Mit-Gründerinnen Lucia-Maria-Masini und Ruth-Maria-Hilbrig ließen sich durch widrige Umstände nicht abschrecken.

Einen Waldorfkindergarten zu gründen ist kein Kinderspiel. Allein die unzähligen bürokratischen Vorgaben wie die in der „Raumverordnung“ vorgeschriebene Beachtung des Schallschutzes, selbst wenn das Gebäude ausschließlich von den Kindern und den Mitarbeitern genutzt wird. Im Fall des Kindergartens „Morgenglanz“ im brandenburgischen Eberswalde bedeutete das, im ganzen Haus neue Akustikdecken einzuziehen mit lustigen kreisrunden Löchern. Lustig, aber teuer.

Dass solch eine Gründung nicht umsonst zu haben ist, war den Beteiligten schon vorher klar. Womit sie nicht gerechnet hatten, waren die Widerstände, auf die sie stießen. Phasenweise stand alles auf der Kippe. Die aufopfernde Arbeit von drei Jahren drohte zu scheitern.

Nichts mehr davon ist zu bemerken, als ich an einem grauen Wintertag den Kindergarten besuche. Ruth-Maria Hilbrig, Geschäftsleitung, und Lucia-Maria Masini, Vorstand, sind guter Dinge, ein bisschen stolz und erleichtert, zusammen mit dem Gründungskreis dieses gar nicht kleine Wunder bewerkstelligt zu haben.

Das Hickhack begann mit der Vereinsgründung im Jahr 2013. Die Eintragung im Vereinsregister wurde verweigert, da nach Einschätzung des Amtsgerichts Frankfurt/Oder die „Waldorfpädagogik Barnim e.V.“ kein ideeller Verein sei, während das zuständige Finanzamt sie durchaus als gemeinnützig anerkannte. Nur mit einer teuren Musterklage am Oberlandesgericht Brandenburg konnten die Gründungseltern nach anderthalb Jahren ihre Eintragung erfolgreich erkämpfen. Doch damit ging die Achterbahnfahrt der Gründung erst richtig los …

Eltern kochen für die Kinder

Wir beginnen einen Rundgang über Wiese und Sandspielplatz, an kleinen Beeten und Kiefern vorbei. In der warmen Jahreszeit ist hier viel Platz zum kreativen Entfalten für Kinder und Erzieher. Da es draußen gar zu unwirsch ist, gehen wir bald ins Haus. Drinnen glänzt es vor Behaglichkeit. Nach Plänen von Lucia-Maria Masini bauten, schliffen und entwickelten Handwerker Heizungsholzverkleidungen und Türen sowie viele andere Holzeinrichtungen und -spielzeuge. Im großen Eingangsbereich sind die Garderoben verschiebbar, so dass ganz schnell daraus ein Raum für Feste, Bewegung oder Eurythmie entstehen kann.

Die kindergarteneigene Küche war den Eltern besonders wichtig, sie stellte eine finanzielle Herausforderung dar. Im Ergebnis sind hier nun bis zu 200 Mahlzeiten zu bewerkstelligen. Täglich bereiten die Eltern das rein vegetarische Essen zu, möglichst in Bio-Qualität, wenn’s geht sogar biologisch-dynamisch. Auf einen Cateringservice wird verzichtet. Das sei sowie alles mit unheimlich viel Zucker, rümpft Lucia-Maria Masini die Nase. Ihre kleine Tochter Emilia geht auch in den Kindergarten.

Die Lebensmittel kommen aus dem nahen Bio-Laden und über einen Großhandel in Berlin. Im Frühjahr und Sommer soll zudem mit einigen der vielen umliegenden Brandenburger Demeter-Betriebe kooperiert und natürlich auch im eigenen Garten Salate und Gemüse geerntet werden. Die Tagesgerichte des Wochenplans klingen so lecker, dass mir das Wasser im Munde zusammen läuft. Mittlerweile kommen Anfragen, sagt Ruth-Maria Hilbrig, ob „Morgenglanz“ nicht auch andere Kindergärten mit Essen beliefern möchte. Ruth-Maria Hilbrig ist Mutter von vier Kindern und war schon Mitbegründerin von Spielgruppe, Waldorfschule und Hort im Süden Deutschlands.

Im Tal der Tränen

Entgegen dem Kinder- und Jugendhilfegesetz bekamen die Kindergartengründer von der Stadt Eberswalde und dem Landkreis Barnim keinerlei Beratung und Unterstützung. Also wandten sie sich an die politischen Fraktionen und Ausschüsse der Stadtverordnetenversammlung, stellten das Konzept vor, wiesen den Bedarf mit verbindlichen Anmeldungen nach, gingen an die Presse. Doch immer begegneten ihnen Vorbehalte und Vorurteile bis hin zu Drohmails und -anrufen, verbunden mit dem Vorwurf, die Anthroposophie sei von den Nazis gefördert worden. In den örtlichen Zeitungen wurden Artikel lanciert, die Überschriften trugen wie: „Waldorfpädagogik schreckt ab“. Die Argumente der Verwaltungsangestellten wurden von einigen Parteien ungeprüft übernommen. Freie Träger seien per se erst einmal unzuverlässig. Sie zu unterstützen berge für den Steuerzahler ein zu hohes Risiko. Der Kindergarten sollte ein Jahr lang „durch ein Tal der Tränen gehen“, so der amtliche Vorschlag, der alles andere als gesetzeskonform war.

Nur mit Hilfe des Vorsitzenden der Grünen-Fraktion im Kreistag und Detlef Hardorp, dem bildungspolitischen Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg, gelang es, das Kreisjugendamt zuletzt unter Androhung von Schadenersatzklagen so weit zu bearbeiten, dass zwei Wochen nach Eröffnung im September 2016 es doch noch rückwirkend zur regulären finanziellen Förderung des laufenden Betriebs kam.

Rettung in letzter Not

Die Retterin in letzter Not – als durch die Haltung des Landkreises kurz vor Beginn die Zusagen wichtiger Förderer zurückgezogen wurden – war die Stiftung Edith-Maryon aus der Schweiz. Die zeigte sich begeistert von Projekt und Vorarbeit, kaufte das Gebäude und übernahm die Vorfinanzierung des Umbaus. Dies ermöglichte nun das Ansprechen weiterer Stiftungen wie der Software AG und der Mahle-Stiftung, die sich an den Einrichtungskosten des Kindergartens beteiligten. In Rekordzeit wurden die aufwändigen Arbeiten gestemmt. Die große Kapazität des Gebäudes ermöglicht es, noch mehr Kindergartenplätze zu schaffen und im nächsten Schritt eine Waldorfschule zu gründen.

Ab einem Jahr werden Kinder in der „Nestchen-Gruppe“ aufgenommen, da Eltern, die einen neuen Job finden, andernfalls in Not geraten. Da muss sich die Waldorfpädagogik auf neue Herausforderungen einstellen, erklärt Ruth-Maria Hilbrig. Viele Mütter und Väter sind noch sehr jung. Sie studieren an der familienfreundlichen Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, die einzigartig sein soll in Europa.

Nicht nur für sie ist der waldorfpädagogische Kindergarten „Morgenglanz“ ein Kleinod im märkischen Sand. Doch ist er auch ein lichtvolles Zeichen in dunklen Zeiten. Gut, dass es solche „Kulturoasen“ (Rudolf Steiner) gibt. Wir brauchen noch viel mehr von ihnen.

 

Ein Text aus der März-Ausgabe 2017 von Info3 – Anthroposophie im Dialog. Hier können Sie ein kostenloses Probeheft bestellen.