Meditationsmarathon

Dieses Jahr wird von der Organisation „Enlightennext“ zum fünften Mal ein „Meditations-Marathon“ veranstaltet. Ich selbst habe an allen bisherigen Marathons teilgenommen. Wie kommt eine bewegungsliebende Person dazu, freiwillig 24 Stunden lang still zu sitzen? Und sich sogar darauf zu freuen?

Es ist sieben Jahre her, als ich auf den Veranstalter EnlightenNext Germany neugierig wurde, und es war vor allem die Ausstrahlung der Mitmachenden dort, die mich so anzog. Ich erlebte dort Tiefe, gepaart mit gedanklicher Klarheit und weltlichem Engagement. Noch anthroposophischer als Anthroposophen – das war meine damalige Empfindung. Beeindruckt von der Fähigkeit der Freunde, sich über geistige Dinge in einer modernen, zeitgenössischen Sprache zu artikulieren, kam in mir der Wunsch auf, diese Qualität auch selbst entwickeln zu wollen.

Aus der Nähe erkannte ich bald die erste für mich aufgestellte Hürde: Ihr „Üben“ war eine Meditationspraxis, wie ich sie zwar inhaltlich von Steiner unter dem Namen Intuition kannte, aber jetzt als richtige Praxis kennenlernte: nämlich sich frei von jeglichem Gedanken in diesem unermesslichen Bewusstseins-Raum möglichst für eine Stunde lang aufzuhalten. Jap.

Bloß nicht husten

 Meine ersten zwanzig Minuten absoluter Ruhe (wirklich ganz egal, ob meine Beine „Hilfe!!! Wir schlafen ein!!!“ meldeten, ob ein Hustenreiz mich gleich ersticken wollte oder ob irgendeine Körperstelle so zu jucken schien, dass alle Gedankenkraft gebunden wurde) waren nach dem ersten halben Jahr täglicher Praxis erreicht. Immer, wenn ich meinem Vorsatz treu blieb und die „Scheinprobleme“ besiegt hatte, stand ich vom Kissen auf und war erstarkt wie eine Königin, Regentin meiner eigenen Freiheit. Aber als ich dann versuchte, 60 Minuten sitzen zu bleiben, nun, da lieferte mir mein Denk-Vermögen perfekte Argumentationen, warum diese Praxis doch Nonsens sei (obwohl mir bereits dämmerte, dass die seltene Mischung von Offenheit und Tiefe, die meine neuen Freunde vorlebten,  mit dieser Praxis zusammenhängen musste).

Nach wirklich vielem Üben, nach langem Suchen nach Unterscheidung zwischen Verstand und Wille, nach all diesen Jahren möchte ich dieses Still-Sitzen so beschreiben: Wenn du deinen Körper zu absoluter Ruhe bringst (was bedeutet, dass, einmal im Schneidersitz positioniert, NICHTS mehr auch nur einen Millimeter bewegt wird), „geschieht“ etwas (bei mir meistens nach etwa 50 Minuten) zwischen deinem „Ich“ und deinem „Leib“: du erlebst dich „draußen“ und wach und du bemerkst die Starre deiner Umhüllung. Diese Erfahrung erlebe ich als eine Ur-Befreiung und Ekstase, manchmal begleitet von einem Gefühl innerlichen Lichts. Du erfährst den unermesslich weiten Raum des Geistes.

Aber 24 Stunden?

Und das 24 Stunden lang? Ist das dann eine Art „Einweihungsschlaf“ oder was? Nein, ganz anders. 24 Stunden bedeutet, dass du in dieser Zeit (verbunden mit hunderten von Gleichgesinnten weltweit) nichts anderes tust als immer wieder in Einheiten von 45 oder 60 Minuten zu meditieren. Nur kleine Pausen gibt es, in denen man aufsteht, etwas trinkt, ein paar Schritte tut, alles schweigend.

Dann wird die vorhin erwähnte Erfahrung der Befreiung von deinem Körper zu einem „Einstieg“ in eine Welt, die dir von Stunde zu Stunde immer mehr Tiefe anbietet. Ich erlebe es so, als ob ich „sinken“ würde: ich erfahre mein eigenes „Ich bin“ tiefer in mir.

Und im Gegenpol wird jeder sinnliche Eindruck, den man in den Pausen erfährt, ekstatisch: der Geschmack wird intensiver, die Farben leuchtender, der kleinste Spaziergang wird zu einer Entdeckung der Einheitlichkeit der Welt – jedes Blatt erfahre ich konkret als Teil von mir, jedes Tier auf der Wiese scheint zu mir zu sprechen.

24 Stunden lang gemeinsam mit Anderen etwas tief Sinnvolles, Sinngebendes, total Zweckloses,  Zweckfreies zu tun, erfüllt dich, und es „tönt“ in dir die Erfahrung: Das Leben ist absolut gut.

 

Eurythmieperformance von Cristi Heisterkamp mit Einführung von Sebastian Gronbach.