnte kaum ein ernsthafter Versuch eines Dialogs zwischen den verschiedenen Autoren im Spektrum zwischen Revoluzzern und eher Konservativen, die sich alle auf Steiner berufen, zustande gekommen. Vielmehr machen sich wohl mehrere Autoren die Interpretationshoheit streitig. Peinlich wird es, wenn einzelne Autoren Steiner heranziehen um ihre eigenen kruden Weltvorstellungen zu untermauern. Und als fast ebenso peinlich empfand ich es, als vor kurzem ein Streit unter den Kollegen der anthroposophischen Zeitschriften ausbrach über die Frage, ob nun das Bedingungslose Grundeinkommen in Übereinstimmung oder Widerspruch zu Steiners „Angaben“ über die Trennung von Arbeit und Einkommen steht. Umso peinlicher, als zahlreiche fein filetierte Steiner-Zitate als Munition ins Feld geführt wurden. Die an dieser absurden Diskussion Beteiligten haben wohl weder wahrhaben wollen wie unfertig noch wie zeitgebunden Steiners Formulierungen bei diesem Thema waren. Aber sogar wenn Steiner sich vor hundert Jahren dezidiert zum Bedingungslosen Grundeinkommen geäußert hätte: Wäre das ein Grund, es heute einführen oder nicht einführen zu wollen?

Das meine ich mit Ideologisierung ‒ und ich bin ratlos. Auch wenn wir mit diesem Heft einen ersten berechtigten Paukenschlag zur Jahrhundertfeier der Dreigliederungsidee ertönen lassen, so ist das von meiner Seite mit einer ungewissen Mischung aus Freude und einem mulmigen Gefühl im Bauch verbunden. Werden wir es schaffen, uns von Steiners großartiger Vision anregen zu lassen ohne diese als ignorante Besserwisser zu vertreten? ///

 

 

Ein Text aus der Ausgabe Mai 2017 der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog. Kostenloses Probeheft hier bestellen. 

 

Buchtipp:

 

 

 

 

 

 

Jens Heisterkamp (Hg.): Die Jahrhundertillusion. Wilsons Selbstbestimmungsrecht der Völker, Steiners Kritik und die Frage der nationalen Minderheiten heute. Mit einem Vorwort von Rupert Neudeck und Beiträgen von Ted van Baarda, Markus Osterrieder, Jens Heisterkamp, Jürgen Erdmenger, Ramon Brüll, Arnold Suppan und Valeria Heuberger. Info3 Verlag 2002, € 16,00.