Endlich: Ein akademischer Philosoph untersucht Steiner

Von Ansgar Martins

Gute Bücher, so eine Binsenweisheit, zeichnen sich nicht durch die Antworten aus, die sie geben, sondern durch die Fragen, die sie aufwerfen. Wenn das zutrifft, ist Hartmut Traubs Philosophie & Anthroposophie – Die philosophische Weltanschauung Rudolf Steiners. Grundlegung und Kritik, ein sehr gutes Buch. Der Autor zeigt, was dabei  herauskommen kann, wenn man Steiners Forderung an seine LeserInnen ernstnimmt, dass „jede Seite, ja mancher Satz erarbeitet werden“ müsse (GA 9): Ein 1040-seitiger Sturm philosophischer Argumentationen, geistesgeschichtlicher Querschüsse und biographischer  Exkurse. Traub liest Steiners philosophische Frühschriften nicht als erkenntnistheoretische Grundlage seiner späteren Esoterik, sondern als das, was sie sind: philosophische Schriften eben – und unterzieht sie einer ausführlichen Analyse und Kritik.

Steiners philosophische Weltanschauung sieht Traub keineswegs in der Tradition Goethes oder Nietzsches – er entdeckt vor allem eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte. Das ist eine ungewöhnliche Lesart, da Steiner sich stets auf Goethe berief und als polemischer Gegner Kants auftrat. Dennoch kann Traub mit dieser These einleuchtende Rekonstruktionen von Steiners früher Philosophie liefern.

Mit dem Anliegen, eine Erkenntnistheorie zu schaffen, aus der sich die weitere Bestimmung der Welt bis hin zur Ethik ableiten lässt, habe Steiner einerseits das Projekt Fichtes und Kants weitergeführt, sei aber andererseits nicht wesentlich über sie hinausgekommen, meint Traub. So bleibt ein ambivalentes Bild: Steiners Philosophie wird durchaus als eigenständiger Entwurf gewürdigt, aber Traubs strikt philosophische Auseinandersetzung führt keinesfalls in die Gebiete „höherer Erkenntnisse“ oder sonstiger „spiritueller“ Absichten, die orthodoxe wie kritische Interpreten bis heute in die Frühschriften Steiners hineinlesen. Dennoch sieht Traub auch die Basis für Steiners Okkultismus in seiner Auseinandersetzung mit der Philosophie: in Schellings Reinkarnationslehre etwa oder Fichtes Versuch, Wissenschaft zur „Weisheit“ zu transformieren. Letztlich ziele Steiners „anthroposophische Forschungsmethode“ auf dasselbe wie Fichtes „genetische Theorie der Weltanschauung“: Eine produktive Erkenntnismethode, die objektiv und mathematisierbar bis an den Grund der Wirklichkeit reichen soll.

Seine LeserInnen lässt Traub philosophisch enorm belehrt, aber auch ein bisschen ratlos zurück: Wie originell Steiners philosophischer Entwurf letztlich war, warum gerade er aus der idealistischen Philosophie zur okkultistischen Theosophie kam, all das wird kaum verständlich. Auch blendet Traub Steiners relativ späte philosophische Auseinandersetzung mit Max Stirner und Friedrich Nietzsche aus, während er gleichzeitig behauptet, beide seien für den Philosophen Steiner letztlich nur minder relevant. Auch liegt die Frage nah, ob Traub (selbst im Vorstand der „Internationalen Johann-Gottlieb-Fichte-Gesellschaft“) einer gewissen ‚Berufsblindheit‘ unterliegt, wenn er in Steiners Werk Seite um Seite die Ideen Fichtes wiederfindet. Aber diese offenen Fragen schmälern nicht im Mindesten die Verdienste von Traubs Buch: Hier liegt ein Grundlagenwerk vor, das vielfältigsten Stoff für Jahre weiterer Untersuchungen liefert.

Ansgar Martins

Eine ausführliche Rezension des Autors findet sich auf seinem Blog.