Faust (Ludwig Frevel) und Mephisto (Helmut Hampel); © Ulrike Härtel

Faust (Ludwig Frevel) und Mephisto (Helmut Hampel); © Gemeinschaft Altenschlirf/Ulrike Härtel

Über ein Jahr liefen die Vorbereitungen für die inklusive Adaption des Goethe-Klassikers, an der nicht weniger als 80 Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, mit und ohne Behinderungen mitwirken. Viele Monate lang wurde geprobt, Kulissen gebaut, Kostüme genäht – das Ergebnis ist beeindruckend und stellt so manche professionelle Inszenierung in den Schatten. Als am Ende der Aufführung am vergangenen Freitag das komplette Ensemble singend durch den Saal zur Bühne schreitet, hin zu Faust, der nun doch noch Erlösung erfahren darf, ist das ein echter Gänsehaut-Moment. Über vier Stunden hat das Premieren-Publikum mit den Darstellern gefiebert, reichlich Szenenapplaus vergeben, gelacht, vielleicht sogar geweint und manchmal auch gezittert. Etwa dann, als Anne Kleinhans, die junge Darstellerin des Gretchens, ihre offensichtliche Aufregung geradezu heroisch gemeistert hat, um sich dann freizuspielen und die Zuschauer mit ihrer berührenden Interpretation dieser tragischen Rolle in ihren Bann zu schlagen. Helmut Hampel als Mephisto bringt den Bösewicht mit geradezu überwältigender Präsenz auf die Bühne. Und Anne Gründler spielt eine Hexe, deren energiegeladenes Auftreten einem schier den Atem raubt.

Alle reden über Inklusion – hier wird sie gelebt

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Gretchen (Anne Kleinhans, rechts vorne im Bild) in der Dom-Szene; © Gemeinschaft Altenschlirf/Ulrike Härtel

Doch eigentlich scheut man sich, einzelne Spieler und Mitwirkende herauszustellen, denn das Altenschlirfer Faust-Projekt ist vor allem eines: ein Gemeinschaftswerk. Die Regisseurin Almut König hat gemeinsam mit Projektleiter Norbert Venschott Großartiges geleistet und ein nicht nur künstlerisch, sondern auch sozial überzeugendes Projekt auf die Beine gestellt. Nicht nur Bewohner und Mitarbeiter der Gemeinschaft Altenschlirf spielen mit – viele verschiedene Menschen sind beteiligt, wirken auf der Bühne mit oder unterstützen das Projekt im Hintergrund. Einige Mitspieler kommen aus dem kulturtherapeutischen Dorf Melchiorsgrund, andere sind Nachbarn aus den umliegenden Dörfern der anthroposophischen Lebensgemeinschaft im Vogelsberg.

Beistand und Unterstützung kamen von vielen, manchmal völlig unerwarteten Seiten. So war beispielsweise lange offen, wer sich um die Musik kümmern könnte – da meldete sich Anfang des Jahres Angela Cremer, eine erfahrene Musiklehrerin und Chorleiterin aus der Region, die in der Lokalzeitung von dem Projekt gelesen hatte. Sie komponierte nicht nur mehrere Chorstücke, sondern brachte gleich ihre komplette Musiziergruppe in das Faust-Projekt ein. Auch ihr Lebenspartner Hans Döpping ließ sich für das Stück begeistern: Er spielt den Türmer und ist mit seinen 91 Jahren der mit Abstand älteste Mitwirkende.

Ansteckende Spielfreude

Mephisto (Helmut Hampel) und Oberhexe (Anne Gründler) in der Hexenküche; © Gemeinschaft Altenschlirf/Ulrike Härtel

Mephisto (Helmut Hampel) und Oberhexe (Anne Gründler) in der Hexenküche; © Gemeinschaft Altenschlirf/Ulrike Härtel

Gerade die Gruppenszenen in der Hexenküche, der Walpurgisnacht oder im Wirtshaus vermitteln die ansteckende Spielfreude aller Beteiligten: Da wuseln die Meerkatzen, da toben die Hexen und bechern die zechenden Gesellen in Auerbachs Keller. Die überzeugenden schauspielerischen Leistungen werden unterstützt durch ein minimalistisches, aber höchst wirkungsvolles Bühnenbild, auch Kostüme und Masken sind ausdrucksstark und schaffen viel Atmosphäre. Neben dem bekannten ersten Teil des Werkes werden auch zentrale Szenen aus „Faust II“ aufgeführt. Als echter Glücksgriff erweist sich die Entscheidung, die beiden Hauptrollen Faust und Mephisto mit mehreren Darstellern zu besetzen. Auf diese Weise können nicht nur die Darsteller die umfangreichen Rollen besser handhaben, auch für die Zuschauer kommt Abwechslung ins Spiel. Faust erscheint in dreifacher Besetzung: Als Gelehrter in mittlerem Alter, deutlich verjüngt nach dem Zaubertrank sowie im zweiten Teil als fast Hundertjähriger. Mephistos Rolle wurde auf zwei Darsteller verteilt, die in einigen Szenen sogar gleichzeitig auftreten.

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ – dieser außergewöhnliche Theaterabend ist imstande, dem arg strapazierten Faust-Zitat wieder neues Leben einzuhauchen. Wie Regisseurin Almut König berichtet, fiel die Entscheidung für den „Faust“ sehr bewusst. Das Projekt will ausdrücklich über alltägliche Begrenzungen hinausführen und den Blick weiten, hin zu existentiellen Fragen, die alle Menschen betreffen. „Das Stück erlaubt uns, über das Eigene hinauszuschauen“, ist König überzeugt. Ob Menschen mit oder ohne Behinderung, mit oder ohne Suchterfahrungen, ob alte Menschen oder junge, extrovertierte oder zurückhaltende: Sie alle haben beim Altenschlirfer Faust einen Platz gefunden und tragen gemeinsam zum Gelingen bei.

Weitere Aufführungen:
Fr./Sa./So. 06., 07., 08.11. 2015 im Schlosstheater Fulda
Mehr Informationen und Tickets: www.faustprojekt.de