Ahrimandarstellung rudolf Steiners. Quelle: Quelle: Urs Schwendener (Hrsg.): Anthroposophie - eine Enzyklopädie in 14 Bänden, Band 1, S 154

Ahrimandarstellung Rudolf Steiners. Quelle: Quelle: Urs Schwendener (Hrsg.): Anthroposophie – eine Enzyklopädie in 14 Bänden, Band 1, S 154

Seit Anfang Dezember braust durch die Medien, dass eine Kampagne kunstvoller digitaler Manipulation Donald Trump an die Spitze verhalf, bei der Big Data und zielgerichtete Werbung auf Facebook alle Prognosen an der Nase herumführten. Die Wellen schlagen hoch im Erschrecken darüber, wie labil sich unser demokratisches System auf einmal zeigt, gekontert von der Gegenströmung, die Artikel seien von den Initiatoren der Kampagne bezahlt. Die könne doch gar nicht so erfolgreich sein. Nur: Wie ist Trump Präsident der USA geworden? Und würde er Unsummen an seinen Schwiegersohn für eine halbgare Online-Vermarktung ausgeben?

Herbert Marshall McLuhan nahm 1964 mit den TV- und Radio-Sendern das World Wide Web vorweg: „Heute, nach mehr als einem Jahrhundert der Technik der Elektrizität, haben wir sogar das Zentralnervensystem zu einem weltumspannenden Netz ausgeweitet und damit, soweit es unseren Planeten betrifft, Raum und Zeit aufgehoben.“ Viel früher, 1917, bezeichnet Rudolf Steiner jene elektrischen Ströme im Nervensystem als von einem Doppelgänger-Wesen in uns hineingelegt.

Wieder 100 Jahre später leben wir unter dem Signum jenes übermächtig gewordenen Wesens. IS-Terrormilizen als neue Jugendbewegung der Globalisierung sind zugleich Computer- und Smartphone-Nerds. Die ehemals romantische Aura der Hacker ist einer weltweiten Bedrohung gewichen, die zuletzt Millionen Telefonleitungen lahmlegte und es künftig auf Kraftwerke abgesehen haben könnte. Sie stehen im Sold von Unternehmen, Kriminellen und Regierungen. Hass- und Troll-Kommentare machen die Moderation der Online-Auftritte selbst großer Zeitungen zum eigenen Berufszweig, da die digitalen Medien die Tendenz „zu Distanzlosigkeit, roher Direktheit und blanker Willkür“ befördern, befindet die FAZ.

Selfies mit Maria und Josef

Auch die vergleichsweise bescheidene Rundmail-Ankündigung einer alljährlichen Tagung im Berliner Rudolf Steiner Haus wurde letztes Jahr Opfer eines Troll-Angriffs: Der Troll diffamierte im Verteiler mit finsteren Verleumdungen einen der Veranstalter und dessen Frau. Als er die erwünschte Aufmerksamkeit nicht erhielt, verlegte er sich aufs massenweise Weiterleiten von Nazi-Mails mit Verschwörungstheorien über ankommende Flüchtlinge. Die ursprüngliche Einladung ins Steiner Haus hatte einem Symposion über den viel geschmähten Valentin Tomberg gegolten. Darin ging es um Anregungen zur Bewältigung der aktuellen Weltlage. So war ein Programmpunkt der Vaterunser-Kurs, den Tomberg mitten im 2. Weltkrieg als innerliches Gebäude gegen die Barbarei errichten wollte.

Rudolf Steiner hat gewarnt, dass wir in eine Entwicklung der Intelligenz einmünden, die dazu neige, „nur das Falsche, den Irrtum, die Täuschung zu begreifen, und auszudenken nur das Böse“. Die Intelligenz selbst werde böse, sagt er. Valentin Tomberg prägte darauf aufbauend, beinahe ein Motto zur Digitalität, indem er meinte: Wir müssen Distanz zum Bösen wahren; in zu großer Nähe beginnen wir es zu lieben. Spätestens mit Facebook, Apple und den Smartphones ist es passiert.

Das Digitale hat uns im Griff, beherrscht und verwirrt uns. Diabolus (Luzifer), der Verwirrer, ist am Werk, als Teil der Widersacherkräfte, die in der Goetheanum-Skulptur des Menschheitsrepräsentanten dargestellt sind und uns zeigen, dass es um den Ausgleich jener Kräfte gehe.

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Foto: modern-nativity.myshopify.com

Nur merken wir, dass der Ausgleich oft nicht mehr stattfindet. Veranschaulichen wir es mit einer kleinen Bildbetrachtung. Ende letzten Jahres kursierte eins der Fotos im Netz, bei denen man gleich schallend loslachen möchte. Allerdings blieb mir das Lol im Halse stecken. Wir erblicken ein Plastikkrippentableau, A Hipster Nativity Set, das es wirklich zu kaufen gibt – für schlappe 130 Dollar. Es sei für die Millennials, also die Digital Natives, entworfen, damit die mit der alten „Erzählung“ wieder was anfangen können. Die Weisen aus dem Morgenland kommen hier im coolen Hipster-Outfit auf Segways daher. Jeder trägt als Gabe an den Heiland ein Amazon-Paket unterm Arm. Der Stall in Bethlehem wird beheizt von Sonnenkollektoren auf dem Dach. Josef, dreitagebärtig, schießt ein Selfie mit dem Baby und Maria, die „Peace“ macht und Starbucks Kaffee aus einem Plastikbecher trinkt. Die Tiere auf der Weide werden – gesteuert per Tablet – mit glutenfreier Nahrung gefüttert, tragen den Stempel „100 % Bio“ auf dem Fell – allerdings nicht in Demeter-Qualität: Die Kuh hat keine Hörner. Wenn in der Botschaft nur ein Körnchen Wahrheit steckt: Wir hätten nichts mehr zu lachen, 2000 Jahre Entwicklung wäre entfernt wie mit der DEL-Taste.

Die Welt ist verrückt geworden

Das Gefährliche ist: Der Geist selbst wird angegriffen, ob nun durch die Zerstörung unwiederbringlicher Kulturzeugnisse, Echt-Mord-Videos oder die alltägliche Informations- und  Bilder-Flut, die selbst aus seriösen Quellen oft genug auf unsere Ängste abzielt. Wir fühlen uns hip, sind aber krank. Es reicht gerade, unser Leben und den Beruf recht und schlecht zu organisieren, alles, was darüber hinausgeht, was uns einmal wichtig war: Bücher zu lesen, Konzerte oder Theater zu besuchen, in die Natur zu gehen, Menschen länger als auf einen Kaffee zu treffen – dafür bleibt kaum Zeit. Dabei galt der PC doch einmal als das Instrument zur Zeitersparnis!

Könnte das die Ursache der Diagnose sein, die im Jahr 2016 so oft gestellt wurde: Die Welt ist verrückt geworden?

Stark gekürzte Version eines Artikels aus der Ausgabe Januar 2017 von Info3 – Anthroposophie im Dialog.

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