Foto: Jens Heisterkamp

Foto: Jens Heisterkamp

Ob auf Buchtiteln, durch vermeintlich weise Worte bei Facebook oder Einladungen zu Selbsterfahrungskursen – immer wieder werde ich seit geraumer Zeit mit der Aufforderung konfrontiert, ich müsse nur lernen, mich selbst zu lieben, dann würde alles besser gehen. Mich irritiert diese Aufforderung: Diese Appelle zur Selbstliebe wirken auf mich merkwürdig selbstverliebt innerhalb einer insgesamt ohnehin schon narzisstisch geprägten Welt, in der wir doch eigentlich selten Mühe damit haben, uns trotz unseres guten Lebens noch das ein oder andere des Guten mehr zu tun. Wozu also noch „Selbstliebe“?

 

Darüber hinaus scheint mir aber mit der Aufforderung, sich selbst lieben zu sollen, auch der Missbrauch eines unserer kostbarsten Worte einherzugehen. Die Aufforderung zur Selbstliebe, die mit einem irritierenden Kick spielt (Überraschung: ja, du darfst!), verwässert meiner Überzeugung nach die ethische und spirituelle Größe, die im Prinzip der Liebe wurzelt. Sicher, man muss nicht zu hart gegen sich sein, man soll Verständnis mit sich selbst haben, soweit verstehe ich, was gemeint ist – die Frage lautet aber nicht: darf ich, sondern kann ich mich überhaupt selber lieben? Das Wesen der Liebe besteht doch gerade darin, einem anderen Subjekt als mir selbst Raum in mir geben zu können, es meint, mein eigenes Denken, Fühlen und auch mein eigenes Wollen einem anderen als mir selbst zu schenken, um sein Wesen – und nicht meines – in mir leben zu lassen. Liebe, das ist das Vermögen der Selbst-Übersteigung, des Aus-sich-heraus- und In-einen-anderen-hinein-Könnens, die hohe Kunst eines in diesem Sinne ekstatischen Seins. Der vermeintliche Rettungsaufruf zur „Selbstliebe“ vernebelt das.

 

„Die Liebe ist ein Erleben des anderen in der eigenen Seele“, so klar hat es Rudolf Steiner einmal ausgedrückt. Und das Evangelium bei Markus 12,31 rät (ebenso wie schon das berühmte Leviticus der Bibel Vers 19,18) wörtlich: „Liebe deinen Mitmenschen, er ist wie du“ – es heißt keineswegs „liebe ihn wie dich selbst“, wie oft übersetzt.

 

Noch einmal: Ja, man kann verständnisvoll mit sich selbst umgehen, und nein, es bringt nichts, sich zwanghaft zu kasteien. Aber man kann sich nicht selber lieben, weil es bei der Liebe, mit Buber gesprochen, immer um ein Du geht. Am Ende braucht man aber gar keine logische Spitzfindigkeit in dieser Frage: Die Aufforderung zur Selbstliebe ist in Wirklichkeit ebenso kurios wie die, sich selbst küssen zu sollen. Nein, man kann sich höchstens selbst einen Knutschfleck verpassen – aber wer wollte das schon küssen nennen! Zum Küssen gehören immer zwei, und mit der Liebe ist es nicht anders. Und das ist schön so.