Sitzwegerich, lat. Plantago Lanceolata Foto: Frank Meyer

Sitzwegerich, lat. Plantago Lanceolata
Foto: Frank Meyer

Zu den Pflanzen, die fast ein jeder von Kindheit an kennt, gehört der Spitzwegerich. Er wächst praktisch überall, selbst in Großstädten. Typischerweise treffen wir ihn und seinen wichtigsten Verwandten, den Breitwegerich, an den Rändern von Wegen und Pfaden an, woher er seinen Namen hat: „Wegerich“ – „König der Wege“ (die Endung -rîch bedeutet auf althochdeutsch König). Er ist auf Schuttplätzen genauso zuhause wie in Pflaster- und Mauerritzen und kann sogar durch Asphalt brechen, so stark ist seine Wachstumskraft. Auf Wiesen und in verwilderten Gärten bildet er oft dichte Rasen und verspricht reiche Ernte als Wildgemüse: Die Vitamin-C-reichen Blätter bereichern Salate und Suppen. Ursprünglich aus Eurasien stammend, ist er heute auf der ganzen Welt verbreitet. In Nordamerika wurde er von den Ureinwohnern auch „Fuß des weißen Mannes“ genannt. Denn die klebrigen Samen haften leicht an Füßen und Unterschenkel, und der Wegerich hat sich so tatsächlich auf dem „Fußwege“ über die ganze Welt verbreitet, dem Expansionsdrang der Menschen folgend.

Heilkraft im Zeichen der Fünf

Die germanischen Stämme nannten ihn „Läkeblad“, übersetzt „Heilblatt“. Das deutet auf die medizinische Verwendung der Blätter, vor allem durch Auflegen, hin, wie sie auch in der Antike und im Mittelalter üblich war und in zahlreichen Kräuterbüchern belegt ist. Schauen wir uns die Blätter einmal näher an. Sie sind länglich und spitz zulaufend. Jedes Blatt hat mehrere parallel verlaufende Adern, meistens fünf. Dadurch hat es Ähnlichkeit mit einem Fuß; deshalb auch der lateinische Name „Plantago“ (Fußsohle), während sich „lanceolata“ auf die Lanzettform bezieht. Die Blätter haben keine Stiele und bilden eine Rosette. Im Gegensatz zu anderen Wegericharten bleiben die Blätter jedoch nicht am Boden, sondern erheben sich frei in die Höhe und versuchen sich somit dem fünfeckigen Stängel anzunähern, der bis zu 50 Zentimeter hoch sein kann und an dessen Ende sich die weiche Ähre mit den kleinen Blüten befindet. Diese blühen beim Spitzwegerich ringförmig von unten nach oben auf, wobei hellgelbe Staubgefäße sichtbar werden. Dieser goldene Blüh-Ring sieht tatsächlich aus wie eine Krone, womit dieser „König der Wege“ seinen Namen zu Recht trägt. Sowohl der Bau (fünfstrahlige, sohlenartige Blätter in Bodennähe entspringend) als auch Verbreitungsweg, Standort und Wachstumseigenschaften deuten auf eine kraftvolle Heilpflanze mit Beziehung zum Bewegungssystem hin. Traditionell legte man meist aufgeraute, zerriebene oder zerhackte Blätter auf wunde Füße, Verletzungen oder Geschwüre auf. Sie galten als austrocknend und zusammenziehend. Diese Wirkungen sind heute wissenschaftlich nachgewiesen und werden auch „adstringierend“ genannt. Auch die blutstillenden und antibiotischen Wirkungen kamen bei den genannten Anwendungsbereichen zum Tragen. Die Indianer Nordamerikas legten Wegerichblätter in die Mokassins, damit sie sich auf ihren langen Fußmärschen nicht wund liefen und behandelten Schlangenbisse damit.

Myodoron: Gabe für die Muskeln

In der Anthroposophischen Medizin sollte dem Spitzwegerich ursprünglich eine große Zukunft beschieden sein: als Hauptbestandteil einer von Rudolf Steiner entwickelten Arzneimittel-Komposition, die neben Spitzwegerich-Blättern noch Schlüsselblumen-Blüten und Tinktur aus Schwarzem Bilsenkraut enthält. „Myodoron“ sollte dieses Mittel heißen, was bedeutet „Gabe für die Muskeln“, analog dem ähnlichen Herz-Kreislauf-Mittel „Cardiodoron“ („Gabe für das Herz“), bei dem Eselsdistel-Blüten anstelle von Spitzwegerich-Blättern verwendet sind. Leider ist die Therapie mit „Myodoron“ (das unter dem Namen „Plantago Primula cum Hyoscyamo“ vermarktet wurde) über die Jahrzehnte weitgehend „eingeschlafen“, und von dem ursprünglichen umfassenden Trio aus Tropfen, Salbe und Ampullen sind nur noch die rezeptpflichtigen Ampullen auf dem Markt. Dass sich Spitzwegerich bzw. „Myodoron“ als anthroposophisches Basis-Mittel für die Muskulatur nicht durchgesetzt hat, hängt vielleicht damit zusammen, dass man sich zunächst zu viel von der Wirkung bei Muskelschwäche (z.B. Lähmungen) versprochen hatte. In den letzten Jahren wurden jedoch viele gute Erfahrungen mit Spritzen von Plantago Primula cum Hyoscyamo bei den weit verbreiteten Muskelspannungsstörungen gemacht, auch bei komplexen Krankheitsbildern wie Parkinson oder Fibromyalgie bis hin zu mehr alltäglichen Problemen wie Verspannungen der Rückenmuskulatur (z.B. beim „Hexenschuss“) oder Tennisellenbogen. Viele dieser Krankheitsbilder sind weit verbreitet und therapeutische Alternativen der Schulmedizin oft begrenzt – daher ist es denkbar, dass Plantago bzw. „Myodoron“ hier in Zukunft noch mehr Bedeutung gewinnen wird.

Botanische Ausnahmeerscheinung

Weit verbreitet hingegen ist Spitzwegerich als Hustenmittel in Form von Tee sowie Bestandteil von Säften und Salben. Vor allem bei starker Verschleimung macht sich die „austrocknende“ Qualität wohltuend geltend. Bei aller Bodenständigkeit ist der Spitzwegerich besonders stark den Wärme- und Lichtkräften der Sonne verbunden. Das zeigt sich einmal darin, das die Blätter nach oben streben und zum anderen an deren parallelnervigen Struktur, einer botanischen Ausnahmeerscheinung. Parallel verlaufende Blattnerven findet man vor allem bei Pflanzen, die in besonderer Weise dem Licht und der Wärme verbunden sind wie Gräsern und Getreide, Lilien und Orchideen. Diese gehören zu den sog. Einkeimblätterigen. Bei den zweikeimblätterigen Pflanzen, zu denen die Wegeriche gehören, sind die Adern normalerweise verzweigt und vernetzt. ///

Achtung! Dieser Artikel enthält nur allgemeine Informationen und keine Empfehlungen. Er ersetzt keine ärztliche Beratung. Weder der Autor noch der Verlag übernehmen eine Garantie oder Haftung für seinen Inhalt.

  

Dr. Frank Meyer ist Experte für Naturheilverfahren und schreibt seit 1980 für Info3. Seit 1994 praktiziert er als anthroposophischer Hausarzt in Nürnberg.