Foto: GLS

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Soziale Banken sind noch nicht wirklich im allgemeinen Bewusstsein angekommen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass der Bezeichnung „Soziale Bank“ eine klare Definition fehlt. Vielleicht ist es gar unmöglich, diese Alternative zum Umgang mit Geld kurz zu beschreiben. Denn Soziale Banken sind verschieden im Ursprung und in der Zielsetzung. Einige wurzeln im Kirchlichen, einige gründen in der Armutsbekämpfung, in kommunaler oder beruflicher Selbsthilfe, und wieder andere sind sozialdemokratisch inspirierte Protestgründungen gegen eine profitmaximierende Finanzwirtschaft, wie z.B. die Alternative Bank Schweiz, ein mittelgroßes Geldinstitut mit einer Bilanzsumme von 1.15 Mia Euro. Ein paar stehen – mehr oder minder ausgesprochen – der Anthroposophie nahe. Manche ethisch motivierte Bankgründung ist ihren sozialen Wurzeln entwachsen und ist heute dem Geschäftsgebaren konventioneller, profitorientierter Banken näher. Das trifft etwa teilweise auf Regional- und Raiffeisenbanken und ihre Beteiligungen zu.

Rein Soziale Banken im Sinne dieses Berichtes sind werteorientiert und streben mit allen ihren Tätigkeiten eine positive Wirkung auf den Menschen, die Schöpfung und das Wirtschaften an. Damit einher geht die Hoffnung, das Entstehen einer Solidarwirtschaft zu fördern. „Social Banker“ sagen: Uns eint das Ziel, wirklich etwas Gesellschaftliches zu verändern. So sprechen Leitbilder Sozialer Banken mitunter vom dreigliedrigen Menschen, vom Geld als sozialem Gestaltungsmittel, von Langfristigkeit und Sinn vor Gewinn sowie von Offenheit für alle Menschen, deren Ziel eine gerechtere Gesellschaft ist. Wohingegen Leitbilder konventioneller Banken auf Wettbewerbsfähigkeit, wirtschaftlichen Erfolg für ihre Aktionäre und Kunden sowie auf interne Leistungskultur setzen.

Soziale Banken leben ihre Werte – das kommt an

Kürzlich wurde erforscht, ob in Sozialen Banken diese Werte wirklich gelebt werden. Es ergaben sich eine hohe Übereinstimmung der persönlichen Werte der Mitarbeitenden mit den proklamierten Firmen-Werten sowie ein hoher Identifikationsgrad mit der Unternehmung und ihren Zielen. Danach genießen nachhaltige soziale und ökologische Wirkungen des Geldes Vorrang vor finanziellen Erträgen, und zwar sowohl für die Bank selbst als auch in der Kundenberatung. Dort geht es um die Frage, in welcher Art von Welt der Kunde oder die Kundin eigentlich leben möchte. Gemäß dieser Studie empfinden die Mitarbeitenden die ethischen Firmenwerte als zentral und als in den Sozialen Banken gelebte Wirklichkeit: „Die Ideale meiner Sozialen Bank wirken in der ganzen Organisation, nicht nur in der Werbung” und „weil für mich selbst das Gleiche wichtig ist wie für die Bank, muss ich mich nicht verbiegen”,  so lauten beispielsweise die Aussagen. Das schafft Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Dies zeigt sich seit vielen Jahren in der stetig größer werdenden Beliebtheit der Sozialen Banken; Kundenzahl und Bilanzsumme wachsen, der Mitarbeiterstab erweitert sich. Ein Blick auf die drei im deutschsprachigen Raum tätigen, anthroposophisch orientierten Banken macht dies deutlich. So haben die niederländische Triodos, die deutsche GLS Bank und die schweizerische Freie Gemeinschaftsbank von 2006 bis 2013 ihre Bilanzsummen zusammengezählt vervierfacht. Während dieser sieben Jahre betrug das kumulierte jährliche Wachstum 23 Prozent, und ihre Vermögen erreichten Ende 2013 zusammen 10 Milliarden Euro. Im Branchenvergleich entspricht diese Summe allerdings nur  knapp der Bilanzsumme der Sparkasse Bremen. Die in fünf Ländern tätige Triodos ist mit 6,4 Mrd. Euro Bilanzsumme am größten, die GLS Bank (3,2 Mrd. Euro) hat acht Standorte in Deutschland und die Freie Gemeinschaftsbank (0,25 Mrd. Euro) sitzt in Basel. Ihr quantitatives Wachstum war vergleichsweise kleiner. Die drei Banken beschäftigen 1.400 Mitarbeitende und betreuen 725.000 Kundinnen und Kunden. Gemäß einer Forschung der Alanus Universität ist das Kundenpotenzial noch riesig. Weltweit haben sich 25 Soziale Banken zum Interessenverbund Global Alliance for Banking on Values (GABV) zusammengeschlossen und bedienen in 25 Ländern rund zehn Millionen Menschen. Die Mitgliedsbanken sind selbständig und schreiben eine gemeinsame Bilanzsumme von ungefähr 74 Milliarden Euro.

Größe und Wachstum allein sagen noch nichts über positive sozial-ökologische Wirkungen einer Bank aus; Kleines richtig getan kann auch Großes bewirken. Das stetige Wachstum der Sozialen Banken drückt aber aus, dass sie gesellschaftlich notwendig sind und immer mehr Menschen wollen, dass ihr Geld Mehrwerte schafft, und zwar nicht im Sinne finanzieller Rendite. Der Mittelzufluss von diesen Menschen erlaubt es, Kredite an Initiativen zu vergeben, welche menschenwürdige Entwicklung fördern, Ungleichheit lindern, Ressourcen schonen und so den ökologischen Fußabdruck menschlicher Aktivität verringern. Die Kreditvergabe der Sozialen Banken floss daher in die Bereiche erneuerbare Energien, Gesundheit, organische Landwirtschaft, Kultur, Erziehung und Hausbau. Gut 60 Prozent der Kundengelder werden von den drei Banken zur Verwirklichung solcher Projekte ausgeliehen. Der Rest ist meist liquiditätswirksam angelegt. Die nicht gerade aggressiv hohe Ausleihungsrate mag auch darauf hinweisen, dass diese Banken strenge sozio-ökologische und ökonomische Bonitätskriterien anwenden, die nicht von allen Projektanträgen erfüllt werden.

Herausforderungen

Von der anhaltenden Tiefzinssituation und der als Folge der letzten globalen Finanzkrise verschärften Bankvorschriften sind auch die Sozialen Banken betroffen. Die Differenz zwischen dem Zins, den die Bank für Spareinlagen gutschreibt, und dem Zins, den sie aus der Kreditvergabe erhält, ist klein. Weil das Zinsdifferenzgeschäft die Hauptaktivität Sozialer Banken ausmacht, ist es schwieriger geworden, Betriebskosten zu decken und Gewinne zur Eigenkapitalbildung zu erwirtschaften. Aus dieser Sicht hilft es, das Kreditgeschäft auszudehnen, sofern das Ausfallrisiko nicht überproportional ansteigt. Andererseits beeinflusst Wachstum die risikoabhängige Höhe des Eigenkapitalbedarfs.

Die Aufsichtsbehörde wendet quantitative Kriterien an, wenn sie beurteilt, ob eine Bank genügend Eigenkapital hat. So mag sie etwa einen Kredit an den Elternverein einer Rudolf-Steiner- bzw. Waldorfschule als risikoreich einschätzen, weil seine Einkünfte unregelmäßig sein können, er wenig Reserven hat und manchmal Verluste schreibt. Dass die selbstverwaltete Waldorfschule aber eine Solidargemeinschaft ist, die Eltern einen allfälligen Betriebsverlust durch zusätzliche Spenden selbst decken und somit das Ausfallrisiko für Zins- und Kreditrückzahlungen gleichsam durch moralische Bürgschaften abgesichert ist, steht außerhalb finanzwirtschaftlicher Denkschemata. Die wegen der Misswirtschaft einiger konventioneller Banken verschärfte Aufsicht trifft auch die Sozialen Banken. Zum einen bringen Regulatorien mehr Sicherheit, zum anderen darf man sich fragen, wieweit sie Anlegerinnen und Anleger entmündigen.

Mit der stark wachsenden Kundenzahl steigt die Anzahl der Mitarbeitenden. Vermehrt kommen dabei neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch aus fremden Branchen und bringen andere Wertekanons mit als sie die social bankers der ersten Stunde sie hatten. Damit die Identität der Sozialen Banken glaubhaft und nachhaltig nach außen und nach innen gelebt wird, ist hier eine entsprechende Mitarbeiter-Förderung zentral.

Diskussionen über Soziale Banken, Vollgeldinitiativen, komplementäre Währungssysteme, bedingungsloses Grundeinkommen, Steiners Dreigliederungs-Impuls, Gemeingüter-Bewegung, Profit- und Schuldenwahn helfen, das Krankhafte in der Wirtschaft sichtbar zu machen und die Transformation von einer egoistischen Wachstumsökonomie zu einer nachhaltigen, solidarischen Bedarfsökonomie und Lebensweise zu befördern. Weil sich Soziale Banken im Schnittbereich zwischen gemeinnütziger Wirtschaft und profitorientiertem Wirtschaftssektor befinden, sind sie prädestiniert, Brücken zwischen den verschiedenen Interessen zu bauen, sodass das Positive beider Sektoren in Symbiose segensreiche, gesellschaftliche Veränderung unterstützen kann. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Kundinnen und Kunden Sozialer Banken können begeisternde Ambassadoren bei der Verbreitung der Idee des Social Bankings sein. Bei dieser Vorstellung vom Umgang mit Geld geht es eben primär um den Menschen in seiner Umwelt, um Aufmerksamkeit und weniger um Zahlen. ///

Zum Autor:

Dr. Heinz Brodbeck ist heute in der Freiwilligenarbeit und als Berater engagiert. Nach Berufslehre und Studium war er hauptsächlich für Royal Dutch Shell global tätig. Er promovierte über das Wertemanagement in Sozialen Banken und ist Verfasser des Buches: Values in Internal Marketing – Living the Brand in Sustainable Banking, 2013 Nomos, Baden-Baden, http://goo.gl/z9E0X. Dr. Brodbeck ist seit vielen Jahren der Waldorfschulbewegung verbunden, zuletzt als Präsident der Schulvereinigung der Rudolf Steiner Schule Adliswil-Zürich und im Vorstand der Atelierschule Zürich.

 

Ein Beitrag aus der Septemberausgabe 2014 von Info3 – Anthroposophie im Dialog